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PolitikEuropa

Grönland-Streit mit den USA: Was bedeutet das für die NATO?

Teri Schultz
11. Januar 2026

Bislang war es undenkbar, dass ein NATO-Partner einem anderen Partner militärisch drohen könnte. Die Idee der Trump-Regierung von einer Übernahme Grönlands stellt das Bündnis vor große Herausforderungen.

Trump-Flieger am Flughafen von Nuuk
Im Januar 2025 schickte Präsident Trump seinen Sohn Donald Jr. nach GrönlandBild: Emil Stach/Ritzau Scanpix/AFP

Die Pläne der NATO für den Verteidigungsfall umfassen Hunderte von Seiten, doch all diese Pläne befassen sich mit einer Bedrohung und einem Angriff von außen. Pläne dafür, wie mit den immer lauter werdenden Drohungen von US-Präsident Donald Trump umzugehen ist, das Territorium eines Verbündeten mit allen Mitteln zu übernehmen, gibt es nicht. Bisher besteht die Strategie von NATO-Generalsekretär Mark Rutte darin, zu schweigen. Doch das wird nicht mehr lange funktionieren.

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen versuchte bereits, die Ambitionen der USA einzuhegen, als sie warnte: "Wenn die USA beschließen, einen anderen NATO-Verbündeten militärisch anzugreifen, findet alles ein Ende. Auch die NATO und die Sicherheit, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs besteht."

Die Glaubwürdigkeit der NATO ist in Gefahr

Selbst wenn es - noch - nicht zu einem militärischen Eingreifen kommt, können die Auswirkungen der eskalierenden Drohungen nicht unterschätzt werden. "Für [den russischen Präsidenten Wladimir] Putin ist es ein gewaltiger Erfolg, dass wir diese Diskussion überhaupt führen", sagt Patrik Oksanen vom Stockholm Free World Forum. Von einer solchen Situation innerhalb des Bündnisses hätte die frühere sowjetische Führung nur träumen können.

Eine von Katie Miller, Ehefrau des Trump-Beraters Stephen Miller, am Samstag in den sozialen Medien gepostete Karte von Grönland, bedeckt mit einer US-amerikanischen Flagge und versehen mit dem Wort "SOON", fachte die Sorgen weiter an.

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Für Ed Arnold von der Londoner Denkfabrik "Royal United Services", der früher selbst beim NATO-Hauptquartier beschäftigt war, geht der Schaden für die NATO über gereizte Nerven hinaus. "Das Bündnis basiert auf Werten und Vertrauen", betont er gegenüber der DW. "Allein, dass wir an diesem Punkt angekommen sind, schwächt die Allianz." Was für ein Bild gäbe es ab, wenn 32 NATO-Mitglieder zu Beratungen zusammenkämen und die Bedrohung von einem der Teilnehmer am Tisch ausgehe.

Europa muss die Sicherheit der Arktis ernst nehmen

Einige Beobachter sind der Meinung, die europäischen NATO-Verbündeten sollten Soldaten nach Grönland entsenden, um Trump zu zeigen, dass sie die Verteidigung der Insel ernst nehmen und ein Einsatz von US-Truppen unnötig sei. Steven Everts vom Europäischen Institut für Sicherheitsstudien, hält das für sinnvoll, jedoch nur, wenn es aus den richtigen Gründen geschehe. "Die Europäer sollten die Sicherheit in der Arktis ernst nehmen. Wenn es Lücken gibt, sollten wir versuchen, sie zu schließen."

Auf diese Weise könne Trump allerdings nicht besänftigt werden, warnt er. Das hätten bereits frühere Versuche gezeigt. "Das hier ist keine Übung. Das ist nichts, was wir aussitzen können in der Hoffnung, dass es besser wird", betont Everts. "Es wird sich nur etwas tun, wenn wir energisch handeln und uns behaupten. Nicht auf aggressive Art, wir werden wegen Grönland nicht gegen das US-Militär zu Felde ziehen. Aber wir müssen sehr, sehr deutlich machen, wie wir die Zukunft Grönlands sehen - und die Zukunft des Bündnisses mit allem, was damit einhergeht."

Entschiedene Antwort gefragt

Der dänische EU-Abgeordnete Anders Vistisen ist ganz Everts' Meinung. Europa müsse "aufhören, diplomatische Spielchen zu spielen, nachzugeben, die USA zur Vernunft aufzurufen, sie zu beschwichtigen, indem es mehr Geld für das Militär in der Arktis ausgibt oder ihnen Bergbaukonzessionen in Grönland zugesteht oder was sonst noch so alles diskutiert wird".

Dänische Soldaten bei einer gemeinsamen Übung mit NATO-VerbündetenBild: Guglielmo Mangiapane/REUTERS

Vistisen gehört der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei an, was eine gewisse Nähe zu Trumps Ideen bei einigen Themen vermuten ließe. Doch vor einem Jahr machte der Abgeordnete Schlagzeilen, als er Trumps Ansinnen, Grönland zu kaufen, mit klaren Worten zurückwies. Er habe versprochen, keine vulgären Ausdrücke zu wiederholen, sagt er zur DW, stehe aber zu seiner Meinung und der Taktik, Washington mit klaren Worten deutlich zu machen, dass seine Position inakzeptabel sei.

"Wir stehen an einem Punkt, an dem kein Raum mehr ist für Zweifel oder Flexibilität in unserer Kommunikation", glaubt er. "Unsere Antwort sollte sehr entschieden und deutlich ausfallen und der amerikanischen Regierung und Präsident Trump klar machen: 'Nein, ihr habt keinen Anspruch auf Grönland! Und so sehr ihr auch versucht, uns zu überzeugen, zu schikanieren oder einzuschüchtern, wir werden unsere Meinung nicht ändern'."

Unterstützungsbekundungen anderer europäischer Staaten seien ihm willkommen, sagt Vistisen. Er glaube jedoch nicht, dass diese tatsächlich Soldaten nach Grönland entsenden würden. Vistisen erwartet von seiner Ministerpräsidentin, dass sie mit ausreichender Schlagkraft reagiert: "Dieses Problem muss vom Königreich Dänemark und der US-Regierung gelöst werden."

Was kann das EU-Parlament tun?

Sein Kollege Per Clausen von der Fraktion Die Linke im EU-Parlament ist überzeugt, dass das Parlament die Macht hat, Einfluss auf die Situation zu nehmen. In einem Brief an die anderen Abgeordneten schlug er vor, die im vergangenen Jahr erfolgte Zustimmung des Parlaments über transatlantische Zölle, die allgemein als vorteilhaft für die USA angesehen werden, auszusetzen, bis Washington von Grönland ablässt.

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"Wenn wir diese Vereinbarung akzeptieren während Trump die internationale Ordnung bedroht und Gebietsansprüche an Dänemark erhebt", schreibt er, "erscheint das wie eine Belohnung seines Handelns und wird nur noch mehr Öl ins Feuer gießen."

 "Wirtschaftlich gesehen können wir eine Menge Dinge tun, die den USA sehr schaden könnten", sagt Clausen. "Wir sollten den USA sehr deutlich machen, dass wir diese Waffe einsetzen, wenn es seine Aggressionen gegenüber Grönland nicht einstellt."

Nicht nur das Ende der NATO

Seine Mitbürger  und -bürgerinnen seien eher "sehr, sehr wütend" als verängstigt, sagt Clausen zur DW. Er hofft, dass sein Vorschlag genügend politische Schlagkraft entwickelt, um die USA aufhorchen und erkennen zu lassen, dass "Dänemark in dieser Situation nicht alleine dasteht und dass die europäischen Staats- und Regierungsoberhäupter nicht nur von Solidarität mit Dänemark und Grönland sprechen, sondern bereit sind, zu handeln".

Mindestens ein ermutigendes Zeichen in diese Richtung habe er während des Treffens der "Koalition der Willigen" am Dienstag in Paris gesehen, sagt Steven Everts. Kurz vor dem Treffen mit den US-Vermittlern Steve Witkoff und Jared Kushner, dem Schwiegersohn Trumps, erklärten die Regierungschefs von Deutschland, Italien, Polen, Spanien und des Vereinigten Königreichs gemeinsam mit Dänemarks Ministerpräsidentin Frederiksen, dass es allein Sache Dänemarks und Grönlands sei, "über Angelegenheiten zu entscheiden, die Dänemark und Grönland betreffen".

So machten sie deutlich, dass sie weder die dadurch möglicherweise entstehende Konfrontation noch deren Auswirkungen auf die Unterstützung der USA für die Anstrengungen Europas in der Ukraine scheuten. Es mag wie ein kleiner Schritt erscheinen, doch Everts betont, dass es zeige, "wie ernst" die Regierungschefs die Bedrohung nehmen.

Die Ernsthaftigkeit der Lage erfordere das und noch viel mehr, meint Patrik Oksanen vom Stockholm Free World Forum. Es ginge nicht nur um das Ende der NATO. Würden die USA sich mit Gewalt ihren Weg nach Grönland bahnen, bedeute dies nichts weniger als "das Ende der Welt, wie wir sie kennen".

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

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