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PolitikBelarus

Was politische Gefangene in Belarus im Winter durchmachen

Daria Bernstein
1. Februar 2026

Ein schneereicher und kalter Winter wie in diesem Jahr sei in belarussischer Haft eine Tortur, sagen ehemalige politische Gefangene. Denn Schnee und Kälte würden systematisch als Folterinstrumente eingesetzt.

Symbolbild: Eiszapfen vor mit einer Eisschicht überzogenen Ästen
Winter in Belarus sind lang, kalt und oft schneereich (Symbolbild)Bild: Julian Stratenschulte/dpa/picture alliance

Die Leitungen von Haftanstalten in Belarus verpflichten Gefangene, ständig Schnee zu räumen, bis auf den Asphalt. Sie müssen stundenlang Schnee in Säcken tragen, oft ohne die Möglichkeit, sich danach zu waschen oder aufzuwärmen.

Einer von ihnen war Menschenrechtler Leonid Sudalenko, der wegen seines Engagements zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Er verbüßte seine Strafe in einem Gefängnis in Witebsk, wo er mitten im Winter ankam.

"Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Schnee gesehen. Sobald man im Gefängnis eintrifft und noch in Quarantäne steckt, wird man sofort mit der Arbeit auf dem Gelände beauftragt. Man bekommt eine zusammengeschusterte Schaufel - aus einem Holzstiel und einem Stück Sperrholz - und muss damit den Schnee bis auf den schwarzen Asphalt wegschaufeln. Es geht nicht nur darum, die Wege freizuräumen, wie wir es draußen in Freiheit tun. Im Gefängnis darf keine einzige Schneeflocke liegen bleiben", erzählt er.

Politische Gefangene in Visier

Sudalenko zufolge werden für diese Arbeit meist politische Gefangene herangezogen - laut der Menschenrechtsorganisation "Wjasna" gibt es in Belarus derzeit mehr als 1100 von ihnen. Man könne sich nicht weigern, sonst werde man bestraft - mit Einzelhaft oder einem Verbot, Besucher oder Pakete zu empfangen.

"Ein politischer Gefangener kann sich der Arbeit in 'Schneeräumtrupps' nicht entziehen. Und sie wird auch nicht auf die sonstige Arbeit angerechnet. Das bedeutet, dass man zwei Stunden vor dem üblichen Weckruf um vier Uhr da sein muss, damit alles geräumt wird. Danach ist man schweißgebadet, kann sich aber kaum waschen, denn die Zeit reicht nicht bei den wenigen Duschen", so Sudalenko.

Eisige Appelle und Einzelhaft

Dreimal täglich müssen sich die Insassen von Gefängnissen im Freien zum Appell aufstellen. Dieser kann bis zu einer Stunde dauern. Währenddessen ist jegliche Bewegung untersagt. Selbst wenn die Temperatur auf minus 20 Grad sinkt, werden die Appelle weder abgesagt noch verkürzt und auch nicht in Innenräume verlegt.

Das Schlimmste an eisigen Temperaturen sei, so Sudalenko, wenn man in Einzelhaft komme, was bei politischen Gefangenen gängige Praxis sei. "Einzelhaft bedeutet auch Folter durch Kälte, da die Heizkörper kaum wärmen und es keine Decken gibt. Man muss entweder auf dem Boden oder auf einer blanken Metallpritsche schlafen. Auch die warme Unterwäsche wird einem in dieser Zeit genommen", berichtet er.

Bei Schneefall keine Ruhepausen

Die ehemalige politische Gefangene Darja Afanasjewa verbrachte zwei Winter im Strafgefängnis von Gomel - dem einzigen Frauengefängnis in Belarus, in dem auch die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa fünf Jahre ihrer Freiheitsstrafe verbrachte, bis zu ihrer unerwarteten Freilassung im Dezember 2025. "Wenn man in der Frühschicht von 7 bis 15 Uhr arbeitet und durchs Fenster sieht, wie Schnee fällt, weiß man, dass es keine Ruhepause geben wird. Nach der Arbeit muss man raus und Schnee wegschaufeln", sagt sie.

Wer Geld hat, kann eine gute Schaufel kaufen, alle übrigen müssen nehmen, was sie bekommen. "Man muss nicht nur den Boden bis zum Asphalt freiräumen, sondern auch den ganzen Schnee zusammentragen und ihn außer Sichtweite der Verwaltung wegbringen. Hinter dem Speisesaal und dem Badehaus türmt sich der Schnee. Die Frauen füllen weiße Säcke, wie für Kartoffeln, mit Schnee. Manchmal nehmen sie einfach Einkaufstüten und schleppen sie herum, manche auf dem Rücken, manche ziehen sie über den Boden", erinnert sich Afanasjewa.

Ohne Rücksicht auf die Gesundheit

Afanasjewa sagt, dass sie aus gesundheitlichen Gründen keine schweren Gewichte heben dürfe. Dennoch habe sie Schnee schleppen müssen. "Es kümmert niemanden, ob man friert oder krank wird. In einem Winter waren bei uns so viele Leute krank, bis zu 40 Prozent, dass man sogar über eine Quarantäne nachgedacht hatte. Letztendlich wurden einfach weniger Krankmeldungen ausgegeben. So löste die Leitung der Haftanstalt das Problem. Übrigens müssen Kranke auch bei eisiger Kälte draußen Schlange für ihre Medikamente stehen", sagt sie.

Manchmal sei es sogar in geschlossenen Räumen unmöglich, sich warm zu halten. In Block 13 des Frauengefängnisses beispielsweise gibt es laut Afanasjewa Probleme mit dem Dach. Die Gefangenen müssten dort ständig Steppjacken tragen, sogar in ihnen schlafen.

Frauen nur Röcke und Kleider erlaubt

Es kommt hinzu, dass die Regeln in belarussischen Frauengefängnissen keine Hosen erlauben. Das ganze Jahr über müssen die inhaftierten Frauen einen Rock oder ein Kleid tragen und darunter Leggings, entweder vom Gefängnis bereitgestellte oder solche, die sie von ihren Familien geschickt bekommen.

"Wenn man keine Unterstützung von zu Hause bekommt, hat man weder warme Unterwäsche noch einen Schal", sagt Afanasjewa und fügt hinzu: "Manche Frauen wickeln sich Strumpfhosen um den Hals, um sich warm zu halten. Wenn die Wärter das sehen, nehmen sie ihnen die Strumpfhosen ab und werfen sie weg. Die Frauen legen auch Hygienebinden in ihre Schuhe, weil die Schuhe, die sie im Gefängnis bekommen, nicht warm sind und nicht genug gegen Feuchtigkeit schützen."

Im Frauengefängnis von Gomel ist es den Gefangenen verboten, Hosen zu tragenBild: Vera Lazovskaya

Die in der Strafkolonie ausgegebenen Steppjacken sind laut Afanasjewa oft löchrig, deshalb binden sich die Frauen, wann immer möglich, Schals um den Rücken. Die eigenen Angehörigen um eine richtige Winterjacke zu bitten, mache keinen Sinn, denn man würde sie sowieso nicht bekommen, da die Regeln das Tragen jener Steppjacken vorschreiben würden.

Unauslöschliche Erinnerungen

Die Gesprächspartner der DW sagen, dass sie auch nach mehreren Jahren in Freiheit den Schrecken des Winters im Gefängnis nicht vergessen können. "Man könnte es Überleben nennen - oder Folter. Die Forderungen der Gefängnisleitungen sind völlig absurd, es ist eine Verhöhnung von Menschen", betont Leonid Sudalenko.

Darja Afanasjewa sagt, wenn sie Nachrichten über Schneefälle in Belarus höre, denke sie sofort daran, wie Frauen in den Gefängnissen den Winter überstehen. "Man darf sich nicht einmal einen Schal über das Gesicht ziehen, um sich ein wenig zu schützen, das ist ein Rechtsverstoß. Man darf keine Pause von der harten Arbeit in der Näherei einlegen. Manche übernehmen sogar Sonderschichten, nur um draußen keinen Schnee schaufeln zu müssen", so die ehemalige politische Gefangene. Den Anblick von Schnee könne sie heute nicht wie einst im Leben vor ihrer Haft genießen: "Nach dem, was ich in der Strafkolonie durchgemacht habe, verbinde ich den Winter mit Leid und nicht mit den Freuden aus meiner Kindheit."

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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