Wenn Syrer gehen – droht ein Arbeitskräftemangel?
6. November 2025
In Deutschland wächst die Debatte über die Rückkehr und Abschiebungen syrischer Geflüchteter. Nach mehr als einem Jahrzehnt Bürgerkrieg zeichnet sich in Syrien eine gewisse Stabilisierung ab: In einigen Regionen haben die Kampfhandlungen nachgelassen, Märkte öffnen und Kinder gehen wieder zur Schule, wenn auch nur unter großen Einschränkungen.
Gleichzeitig steigt in Deutschland der politische Druck, den Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge regelmäßig zu prüfen, Abschiebungen - vor allem von Straftätern - zu beschleunigen und die freiwillige Rückkehr zu fördern.
Andererseits steht die Bundesrepublik in einem tiefgreifenden demografischen Wandel: Die Bevölkerung altert, Arbeits- und Fachkräfte fehlen, Migration in den Arbeitsmarkt gilt als wirtschaftlich notwendig.
Deutschland gehört zu den wichtigsten Aufnahmeländern syrischer Geflüchteter. Seit 2015 haben hunderttausende Menschen aus Syrien hier Zuflucht gefunden und sich ein neues Leben aufgebaut. Insgesamt lebten Ende 2024 rund 975.000 Syrerinnen und Syrer in Deutschland.
Viele arbeiten in Bereichen, die für das tägliche Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind. Sie behandeln und pflegen Kranke und Alte in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, liefern Lebensmittel und Güter zu den Menschen und sorgen dafür, dass Gebäude sowie Infrastruktur funktionsfähig bleiben.
Gefragt und gebraucht: Syrer auf dem Arbeitsmarkt
"Jeder, der arbeitet, hilft", betont Herbert Brücker, Leiter des Forschungsbereichs Migration am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Mit rund 300.000 Beschäftigten und fast 20.000 Selbstständigen leisten syrische Geflüchtete einen wichtigen Beitrag zum deutschen Arbeitsmarkt." Rein quantitativ sei ihr Anteil im Verhältnis zu den rund 45 Millionen Erwerbstätigen Deutschlands jedoch gering, sagt Brücker der DW.
Die meisten arbeiteten in Berufen mit hoher Nachfrage und geringem Personalangebot - im Gesundheitswesen, in Hotellerie und Gastronomie, Verkehr, Logistik oder Handwerk. Würde diese Gruppe wegfallen, hätten viele Stellen kaum Ersatzmöglichkeiten. "Versorgungs- und Lieferengpässe sowie steigende Preise wären die Folge", erklärt Brücker.
Nach seinen Angaben arbeitet rund die Hälfte aller Flüchtlinge als Fachkraft, rund zehn Prozent als Spezialistinnen oder Experten und circa 45 Prozent im Helferbereich. Auch diese Arbeitnehmer werden dringend gebraucht: "Der demografische Wandel führt zu einer hohen Nachfrage einfacher Dienstleistungen, für die weder Abitur noch ein Berufsabschluss erforderlich sind", sagt der Arbeitsmarktforscher.
Rückkehr nach Syrien: Realität oder Zukunftsszenario?
Seit 2012 werden Abschiebungen nach Syrien praktisch nicht mehr vollzogen, vor allem wegen der unsicheren Lage. Einen gesetzlichen Abschiebestopp gibt es zwar nicht, faktisch ruht die Rückführung auf Grundlage von Sicherheitsbewertungen. Über die rechtlichen Voraussetzungen für mögliche schnellere Abschiebungen wird derzeit gestritten.
Bis Ende August 2025 reisten nach Angaben des Bundesinnenministeriums knapp 1900 Syrerinnen und Syrer freiwillig mit staatlicher Unterstützung aus. Eine größere Rückkehrwelle zeichnet sich nicht ab. Das könnte sich aber ändern, wenn der Druck auf die Migrationspolitik wächst und sich die Lage in Syrien weiter stabilisiert.
Sollte dies geschehen, könnten auch Menschen zurückkehren, die nicht als Flüchtlinge, sondern mit einem Visum nach Deutschland gekommen sind und hochqualifizierte Jobs übernommen haben. Beispielsweise die mehr als 7000 syrischen Ärztinnen und Ärzte mit syrischem Pass, die laut Bundesärztekammer in Deutschland tätig sind - viele von ihnen in Krankenhäusern, die auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind.
Ärzte aus Syrien: Wer sich willkommen fühlt, bleibt
"Syrische und andere ausländische Ärzte sind eine große Bereicherung, weil sie gebraucht werden", sagt der Kardiologe Anas Jano, Oberarzt am Universitätsklinikum Jena. Er hat in Damaskus studiert, kam 2016 mit einem Visum nach Deutschland und promovierte an der Ruhr-Universität Bochum. 2022 erhielt Jano die deutsche Staatsangehörigkeit.
Grundsätzlich sei in den letzten Jahren viel erreicht worden. "Seit 2012 können ausländische Medizinerinnen und Mediziner die Approbation, also die dauerhafte Berufszulassung, erhalten", erklärt Jano im DW-Interview. Das habe die Integration enorm erleichtert: "Dadurch können sie dauerhaft arbeiten, eingebürgert werden und zur Stabilität des Gesundheitssystems beitragen." Nach seiner Einschätzung stammt heute jeder dritte oder vierte Arzt in Deutschland aus dem Ausland.
Mit Sorge blickt Jano aber auf die gesellschaftliche Stimmung: "Wer hier arbeitet, eine Familie gründet und Kinder hat, wünscht sich Sicherheit und Akzeptanz. Wenn aber immer wieder über 'kriminelle Syrer' berichtet wird, obwohl diese nur Ausnahmefälle sind, fühlen sich viele abgelehnt."
Viele Kolleginnen und Kollegen überlegten deswegen inzwischen, Deutschland zu verlassen. "Es geht nicht nur um Jobs oder Approbationen, sondern auch um Sicherheit und Wertschätzung. Wenn sich Menschen willkommen fühlen, bleiben sie."
Auf die Frage nach einer Verantwortung syrischer Fachkräfte für den Wiederaufbau ihres Heimatlandes antwortet Jano: "Wir tragen alle Verantwortung, weil wir dort geboren und aufgewachsen sind." Dies müsse jedoch nicht bedeuten, dauerhaft nach Syrien zurückzukehren.
Auch aus der Ferne könne man viel bewirken - durch Vorträge, finanzielle Unterstützung oder die Übermittlung von Wissen. "Man kann Ideen aus dem deutschen Gesundheitssystem an syrische Kolleginnen und Kollegen weitergeben", erklärt Jano. Wegen der weiterhin unsicheren Lage vor Ort sei eine Rückkehr für viele jedoch derzeit keine Option.
Syrische Fachkräfte: wichtig, aber oft unterfordert
Etwa 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Syrerinnen und Syrer arbeiten in systemrelevanten Berufen, die für die Funktion von Gesellschaft und Alltag unverzichtbar sind - deutlich mehr als deutsche Beschäftigte mit 48 Prozent, stellte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fest. Trotzdem können viele ihre Qualifikation nicht ausschöpfen. Ingenieure arbeiten oftmals als Techniker, Ärztinnen als Pflegehilfen. Häufig, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden oder ihnen Berufserfahrung in Deutschland fehlt.
Von der Gruppe der Syrerinnen und Syrer, die nicht arbeiten, sind rund 370.000 im erwerbsfähigen Alter, davon sind etwa 150.000 arbeitslos. Die übrigen sind in Bildung und Ausbildung, Elternzeit und Mutterschutz oder sie nehmen an Integrationskursen und anderen Programmen teil. Viele derer, die arbeiten könnten, haben es schwer, den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen: wegen bürokratischer Hürden oder fehlender Weiterbildungsmöglichkeiten.
Mit gezielter Förderung könnten ihre Potenziale besser ausgeschöpft und Lücken auf dem Arbeitsmarkt geschlossen werden. "Doch die Verfahren dauern oft zu lange", kritisiert Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker: "Vom Asylverfahren bis zur Integration in den Arbeitsmarkt vergeht zu viel Zeit."
Rechtssicherheit sei entscheidend: "Unternehmen stellen ungern Menschen ein, von denen sie nicht wissen, ob sie hierbleiben können. Deshalb ist der Abschluss der Asylverfahren so wichtig."
Globale Abstimmung: Deutschland verliert an Attraktivität
Doch die Integration auf dem Arbeitsmarkt ist nur eine Seite: Auch die Attraktivität Deutschlands als Zielland beeinflusst, wie viele Fachkräfte tatsächlich hierbleiben oder nachkommen. "Was häufig unterschätzt wird, ist, dass der Stimmungswandel hier in Deutschland massiv durchschlägt", warnt Brücker ähnlich wie der Kardiologe Anas Jano.
So habe es in den letzten Jahren einen starken Einbruch bei der Fachkräftezuwanderung gegeben: "Nach dem Gallup Global Poll, einer weltweiten Befragung zu bevorzugten Zielländern, ist Deutschland in den letzten zwei bis drei Jahren deutlich zurückgefallen."