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PolitikVenezuela

Warum in Venezuela russische Luftabwehrsysteme versagten

Sergey Nikitin
8. Januar 2026

Für den Erfolg der US‑Operation zur Festnahme von Nicolás Maduro war es entscheidend, die Luftverteidigung über Caracas außer Gefecht zu setzen. Doch warum funktionierten die russischen Waffen‑ und Abwehrsysteme nicht?

Venezuela Caracas 2026 | Zerstörte Flugabwehrstellung auf dem Militärflugplatz La Carlota
Einer von zwei zerstörten Buk-Raketenwerfern auf dem Militärflugplatz La Carlota in VenezuelaBild: Leonardo Fernandez Viloria/REUTERS

Das Herzstück von Venezuelas Luftverteidigung bilden russische Systeme. Mit denen hatte der venezolanische Machthaber Nicolás Maduro noch wenige Monate vor der US-Militäroperation gegen ihn in verbalen Auseinandersetzungen mit Präsident Donald Trump geprahlt. Nun haben sich die Luftabwehrsysteme aus Russland allerdings als ineffektiv erwiesen.

General Dan Caine, Vorsitzender der Vereinigten Generalstabschefs der USA, teilte mit, mehr als 150 Kampf- und Aufklärungsflugzeuge, darunter F-35-Kampfjets, strategische B-1-Bomber und Kampfhubschrauber, hätten an dem Einsatz in der Nacht auf den 3. Januar teilgenommen. Durch die schnelle Ausschaltung der Luftverteidigung von Venezuelas Hauptstadt Caracas seien Verluste vermieden worden.

"Offenbar funktionierten die russischen Luftabwehrsysteme nicht so gut", scherzte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth in einer Rede vor amerikanischen Militärs.

Welche Systeme sollten Venezuela schützen?

Rein technisch hätten die russischen Systeme wesentlich besser performen können, meint der österreichische Militärhistoriker Markus Reisner. Aber die USA hätten auf eine Kombination mehrerer Faktoren aus Unterdrückung der feindlichen Luftverteidigung und Cyberattacken gegen das Luftverteidigungsführungs- und Kontrollsystem gesetzt. Hinzugekommen seien gut vorbereitete "Inside Jobs", durchgeführt durch die amerikanischen Geheimdienste CIA und DIA.

Laut dem Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut (SIPRI) lieferte Russland allein zwischen 2008 und 2014 jeweils drei Systeme vom Typ Buk-M2 und S-300VM "Antey-2500" sowie elf modernisierte Systeme vom Typ S-125 "Pechora-2 M" an Venezuela. Dafür wurde 2015 dem damaligen russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu in Venezuela sogar der Verdienstorden für nationale Sicherheit verliehen.

Die Daten von SIPRI sind jedoch wegen der intransparenten Berichterstattung über Waffenexporte unvollständig. Experten schätzen, dass Venezuela tatsächlich über noch mehr russische Luftverteidigungssysteme unterschiedlicher Reichweite verfügte. In den letzten 20 Jahren erwarb Venezuela mindestens 17 große Flugabwehrraketensysteme und zahlreiche tragbare Luftverteidigungssysteme aus Russland und baute so eines der dichtesten mehrschichtigen Luftverteidigungssysteme in Lateinamerika auf.

Satellitenaufnahmen zerstörter Fahrzeuge auf dem Militärstützpunkt Fuerte Tiuna am 3. JanuarBild: Vantor/REUTERS

Im Oktober 2024 lieferte Russland Berichten zufolge weitere Flugabwehrsysteme vom Typ Pantsir und Buk-M2 sowie tragbare Flugabwehrsysteme vom Typ Igla-S, mit denen Maduro geprahlt hatte. "Jede Streitkraft der Welt kennt die Durchschlagskraft der Igla-S-Rakete, und Venezuela verfügt über mindestens 5000 dieser Raketen", erklärte er im Oktober 2025.

"Venezuelas Luftverteidigung basiert auf russischen Systemen und ist mit einem chinesischen Radarsystem zur Erkennung vor Luftangriffen kombiniert. Sie war die stärkste in Lateinamerika, was nicht überraschend ist, da die meisten Länder des Kontinents keine Luftangriffe fürchten", berichtet der russische Militärexperte Jurij Fjodorow im DW-Gespräch.

Was passierte mit der Luftabwehr beim US-Angriff?

Die US-Militäroperation begann mit einem Cyberangriff, der weite Teile der Stromversorgung von Caracas lahmlegte und es 150 amerikanischen Flugzeugen, Drohnen und Hubschraubern ermöglichte, sich der Hauptstadt unbemerkt zu nähern. Um einen Korridor zu sichern, wurden laut der Washington Post sechs Luftverteidigungsanlagen, die Caracas abdecken sollten, angegriffen. Betroffen waren unter anderem der Hafen von La Guaira, der Luftwaffenstützpunkt La Carlota und der Militärstützpunkt Fuerte Tiuna. Veröffentlichten Aufnahmen zufolge wurden mindestens zwei Buk-Raketenwerfer zerstört.

Darüber hinaus stellen westliche Militärexperten fest, dass entgegen der deklarierten Stärke ein erheblicher Teil der Luftabwehr aufgrund jahrelanger mangelhafter Wartung und fehlender Ersatzteile nicht einsatzfähig war - aber auch, weil Russland seinen Zusagen für Reparaturen und Modernisierungen nicht nachgekommen ist. Folglich war zum Zeitpunkt des US-Angriffs nur ein Bruchteil der nominell vorhandenen Systeme funktionsfähig.

Die Washington Post hatte im Oktober unter Berufung auf Quellen berichtet, Maduro habe angesichts der US-Militärpräsenz in der Karibik Russland und China um Verstärkung des venezolanischen Militärs mit Raketen, Drohnen, Radargeräten und Flugzeugen gebeten. Moskaus Interesse an Venezuela habe in den letzten Jahren jedoch nachgelassen, und es gebe auch angesichts der aktuellen Krise keine Anzeichen für eine größere Unterstützung, so die Zeitung.

Die US-Operation, die gut zwei Stunden dauerte, führte schließlich zur Gefangennahme von Maduro - ohne Verluste für das  amerikanische Militär. Lediglich ein Hubschrauber wurde beschädigt, der aber dennoch zu seiner Basis zurückkehren konnte.

Da war die Welt noch eine andere: Im Mai 2025 empfing der russische Präsident Wladimir Präsident Putin Venezuelas damaligen Staatschef Maduro im KremlBild: Maxim Shemetov/REUTERS

Warum hat Venezuelas Luftabwehr versagt?

Das Versagen von Venezuelas Luftverteidigung führt Jurij Fjodorow auf den Einsatz amerikanischer Jagdbomber F-35 und F-22 der neuesten Generation zurück. "Diese Flugzeuge der fünften Generation sind per Radar sehr schwer zu orten. Flugzeuge der fünften Generation können relativ leicht eine Luftabwehr überwinden, auch russische S-400-Systeme", so der Militärexperte.

Verteidigungssysteme am Boden, insbesondere russische, seien gegen moderne Bomber zu schwach, so der Militärexperte Daniel Bachmat gegenüber der Zeitung The Telegraph. Ihm zufolge haben die Luftabwehrsysteme einer Kombination aus Echtzeitaufklärung, elektronischer Kampfführung und Präzisionswaffen nichts entgegensetzen.

Ferner weisen Experten auf das gebirgige Terrain von Caracas als Problem hin. Russische Luftabwehrsysteme seien für flaches Gelände ausgelegt, während tieffliegende Flugzeuge und Raketen sich hinter der bergigen Küstenlandschaft Venezuelas verbergen könnten, so die Zeitung The Telegraph.

Laut dem US-Magazin Defense Blog hat es auch eine entscheidende Rolle gespielt, dass das Militär des Landes unfähig gewesen sei, auf den Angriff zu reagieren. Die USA hätten, so heißt es, wichtige Kommando- und Kommunikationszentren angegriffen, was zu einer Desorganisation unter den Einheiten der Luftabwehr und den Bodentruppen geführt habe. Mehrere Stunden lang seien nach den Angriffen keine koordinierten Aktionen zu beobachten gewesen.

Am Ende ist Jurij Fjodorow zufolge der Hauptgrund für das Versagen der venezolanischen Luftabwehr menschliches Versagen gewesen. "Es geht weniger um die technischen Fähigkeiten der einen oder anderen Seite, sondern vielmehr darum, dass die venezolanischen Streitkräfte den Angriff schlichtweg verschlafen und nicht erwartet haben", so der Militärexperte.

Dem stimmt Markus Reisner zu. Zwar hätten die Exportversionen russischer Luftabwehrsysteme eingeschränkte Fähigkeiten, doch der entscheidende Faktor seien nicht die Waffensysteme, sondern deren Bediener.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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