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Was Expat-Youtuber über China sagen

27. November 2021

Ausländische Videoblogger mit einer großen Community werben für China. Kritik weisen sie oft als "westliche Lügen" zurück. Was steckt dahinter?

Screenshot des Kanals: "Living in China" von Vlogger Jason Lightfoot
Lobende Worte für China findet der Vlogger Jason LightfootBild: Youtube

Weite Baumwollfelder, freundliche Farmer, große Traktoren: Der israelische Blogger Raz Gal-Or zeigt in einem Video uigurische Bauern aus der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas. Er begleitet sie bei der Ernte, darf mal ans Steuer einer Landmaschine - und spricht mit ihnen auch über die Arbeitsbedingungen. "Viele sagen, dass die Konditionen hier schlecht wären, dass Menschen gezwungen werden zu arbeiten. Einige Firmen wollen deswegen keine Baumwolle aus Xinjiang kaufen und verkaufen", so der Blogger zu zwei Farmern. "Das ist Blödsinn, schau dich um, alles ist normal hier. Es gibt keine Zwangsarbeit", antwortet einer. "Dann verstehe ich nicht, dass so etwas behauptet wird", antwortet Raz-Gal-Or, und gemeinsam lachen die Männer herzlich. 

Videos über "das wahre China"

Doch Menschenrechtsorganisationen berichten Gegenteiliges: Sie sprechen von Umerziehungslagern, in denen Uiguren mit teils brutalen Mitteln auf die Linie der kommunistischen Partei gebracht werden sollen. Die USA und andere Länder bezeichnen das Geschehen in der Region sogar als Völkermord. Die Regierung in Peking weist solche Vorwürfe zurück, lässt zugleich aber keine unabhängigen Untersuchungen zu. Sie nennt die Umerziehungslager "Berufsbildungseinrichtungen", die von den Insassen freiwillig besucht würden, und wirft uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor.

Mit Beiträgen zur chinesischen Alltagskultur hat er seinen Blog einst angefangen, inzwischen thematisiert er auch aktuelle politische Themen wie die Proteste in Hongkong oder eben das Leben der Uiguren in Xinjiang. Oft werden seine Videos von chinesischen staatlichen Medien zitiert, weil sie aus deren Sicht "das wahre China" zeigten.

Gal-Ors "Y-Platform" ist überaus erfolgreich - mit insgesamt mehr als 100 Millionen Followern. Allein auf YouTube, das in China offiziell gesperrt ist, hat er mit dem Kanal "YChina" - eine Anspielung auf Why China (übersetzt: "Wieso China") - über 250.000 Abonnenten aus dem Ausland und einige auch aus dem Inland - von Chinesen, die sich Zugang zum gesperrtem YouTube verschafft haben.

Neben viel Lob erhält Gal-Or unter seinen Videos über Xinjiang jedoch auch kritische Kommentare. Ihm wird unterstellt, "blutiges Geld zu verdienen" und seine Inhalte "inszeniert zu haben". 

Und Blogger Gal-Or hat auf die Interviewanfrage der DW nicht reagiert.

Der Expat-Youtuber Raz Gal-OrBild: Youtube

Finanziert China Vlogger zu Propagandazwecken?

Auch der britische Vlogger Jason Lightfoot postet häufig China-freundliche Videos. Sie tragen Überschriften wie "Westliche Medien lügen über China" oder "Unwahre Behauptungen der westlichen Medien über Xinjiang". Auch diese Inhalte werden häufig von staatlichen Medien weiterverbreitet und zitiert. 

Im Januar 2021 veröffentlichte die britische Zeitung "The Times" einen Artikel, in dem zu lesen war, dass Peking diverse britische Youtuber finanziere, um seinen Propagandakrieg zu unterstützen. Darunter auch den Vlogger Lightfoot. Auf die Anfrage der "Times", dazu Stellung zu nehmen, erfolgte keine Reaktion. Das hielt Lightfoot jedoch nicht davon ab, sich kurz nach Veröffentlichung des Artikels in einem Interview mit dem staatlichen chinesischen Auslandssender CGTN (China Global Television Network) zu äußern und die Kritik der "Times" zurückzuweisen. Kurze Zeit später bedankte er sich in einem Video mit dem Titel "Meinungsfreiheit in China?" auf seinem YouTube Kanal bei dem "liebenswürdigen (Anm. d. Red.: lovely)" Sender CGTN für die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zu äußern.  

Zusammen mit anderen Expat-Youtubern wird der britische Vlogger Jason Lightfoot (links oben) vom staatlichen chinesischen Auslandssender CGTN interviewtBild: Youtube

Vlogger werben für ein "perfektes" China

Laut Times hatte Lightfoot im Januar 35.000 Follower auf YouTube. Inzwischen hat sich diese Zahl bereits mehr als verfünffacht. Unter seinen Videos tauchen unzählige Danksagungen dafür auf: "Respekt dafür, dass du den Westlern das wahre China zeigst", schreibt ein User. Seltener sind Kommentare zu finden, in denen Zuschauer bedauern, dass Lightfoot nicht mehr wie früher mit seiner Frau an verschiedene Orte gehe, um Essen zu testen, sondern rund um die Uhr predige, wie perfekt China sei.

Gal-Or und Lightfoot wurden im Juli vom britischen Sender BBC unter den Vloggern aufgelistet, die Desinformationen der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) verbreiten. Interviews haben die beiden Vlogger der BBC verweigert, den Beitrag aber später kritisiert.

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Alter Wein in neuen Schläuchen

Oft versucht die chinesische Regierung, westliche Kritik damit zu entschärfen, indem sie sich expliziert auf ausländische Kommentatoren bezieht und sie zitiert - etwa in Pressekonferenzen oder auf Twitter. Dieses Verfahren hat in China sogar einen Namen. Es heißt: "Mund ausleihen, um zu sprechen". Jedoch ist schwer festzustellen, ob ein Youtuber, der China verteidigt, gleichzeitig mit Peking zusammenarbeitet. Die Strategie besteht für Bret Schafer darin, "ausländische Stimmen zu finden, zu fördern und zu verstärken, die im Wesentlichen die Argumente von China nachplappern". Schafer ist der Leiter des "Information Manipulation Teams" bei der "Alliance for Securing Democracy" in Washington, einem Institut, das Teil der German Marshall Fund Stiftung ist: "Unabhängig davon, ob die Vlogger von der Regierung oder staatlichen Medien finanziert werden, erhalten sie sicherlich Vorteile, die durchschnittlichen chinesischen Bürgerinnen und Bürgern oder denjenigen, die eine kritische Haltung gegenüber China einnehmen, nicht zustehen", sagt Schafer im DW-Interview.  

"Ich würde sagen, dass ihre Affinität zu China oder zumindest ihre Antipathie gegenüber dem Westen wahrscheinlich echt ist", sagt Schafer. 

Chinas "softer Imperialismus" 

Aus der Sicht der Sinologin Mareike Ohlberg werden "unabhängige westliche Stimmen" eingesetzt, um die chinesischen Narrative glaubwürdiger zu machen. Sie hat über chinesische Außenpropaganda promoviert und gemeinsam mit Co-Autor Clive Hamilton das Buch "Die lautlose Eroberung - Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet" publiziert. Die Anzahl der pro-chinesischen Videos habe in den vergangenen ein bis zwei Jahren extrem zugenommen, sagt sie, es gebe neue Kanäle und Formate.

Rote Linien, die keiner kennt 

Christoph Rehage überrascht das nicht. Berühmt wurde der deutsche Buchautor, weil er China zu Fuß durchquerte und darüber auf Chinas Twitter-Pendant Weibo berichtete. Knapp 800.000 Follower folgten ihm, bevor die Zensoren seinen Namen im Jahr 2015 aus dem chinesischen Netzwerk löschten - weil er einen unliebsamen Witz gemacht hatte. Rehage betont, dass auch unabhängig davon, wie sich Youtuber zu China positionieren, Geld fließen müsse. "Es geht letztendlich immer ums Geld, aber nicht unbedingt direkt von der KPCh, sondern um Monetarisierung und Werbung", so Rehage im DW-Interview. 

4646 Kilometer war der China-Kenner und Buchautor Christoph Rehage in China unterwegs. Er durchquerte das Land von Ost nach West und lernte Menschen und Kultur kennenBild: Christoph Rehage

Rehage hat zwei YouTube-Kanäle mit insgesamt knapp 330.000 Abonnenten, jeweils auf Englisch und Chinesisch. Er ist sich sicher: Wer gut Chinesisch spricht, so wie er selbst, und lange genug in China lebt, dem ist es unmöglich, nicht um die Probleme im Land zu wissen.

Als er von 2013 bis 2015 auf Weibo aktiv war, sei er von diversen chinesischen Plattformen zu Kooperationen eingeladen worden, erinnert sich Rehage. Einzige Bedingung: die roten Linien nicht zu überschreiten. Diese Forderung habe er aber nicht akzeptiert. Er könne sich aber vorstellen, dass andere Influencer sich dieser nicht widersetzen, so Rehage. 

Doch keiner wisse genau, wo die roten Linien genau verlaufen. Sein Eindruck sei, dass dadurch alle Menschen in China permanent über den Verlauf roter Linien nachdenken und dass damit "die Bevölkerung an der kurzen Leine gehalten" werde. 

Image Chinas hat sich verschlechtert

Experten wie Ohlberg stufen einige der Videos von Gal-Or und Lightfoot als Propaganda ein. Allerdings müssen sie einräumen: "Wir wissen nicht, wie solche Videos ankommen und wer bzw. wo sie angesehen werden, da wir die entsprechenden Daten nicht haben."

Sechsstellige Followerzahlen sind bei ausländischen Youtubern, die behaupten, das "wahre China" zu zeigen, keine Seltenheit. Meinungsumfragen durchgeführt u.a. vom Pew Research Center deuteten darauf hin, dass die Strategie nicht aufgehe, denn obwohl sich China selbstbewusst im Internet präsentiert, nehme das Ansehen in den meisten westlichen Ländern in den vergangenen Jahren dramatisch ab.

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