Starmers Rücktritt und Europas Sicherheit
23. Juni 2026
Keir Starmer mag zwar unbeliebt bei den Briten gewesen sein, unter den EU-Spitzenpolitikern dürfte er jedoch den ein oder anderen Freund gehabt haben. So bedankte sich etwa EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit den Worten: "Die europäische und ukrainische Sicherheit ist stärker wegen dir." Und der französische Präsident Emmanuel Macron fand dankende Worte für Starmers Engagement in der "Koalition der Willigen" und für die Wiederbelebung der EU-UK-Beziehungen.
Treibende Kraft hinter "Koalition der Willigen"
Keir Starmer machte sich insbesondere als Ukraine-Unterstützer einen Namen in Europa. Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron leitete der Brite die "Koalition der Willigen." Dieser Zusammenschluss von rund 35 Staaten unterstützt die Ukraine mit Militärhilfen und will nach einem Waffenstillstand der Ukraine helfen, langfristig seine Verteidigungsfähigkeit zu sichern.
Diese Hilfe erkennt auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an. Er dankte ihm für die "Zusammenarbeit, deine Unterstützung und die gemeinsamen Entscheidungen, die dazu beigetragen haben, unser Europa und unseren Lebensschutz zu stärken".
Keir Starmer sei für seine Partner in der "Koalition der Willigen" ein sehr "aktiver" und "verlässlicher" Partner gewesen, sagt Olivia O'Sullivan, Leiterin des Programmes "UK in the World" bei der Londoner Denkfabrik Chatham House. So habe er gemeinsam mit anderen europäischen Staatschefs darüber nachgedacht, wie Europa in der Absicherung eines Friedens eine strategische Rolle spielen könne. Gleichzeitig sei es ihm aber schwer gefallen, die finanziellen Mittel aufzutreiben, um selbst gesetzte Ziele für Militärausgaben zu erreichen. Eine Herausforderung, die sich auch dem nächsten britischen Premier stelle, sagt die Politikanalystin der DW.
Großbritanniens Rolle im E3-Format
Auch im E3-Format setzt sich Großbritannien für die Ukraine ein. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss Deutschlands, Frankreichs und des Vereinigten Königreichs zur Abstimmung in außen- und sicherheitspolitischen Fragen. Politikexpertin Olivia O'Sullivan hält dieses Format für eine treibende Kraft hinter der Strategie der Europäer, nicht nur was die Ukraine-Krise angeht, sondern auch im Umgang mit der US-Regierung, welche in europäischen Sicherheitsfragen zunehmend seltener eine wichtige und vorhersehbare Rolle einnehme.
Regelmäßig versucht das E3-Format auch auf Forderungen der USA einzugehen, wie etwa in Erklärungen, wie die Europäer zur Sicherung der Straße von Hormus nach einem Waffenstillstand beitragen wollen.
Dass sich die europäischen Partner nun an einen neuen britischen Premierminister gewöhnen müssen, bewertet die Politikanalystin O'Sullivan zwar nicht als einen Rückschlag, erwartet aber, dass dadurch etwas an Schwung verloren geht.
Auf den Nachfolger kommt es an
Wie sich die Beziehungen des Vereinigten Königreichs zur EU und den europäischen Partnern zukünftig entwickeln, dürfte vor allem davon abhängen, wer auf Keir Starmer folgt. Derzeit spricht vieles dafür, dass der frühere Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, der nächste britische Premierminister wird.
Burnham gilt im weitesten Sinne als pro-europäisch, betont O'Sullivan gegenüber der DW. Sie erwartet, dass er im Bezug auf die EU und die Ukraine im Wesentlichen Starmers Kurs hält. Im Detail sei allerdings noch nicht klar, wie er sich in der Außen- und Sicherheitspolitik positioniere, da er bislang stark auf die Innenpolitik fokussiert war. Auch sei fraglich, ob Burnham die Außenpolitik so wie Keir Starmer als Priorität sehe.
Starmer wollte "Neustart" in den EU-Beziehungen
Als große Leistung der Starmer-Regierung wertet Politikanalystin O'Sullivan den Abschluss einer EU-UK Sicherheitspartnerschaft im letzten Jahr beim ersten EU-UK-Gipfel seit dem Brexit. Keir Starmer hatte für einen "Neustart" der Beziehungen zur EU geworben und eine Wiederannäherung in einigen Bereichen erreicht, wie etwa bei der Fischerei und beim Jugendaustausch. Das EU-UK Sicherheitsabkommen soll weitere Zusammenarbeit bei der Ukraine-Unterstützung oder bei Sicherheits- und Verteidigungsinitiativen ermöglichen und sieht einen regelmäßigen Dialog vor.
Der Erfolg des ersten Gipfels sei jedoch etwas getrübt wegen des sehr limitierten Zugangs des Vereinigten Königreichs zum SAFE-Programm der EU, sagt O'Sullivan. Dabei handelt es sich um ein 150 Milliarden Euro schweres EU-Darlehen, von denen etwa die gemeinsame Beschaffung von Rüstungsgütern finanziert werden kann. Eine vollumfängliche britische Beteiligung scheiterte letzten November an der Bereitschaft des Vereinigten Königreichs, einen Teilnahmebeitrag zu zahlen.
Die weitere Gestaltung der Beziehungen zur EU wird mit Sicherheit auch den zukünftigen britischen Premierminister beschäftigen. In der EU scheint man auf ihn warten zu wollen. EU-Ratspräsident Antonio Costa kündigte am Montag an, dass ein für den 22. Juli vorgesehener EU-UK Gipfel vorerst verschoben ist.