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Warum Schwimmen im Container Leben retten kann

28. Mai 2026

Die Zahlen sind dramatisch: Mehr als 60 Prozent der Kinder in Deutschland können nach der Grundschule nicht sicher schwimmen. Ein mobiles Schwimmbad soll bei dem Problem nun helfen.

Schwimm-Unterricht in einem Schwimmcontainer. Eine Schwimmlehrerin unterrichtet kleine Kinder im Wasser.
In einem Schwimmcontainer können Kinder sich an Wasser gewöhnen und werden auf einen Schwimmkurs vorbereitetBild: Thomas Klein/DW

"Etwa 60 Prozent der Grundschülerinnen und Schüler in Deutschland können nicht sicher schwimmen, wenn sie die vierte Klasse beendet haben", sagt Martin Holzhause von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Interview mit der Deutschen Welle (DW). Schwimmen sei wichtig, weil es Leben retten kann.

"Sicher" schwimmen bedeutet in diesem Fall, dass Kinder sich mindestens eine Viertelstunde lang schwimmend bewegen können ohne eine Pause zu benötigen. Zudem sei der Sprung ins Wasser und die Orientierung unter Wasser nötig, um als sichere Schwimmerin oder sicherer Schwimmer zu gelten.

Auch eine andere Statistik macht der DLRG Sorgen, denn die Zahl der Kinder, die nach dem Verlassen der Grundschule gar nicht schwimmen können, ist von zehn auf 20 Prozent gestiegen [Quelle: DLRG, 2022]. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ertrinken in Europa jedes Jahr mindestens 20.000 Menschen, in Deutschland waren es 2024 über 400.

Die von der DLRG veröffentlichten Zahlen sind erschreckend, die Gründe dafür aber nicht neu. Denn in den vergangenen Jahren mussten immer mehr Bäder dauerhaft geschlossen werden, andere sind stark sanierungsbedürftig - es fehlt schlichtweg das Geld.

"Die Kapazität an Schwimmbädern in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verringert", bestätigt Holzhause. Genaue Zahlen seien leider nicht verfügbar, da die Datenlage sehr unklar sei, so die DLRG. Zudem gäbe es einen erheblichen Mangel an Schwimmtrainerinnen und Trainern.

Ist Schwimmen zum Luxus geworden?

Wolfgang Schmitz vom Kreissportbund in Düren vermutet, dass die tatsächlichen Zahlen sogar noch viel höher sind. "Es gibt eine riesige Dunkelziffer von Kindern," vermutet der Geschäftsführer. Schmitz hat sich in den vergangenen drei Jahren gemeinsam mit seinem Team intensiv mit dem Thema beschäftigt und in dieser Zeit besorgniserregende Dinge erlebt. So hätten manche Kinder nicht einmal Badesachen oder ein Handtuch. Es sei eine extreme Situation in Deutschland.

Jedes zweite Kind in Deutschland kann nach der Grundschule nicht schwimmenBild: Christoph Wojtyczka/Funke Foto Services/IMAGO

Schmitz' Eindruck wird bestätigt, denn die Zahlen zeichnen ein trauriges Bild. Fast die Hälfte der Kinder, die nicht schwimmen können, kommen aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2.500 Euro.

"Das ist dramatisch", sagt Holzhause und erklärt: "Schwimmbadbesuche sind teuer, Schwimmkurse außerhalb der Schule kosten auch schnell mehrere hundert Euro." Für Familien aus strukturschwachen Gegenden sei das oft nicht zu bezahlen.

"Mobi" soll Kindern helfen

Eine Möglichkeit das zu ändern, sieht die DLRG beim Schwimmunterricht in den Schulen. "Dort kann man alle Kinder erreichen und so hätten auch Kinder aus ärmeren Bereichen die Chance das Schwimmen zu lernen", sagt Holzhause. Doch auch die Schulen leiden unter den infrastrukturellen Problemen der deutschen Bäderlandschaft - es gibt zu wenig Schwimmbäder und Fachpersonal, um die Kinder zu betreuen.

Und genau an dieser Stelle setzt das gemeinsame Projekt des Kreissportbundes Düren und des Fördervereins der Sparkasse KölnBonn an, die einen mobilen Schwimmcontainer entwickelt haben. "Mobi" soll vor allem an Schulen aufgebaut und genutzt werden.

Aktuell steht "Mobi" in Köln-Mülheim an einer Grundschule und ermöglicht es der Schule Schwimm-Unterricht anzubietenBild: Thomas Klein/DW

"Der Hauptfokus ist, dass wir den Kindern, die gar keine Möglichkeit haben - aus finanziellen, familiären oder anderen infrastrukturellen Bedingungen - Schwimmen zu lernen, helfen", erklärt "Mobi"-Projektleiterin Verena von Gathen im Interview mit der DW.

Durch das mobile Schwimmbad könnten die Kinder nun eine Wassergewöhnung absolvieren. In erster Linie geht es dabei darum, ihnen die Angst vor dem Wasser zu nehmen und sie so auf einen Schwimmkurs vorzubereiten.

Wiesenhöfer: "Fasziniert, was auf kleinem Raum möglich ist"

"Mobi" besteht aus drei Containern und wirkt von außen eher unscheinbar. Im Inneren zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Das Schwimmbecken ist knapp 40 Quadratmeter groß und bietet alles, was ein "normales" Schwimmbad auch hat.

"Wir haben Fußbodenheizung, Toiletten, Duschen und eine Gegenstromanlage", erklärt Gero Wiesenhöfer vom Förderverein der Sparkasse KölnBonn im Interview mit der DW. Hinzu kommt ein separater Container für die Technik. "Es fasziniert mich, was alles auf einem kleinen Raum möglich ist."

Das Schwimmbecken im Inneren des Containers hat alles, was ein großes Schwimmbad auch hatBild: Kreissportbund Düren e.V.

Die Entwicklung von "Mobi" dauerte circa ein Jahr und kostete rund eine Million Euro. Die Betriebskosten liegen aktuell bei etwa 500.000 Euro pro Jahr. Insgesamt hat das auf zunächst fünf Jahre angelegte Projekt circa 3,5 Millionen Euro gekostet. Finanziert wird es durch Spendengelder.

"Unser Ziel ist es den Kindern die schwimmerischen Grundfertigkeiten soweit beizubringen, dass wir keine Angst mehr haben müssen, dass sie untergehen", erklärt von Gathen. "Wir stehen meistens auf einem Schulhof. Die gesamte Schule kann von der Klasse eins bis vier den "Mobi" für drei Monate nutzen." 

Bild-Karten helfen bei der Kommunikation

Die Projektleiterin begleitet "Mobi" auch wissenschaftlich und hat ein System entwickelt, "wie man spielerisch und motivierend Kindern trotz Sprachbarriere gut unterrichten kann. Daraus ist ein Lern-Set entstanden. Mit Hilfe von Bild-Karten erreichen wir alle Kinder in jedem Alter."

Und die Idee kommt bei allen richtig gut an. "Wir haben verschiedene Übungen und Spiele, die wir mit den Kindern machen", erklärt Schwimmlehrerin Xenia. Es sei wichtig, richtig auf die Kinder einzugehen und sich deren Tempo anzupassen, um ein positives Ergebnis zu erzielen. "Man merkt dann auch schnell, dass die Kinder richtig viel Spaß haben, gerne ins Wasser gehen und ihre Angst verlieren."

Mit Bild-Karten können Kinder trotz Sprachbarriere am Schwimmunterricht teilnehmenBild: Thomas Klein/DW

Rund 500 bis 600 Kinder benutzen "Mobi" aktuell pro Woche. Eine Zahl, die die Betreiber positiv stimmt. Trotz des Erfolges, sei der Schwimmcontainer aber kein Ersatz für ein großes Bad. "Wir wollen kein Schwimmbad ersetzen", sagt Wiesenhöfer. Doch bis die Schwimmbäder wieder auf dem richtigen Stand seien, könne "Mobi" eine gute Hilfe sein.

"Unsere Erfahrungswerte zeigen, dass die Kinder, die bei uns im Schwimmcontainer waren und danach in ein großes Becken gehen, relativ schnell sehr sicher schwimmen können", ergänzt Wolfgang Schmitz.

"Bis ein neues Schwimmbad gebaut ist, dauert es sehr lange. Bis dahin können wir etwas tun. Und wenn es uns gelingt in der Zeit ein Kind vor dem Ertrinken zu retten, dann haben wir alles richtig gemacht."

Mobiler Schwimmcontainer "Mobi"

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