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Warum uns Freunde so gut tun - auch Online-Freunde?

22. Oktober 2025

Manche Freundschaft hält ein Leben lang, mache nur ein paar Jahre. Beide haben ihre Berechtigung und tun uns gut. Und was ist mit Online-Freunden aus dem Netz? Sind auch das "echte" Freundschaften?

Drei Mädchen liegen ausgestreckt auf dem Boden und lachen
Zusammen mit unseren Freundinnen und Freunden fühlen wir uns wohl - das stärkt unter anderem unser ImmunsystemBild: IMAGO/imagebroker

Meine allerbeste Freundin habe ich auf dem Schulweg kennengelernt. Wir wohnten in der Nachbarschaft, verbrachten Zeit zusammen und wurden beste Freundinnen. Paarbeziehungen kamen und gingen oder blieben in unseren Leben, wir wohnen inzwischen in verschiedenen Städten. Aber unsere tiefe Freundschaft besteht weiter und wird immer so bleiben, da sind wir beide sicher.

Beste Freunde oder Freundinnen wird man, so haben es Forschende der Universität Kansas errechnet, wenn man etwa 730 Stunden gemeinsam verbracht hat - umgerechnet also etwa so viele Stunden wie ein Monat hat.

80 bis 100 Stunden braucht es demnach, bis aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft wird und mindestens 200 Stunden gemeinsamer Zeit sind nötig, um gut befreundet zu sein. Wie viele Stunden es für das Prädikat "allerbeste Freundin" braucht, haben die Forschenden aber nicht ausgerechnet. 

Solche Herzensfreundschaften, in denen man sich alles erzählen kann, haben wir nur mit wenigen Menschen - mit höchstens drei, sagen Psychologen. Aber auch gute oder lockere Freundschaften tragen zu unserem Wohlbefinden bei. 

Wie und wo trifft man Freunde?

Mit Freunden teilt man gemeinsame Interessen, den Humor oder auch ähnliche Gewohnheiten. Da liegt es nahe, dass man sie häufig dort findet, wo man sich oft aufhält und Menschen über längere Zeit immer wieder trifft. 

Ein paar Zahlen für Deutschland: In einer Umfrage gaben mehr als zwei Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, dass sie alle oder viele ihrer guten Freundinnen und Freunde in der Schule, Ausbildung, im Studium oder bei der Arbeit kennengelernt haben. Auch Sport und andere Freizeitaktivitäten oder der Bekanntenkreis bieten Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen.

Wie entscheiden wir, mit wem wir uns anfreunden?

Und auch rein körperliche Nähe scheint einen Einfluss zu haben. So zeigte eine Studie, dass sich Sitznachbarn im Klassenzimmer häufiger anfreunden als weiter entfernt sitzende Schüler. Ob aus unserer Banknachbarin aber wirklich eine gute Freundin wird, das hängt letztlich davon ab, wie ähnlich sie uns ist, so die Studie.

"Wenn ich mich mit Menschen umgebe, die mir ähnlich sind und meine Werte oder Einstellungen spiegeln, dann fühlt sich das gut an, wie eine kleine Belohnung", sagt Anna Schneider. Sie lehrt Psychologie an der Universität Trier und forscht unter anderem über die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft.

Gemeinsame Interessen bringen uns zusammen und können Freundschaften entstehen lassenBild: IMAGO/Westend61

"Ähnliche Menschen schwingen bei vielen Themen auf einer ähnlichen Wellenlänge, was Gespräche einfacher macht", sagt auch Psychologe Tobias Altmann, der an der Universität Duisburg-Essen zu den Voraussetzungen für Freundschaftsbeziehungen forscht.

Ähnlichkeit scheint auch auf genetischer Ebene eine gewisse Rolle zu spielen. So wies eine Studie mit rund 2000 Teilnehmenden nach, dass sich befreundete Menschen in etwa einem Prozent der Gene ähnlich sind, auch wenn sie gar nicht verwandt sind. Das ist ungefähr so wie bei Cousins vierten Grades. Eine hohe Übereinstimmung gab es bei den Genen, die mit dem Geruchssinn zusammenhängen.

Und ein israelisches Forschungsteam fand heraus, dass unser freundschaftliches Interesse für eine bestimmte Person zumindest beim Kennenlernen auch dadurch bestimmt wird, ob ihr Körpergeruch unserem eigenem ähnlich ist. Nicht umsonst steht im Deutschen der Satz "ich kann dich gut riechen" für "ich mag dich gerne".  

Sind auch Online-Freundschaften "echte" Freundschaften?

In Deutschland gaben rund 22 Prozent der queeren Jugendlichen an, dass sie auch online gute Freundinnen und Freunde kennengelernt haben. Unter den nicht-queeren Befragten sagten das nur acht Prozent. Ob 22 oder acht Prozent: Kann man im Netz wirklich "echte" Freundschaften schließen? Und sind sie genauso stabil? 

Würden wir nur Freundschaften im digitalen Raum pflegen, ohne Kontakte im realen Leben, würde das auf Dauer nicht gutgehen, meint Altmann. Denn Freundschaft sei eben nicht nur ein Wohlfühlraum. Freunde helfen uns, mit der Welt besser klar zu kommen und mit Problemen umzugehen.

Durch Spielfreunde lernten Kinder die sozialen Grundregeln - etwa, was passiere, wenn man andere haut. In der Jugend seien Freundschaften besonders wichtig, um die eigene Identität auszubilden. "Wir lernen soziale Konflikte auszuhalten und zu lösen, wir lernen uns selbst im Kontakt mit anderen kennen, wir finden unseren Platz in der Gesellschaft."

Lindern soziale Medien die Einsamkeit?

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Zwar seien manche Menschen in Online-Freundschaften offener und wagten mehr Authentizität. Aber ohne direkten Kontakt, etwa in Chats, könne man nicht intuitiv erspüren, wie es dem anderen gehe, sagt Altmann. Online könne schneller Missverständnisse geben. Gleichzeitig aber: "werden Konflikte weniger bereitwillig ausgetragen und geklärt. Denn Online-Freundschaften sind deutlich einfacher austauschbar als analoge Freundschaften."

Warum Chatbots Freunde nicht ersetzen können 

Sehr problematisch seien "Freundschaften" mit Chatbots. Denn diese KI-Modelle seien darauf programmiert, alles von uns konstant gut zu finden. "Das bestärkt dann auch unsere Merkwürdigkeiten und Macken." Auch Schneider bestätigt, dass Menschen sich Chatbots gegenüber stärker öffnen, weil sie nicht fürchten müssten, verurteilt zu werden. 

Wenn wir aber nie andere Meinungen über uns als Rückmeldung bekommen, dann, so Altmann: "neigen wir schneller dazu, zu radikal zu sein mit unserer Meinung, zu kompromisslos mit unseren Vorstellungen und zu fordernd mit unseren Mitmenschen." In den USA endete erst kürzlich eine "Freundschaft" mit einem Chatbot tödlich. 

Wie auch immer der Avatar eines Chatbots aussehen mag - ein echter Freund kann ein Computerprogramm nie sein Bild: Jaap Arriens/NurPhoto/picture alliance

Dennoch sind die Unterschiede zwischen Freundschaft online und Freundschaft analog inzwischen stark geschrumpft, sagt Schneider. Das liege auch an den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation. Im Video-Call können man sein Gegenüber sehen und hören dadurch besser interpretieren als im Chat.

Die Voraussetzungen für das Entstehen von Freundschaften sind in der digitalen Welt jedenfalls dieselben wie in der analogen: "Selbstoffenbarung, freiwillig gemeinsam verbrachte Zeit, wirkliches Interesse am Gegenüber - und natürlich ganz wichtig ist das Vertrauen." So sei beispielsweise Vorsicht angebracht, wenn sich etwa jemand konsequent weigere, per Video zu kommunizieren.

Warum uns Freundschaften gut tun

Schon 2010 zeigte eine Meta-Analyse, die 148 Einzelstudien auswertete: Menschen mit vielen sozialen Kontakten leben länger. Demnach stärken gute Freundschaften unsere Gesundheit etwa so sehr, wie wenn wir auf das Rauchen verzichten. Und für die Lebenserwartung sind sie laut der Forschung sogar noch entscheidender als das Körpergewicht oder Sport.

Eine Studie von 2022 zeigte, dass Freundschaften das Risiko für Depressionen senken können. Und eine britische Langzeit-Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmenden ergab: Wer viele soziale Kontakte hat, hat auch ein geringeres Demenz-Risiko. Dieser Zusammenhang war noch stärker, wenn es neben der Familie auch Kontakte zu Freunden und Freundinnen gab.

Warum brauchen wir Freundschaften und nicht nur die Familie?

Menschen als ultrasoziales Wesen könnten gar nicht anders, als soziale Kontakte zu suchen, sagt die Psychologin Anna Schneider. Neben den Grundbedürfnissen wie Essen oder Schlafen hätten alle Menschen auf der Welt drei große soziale Bedürfnisse: sozial eingebunden zu sein, eigene Entscheidungen treffen zu können, und selbstwirksam zu sein - also mit dem eigenen Handeln etwas verändern zu können. 

Unsere Freundinnen und Freunde wählen wir selbst aus - deswegen sind sie uns so wichtigBild: Eugenio Marongiu/Westend61/IMAGO

Und all diese Bedürfnisse können durch Freundschaften erfüllt werden. Vielleicht sogar noch mehr als die eigene Familie, so Schneider: "Die Familie ist uns ja gegeben. Aber Freundschaften wählen wir aktiv. Und wenn da eine positive Rückmeldung kommt, dann weiß man: Ich werde nicht nur geliebt, weil ich eben Tochter, Mutter oder Bruder bin, sondern ich."

Wie Freundschaft und Kooperation das Überleben sichern

Wir Menschen sind nicht die einzige Spezies, die Freundschaften schließen. Befreundete Vampirfledermäuse – die einzigen Fledermäuse, die sich vom Blut lebender Säugetiere ernähren –  helfen einander, indem sie Blut hochwürgen, also Nahrung abgeben, wenn der Fledermaus-Freund selbst kein Blut gefunden hat.

Auch Wanderratten pflegen enge Freundschaften außerhalb der Familie. Sie helfen ihren Freundinnen, an Futter zu kommen oder befreien gefangene Artgenossinnen. Biologisch lohnt sich Hilfe jenseits der eigenen Sippe, denn sie sichert das Überleben der Art.

Wanderratten: Die hochsozialen Tiere setzen auf Freundschaft und KooperationBild: Wolfram Steinberg/dpa/picture alliance

Bei wem sich solche Hilfe lohnt, können die Wanderratten übrigens erschnüffeln: Sie riechen, ob eine andere Ratte auch hilfsbereit ist. Ob auch wir Menschen das bei unbewusst bei unseren Freundinnen und Freunden tun, das müssten künftige Forschungen erst noch zeigen. 

Jeannette Cwienk Autorin und Redakteurin, Fokus unter anderem: Klima, Umwelt und Wissenschaft
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