Warum Yad Vashem nach Deutschland kommt
3. Juni 2026
So allgegenwärtig die Erinnerung in Israel an den Holocaust ist, so sehr verblasst sie andernorts, selbst im Land der einstigen Täter. Rund 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben laut einer Umfrage der Jewish Claims Conference im Jahr 2025 etwa 10 bis 12 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland noch nie etwas vom Begriff "Holocaust" gehört. Rund 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wissen nicht, dass während des Nationalsozialismus sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden.
Das ist einer der Gründe, warum Yad Vashem, die in Jerusalem beheimatete größte Holocaust-Gedenkstätte der Welt, eine Außenstelle in Deutschland errichtet. Es ist die erste außerhalb Israels. "Wir kommen nicht nach Deutschland, um die deutsche Demokratie zu stärken oder um vor dem Aufstieg einer rechtsextremen Partei in Deutschland zu warnen", so der Yad-Vashem-Vorsitzende Dani Dayan gegenüber der DW. "Wir haben das Zentrum gegründet, um über den Holocaust aufzuklären. Das ist ein gutes Werkzeug im Kampf gegen den Antisemitismus. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Arbeit die Demokratie stärken wird und eine starke Waffe sein wird, um vor dem Aufstieg einer Partei zu warnen, die ihre Wurzeln in der Nazi-Ideologie hat - und ich werde nicht zögern, sie ausdrücklich zu benennen: der AfD".
Das Gift des Antisemitismus
Über 2000 Jahre lang wurden Juden stigmatisiert und verfolgt, in blutigen Pogromen vertrieben und ermordet. Schon die Römer machten sie in politischen Krisen zu Sündenböcken, das Christentum stigmatisierte sie als "Gottesmörder", im Mittelalter folgte die Legende vom angeblichen jüdischen "Ritualmord" an christlichen Kindern - gefolgt von Schauprozessen und Pogromen. Antisemitismus als rassistische Ideologie fand ihren Höhepunkt schließlich im Holocaust.
"Nach der Shoah (der hebräische Begriff für Katastrophe oder Holocaust, Anm. der Red.) und der Verwüstung, die sie über Europa gebracht hat - nicht nur über das jüdische Volk, sondern auch über Deutschland und Europa -, dachte ich, dass wir wenigstens 100, 200 Jahre ohne Antisemitismus leben könnten. Aber wir sehen, dass das leider nicht der Fall ist", sagt Dayan. "In einer polarisierten Welt, wie wir sie heute in vielen Gesellschaften sehen, ist der Hass auf die Juden und den jüdischen Staat zur Lingua franca (gemeinsame Sprache, Anm. d. Red.) aller Extremisten weltweit geworden."
Antisemitische Übergriffe nehmen auch in Deutschland zu. Die Entscheidung, die Yad-Vashem-Außenstelle im Zentrum Münchens zu eröffnen, lag daher auch am hohen Sicherheitsstandard der bayerischen Metropole. Die historische Bedeutung der Stadt, nämlich dass hier der Aufstieg der Nationalsozialisten seinen Anfang nahm, war hingegen nicht ausschlaggebend für die Wahl Münchens. Und doch, das Zentrum wird in ein Gebäude am zentralen Karolinenplatz ziehen - dorthin, wo einst das Oberste Parteigericht der NSDAP seinen Sitz hatte.
Auch in Leipzig wird es eine Dependance geben. Aber natürlich, betont Dayan, seien diese Orte nicht nur für Bayern und Sachsen bestimmt, sondern für ein Publikum aus ganz Deutschland. "Ich halte es für sehr wichtig, die jüdische Perspektive auf den Holocaust, die Perspektive der Opfer und der Überlebenden, nach Deutschland zu bringen - ins Land der Täter."
Wobei es in Deutschland schon zahlreiche Gedenkstätten, Museen und Mahnmale gibt, die an die Grauen des Holocaust erinnern. Was also will das Münchner Yad-Vashem-Zentrum anders machen? "Es soll kein Museum mit Ausstellungsstücken und Originalobjekten ermordeter Juden sein", betont Dayan, sondern ein interaktives Bildungszentrum.
Wie genau dieses Bildungszentrum aussehen und wie es aufklären soll, darüber ist bislang kaum etwas bekannt. Warum man diese Außenstelle nicht in bereits bestehende Einrichtungen mit dem Schwerpunkt Holocaustvermittlung, wie dem NS-Dokumentationszentrum in München, einbindet, fragte sich beispielsweise der deutsch-israelische Publizist und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, Meron Mendel . Schließlich betonte Dayan in der Vergangenheit, wie sehr er Deutschland für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen schätze.
Als der Unternehmer und damalige US-Regierungsvertreter Elon Musk bei einem AfD-Parteitag im Januar 2025 erklärte, Deutschland solle seine Erinnerungskultur hinter sich lassen, war der Yad-Vashem-Vorsitzende entsetzt. Das sei nicht nur eine Beleidigung für die Opfer und Überlebenden der Schoah, sondern auch eine Gefahr für die deutsche Demokratie, ließ Dayan damals wissen.
Kritik an Yad Vashem: Wie politisch ist die Gedenkstätte?
Als bekannt wurde, dass Yad Yashem Niederlassungen in München und Leipzig einrichtet, war die Reaktion aus deutschen Politikerkreisen einhellig positiv - auch bei der AfD.
Kritik kam von Meron Mendel: Yad Yashem sei nicht unabhängig, sondern der israelischen Regierung unterstellt, sagte er im Deutschlandfunk. Aktuell sei diese Regierung von Rechtsradikalen dominiert. Diese habe ein "klares Interesse" an einem Antisemitismus-Begriff, der Kritik am Staat Israel als antisemitisch einstuft". Es bestehe die Möglichkeit, dass auch eine der Regierung unterstellte Einrichtung entsprechende Deutungsmuster übernehme.
Auch Dani Dayan stand immer wieder in der Kritik. Von 2007 bis 2013 war er Vorsitzender des "Yesha-Rats", der Dachorganisation jüdischer Siedler in den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Besatzung ist - so ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs - völkerrechtswidrig. Von 2016 bis 2020 amtierte Dayan als israelischer Generalkonsul in New York. Bei seiner Ernennung zum Vorsitzenden Yad Vashems 2021 fürchteten viele, die Arbeit der Gedenkstätte könne politisiert werden. Dayan versprach damals, eine klare Trennlinie zwischen der Politik einerseits und dem Gedenken andererseits zu ziehen: "Ich habe einen Schutzwall zwischen mir und der Politik errichtet. Die Mission, die ich übernommen habe, ist mir heilig und ich werde sie niemals beschmutzen."
Und so weist er Meron Mendels Vorwurf der Politisierung der Gedenkstätte von sich. "Yad Vashem ist eine staatliche Einrichtung, aber keine Regierungsbehörde. Yad Vashem ist vollkommen unabhängig. Die Vorstellung, dass wir ein Werkzeug einer bestimmten Regierung sind, dieser Regierung oder irgendeiner anderen Regierung, ist völlig falsch", sagt er der DW. Er könne eine Vielzahl von Fällen aufzählen, in denen Yad Vashem und die israelische Regierung nicht nur unterschiedliche, sondern sogar diametral entgegengesetzte Positionen eingenommen hätten.
Im Übrigen habe die Netanjahu-Regierung schon versucht, ihn aus dem Amt zu entfernen. Doch der drohende Rauswurf 2023 wurde abgewendet. Dayan hatte sich trotz anfänglicher Skepsis großen Respekt in der Fachwelt erworben: "Mit großer Sorge beobachten wir die jüngsten Angriffe des israelischen Bildungsministers auf Dani Dayan", schrieben 123 Holocaustforscher aus aller Welt in einem offenen Brief. Dayan "dient der Institution auf herausragende Weise und ermöglicht es Yad Vashem damit, seinen unabhängigen und überparteilichen Charakter zu erhalten".
Was passiert, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?
Dayan sagt, ihm sei vor allem eines wichtig: die Erinnerung an die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust aufrechtzuerhalten - vor allem vor dem Hintergrund, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. "Die prägende Erfahrung, einem Überlebenden zuzuhören, der uns seine Geschichte erzählt, wird es für die Kinder, die heute geboren werden, nicht mehr geben." Ob Hologramme die Lücke füllen können, bezweifelt er. Auch dem Einsatz Künstlicher Intelligenz steht er skeptisch gegenüber.
In Yad Vashem hat man daher Wege entwickelt, um die Menschen auch anders emotional anzusprechen - in Theaterstücken beispielsweise und mit "immersiven" Erlebnissen, bei denen die Besucher mittels Musik und großflächigen Projektionen quasi in eine andere - jüdische - Welt eintauchen können.
Der Yad-Vashem-Vorsitzende befürchtet, dass Holocaust-Leugner nach dem Tod der letzten Überlebenden leichteres Spiel haben werden. Wir befänden uns zwar noch nicht wieder in den 1930er-Jahren, aber die Richtung dorthin sei eingeschlagen. "Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Generation der 1930er-Jahre und der heutigen Generation: Die Menschen hatten in den 1930er-Jahren das Privileg, ja, die Naivität zu sagen: Sie können vielleicht Bücher verbrennen oder Synagogen anzünden, aber sie würden niemals Menschen verbrennen. Im Jahr 2026 haben wir dieses Privileg nicht, denn wir wissen, dass, wenn es einmal passiert ist, es auch ein zweites Mal passieren kann."