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Politik

Ankaras Ziele in Syrien

Serhat Erkmen
2. Dezember 2016

Bei der "Operation Euphrat-Schild" hat die türkische Armee einen Landstrich in Nordsyrien unter ihre Kontrolle gebracht. Welche Ziele Ankara in dem Bürgerkriegsland verfolgt, erklärt Serhat Erkmen in einem Gastbeitrag.

Türkische Panzer in Syrien
Bild: Reuters

Am hundertsten Tag der Militäroperation haben türkische Truppen gemeinsam mit syrischen Rebellen die Kontrolle über ein rund 2000 Quadratkilometer großes Territorium im Norden des Landes erlangt. Jetzt konzentriert sich die Mission auf die IS-Hochburg al-Bab im Nordwesten Syriens.

Was will die Türkei in Syrien erreichen?

Seit Beginn der Syrien-Mission verfolgt die Türkei zwei zentrale militärpolitische Ziele in der Region und hat das auch so dargestellt: Zum einen will Ankara die kurdische Arbeiterpartei PKK und Terrorgruppen wie den "Islamischen Staat" von der türkisch-syrischen Grenze fernhalten. Zum anderen sollen die türkischen Truppen verhindern, dass im Norden Syriens ein Territorium unter der Kontrolle der Kurdenmiliz YPG entsteht. Auch die Idee, die Grenzregion wieder zu einem sicheren Raum für syrische Flüchtlinge in der Türkei zu schaffen, spielt eine Rolle, wenn auch eine zweitrangige.

In welcher Phase befindet sich die Operation?

Die türkische Syrien-Mission wird noch einige Monate andauern, glaubt Nahost-Experte ErkmenBild: privat

Momentan konzentrieren sich die Gefechte in der Umgebung der umkämpften Stadt al-Bab, wo es seit einem Vorstoß der Freien Syrischen Armee (FSA) am 13. November immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. An den Kämpfen sind nicht nur die FSA und der IS beteiligt, auch für die YPG steht viel auf dem Spiel: Sollten die syrischen Rebellen die Kontrolle über al-Bab erlangen, wird es die kurdische Miliz nicht schaffen, die von ihr beanspruchten Bezirke in Syrien zu vereinen. Deshalb versucht die YPG, sich der Stadt aus zwei Richtungen zu nähern: aus dem Westen über die Stadt Afrin und aus dem Osten über Manbidsch.

Unterdessen stoßen alle drei Gruppen – IS, FSA und YPG – an zwei Fronten aufeinander. Einige Dörfer in der Gegend geraten immer wieder unter die Kontrolle einer der drei Gruppen und werden dann wieder von einer anderen besetzt.

Zu Beginn der Operation fanden die Kampfhandlungen außerhalb der Reichweite des syrischen Militärs statt. Weil Baschar al-Assads Soldaten aber inzwischen auch an einigen Zusammenstößen beteiligt sind, werden die Auseinandersetzungen Tag für Tag gewaltsamer. Im Vergleich zum Beginn der türkischen Operation sind die einzelnen Kämpfe strategisch bedeutsamer und damit deutlich blutiger geworden.

Wie bewerten die anderen Akteure in der Region das Vorgehen Ankaras?

Während die Vereinigten Staaten die türkische Syrien-Mission anfänglich aus der Luft unterstützten, ist inzwischen kein Land mehr bereit, der Türkei offen Beistand zu leisten. Die USA haben erklärt, nicht mit dem Vorgehen der türkischen Truppen gegen die kurdische YPG einverstanden zu sein. Außerdem sei das Vorrücken der Streitkräfte Richtung Manbidsch zu riskant. Stille und passive Unterstützung gibt es dagegen von Russland: Der Kreml droht nicht mehr damit, türkische Militärflüge über Syrien zu verhindern.

Bei einem syrischen Luftangriff am 24. November wurden drei türkische Soldaten getötetBild: picture-alliance/AP Photo/IHA

Zwar lässt sich das Nichteingreifen Russlands momentan als indirekte Unterstützung verstehen, wie instabil dieser Status quo ist, zeigt allerdings ein Angriff syrischer Kampfflugzeuge auf eine türkische Einheit: Betrachtet man den Einfluss Russlands sowohl auf die syrische Regierung als auch auf den Stützpunkt, von dem aus der Angriff geflogen wurde, ist es schwer vorstellbar, dass der Kreml nicht über den Angriff informiert war. In der Türkei wird der Zwischenfall von einigen als indirekte Botschaft Russlands interpretiert. Insgesamt steht zum jetzigen Zeitpunkt jegliche externe Unterstützung für die türkische Syrien-Mission auf tönernen Füßen.

Was hat Erdogans jüngste Aussage zum Zweck der Operation zu bedeuten?

Mit seinen Erläuterungen der Militäroperation sorgte Präsident Erdogan für AufsehenBild: Reuters/Presidential Palace/Murat Cetinmuhurdar

Die Äußerung des türkischen Präsidenten, die Türkei wolle mit der Militäroperation dem Assad-Regime ein Ende setzen, erregte in den vergangen Tagen Aufsehen. Die Aussage ist riskant: Mit dem "Krieg gegen den Terror" lässt sich die Militäroperation sowohl international als auch im eigenen Land legitimieren. Ändert die Türkei den Kurs, indem sie ein neues Ziel ausruft, nämlich einen Regimewechsel in Syrien herbeizuführen, könnte sie die internationale und innenpolitische Unterstützung für das militärische Eingreifen vollends verlieren. Vor diesem Hintergrund sind Erdogans Worte nicht als tatsächlicher Strategiewechsel zu verstehen, sondern vielmehr als politische Antwort auf den syrischen Luftangriff gegen türkische Soldaten.

Was passiert als nächstes?

Nach dem geplanten Sieg über den "Islamischen Staat" in al-Bab werden die türkischen Streitkräfte Richtung Manbidsch aufbrechen. Dies könnte einige Zeit in Anspruch nehmen, aber es wird mit Sicherheit der nächste Schritt sein, sollte es in al-Bab nicht zu einem Zusammenstoß zwischen der syrischen Armee, dem türkischen Militär und der FSA kommen. Mittel- und langfristig könnte auch die mehrheitlich von Kurden bewohnte Stadt Afrin ein Ziel der türkischen Mission sein. Sollten sich die Kräfteverhältnisse nicht massiv verschieben, wird die "Operation Euphrat-Schild" voraussichtlich in einigen Monaten beendet sein.

Serhat Erkmen lehrt Internationale Beziehungen an der türkischen Ahi-Evran-Universität in Kirsehir.

 

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