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Was reizt die deutsche Wirtschaft an der Ukraine?

Sabine Kinkartz aus Berlin
25. Oktober 2023

Geschäfte in der Ukraine machen? Im Krieg? Für viele deutsche Unternehmen undenkbar. Andere sehen mehr Chancen - die Bundesregierung unterstützt sie.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht per Videobotschaft vor einer deutsch-ukrainischen Wirtschaftskonferenz am 24.10.23 in Berlin
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht per Videobotschaft vor einer deutsch-ukrainischen Wirtschaftskonferenz am 24.10.23 in BerlinBild: Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Es mutet zunächst paradox an. Da ist ein Land im Krieg. Seit über 600 Tagen kämpft die Ukraine gegen den russischen Aggressor und ein Ende ist nicht in Sicht. Trotzdem gibt es in der deutschen Wirtschaft ein großes Interesse an Investitionsmöglichkeiten in der Ukraine.

Die Unternehmen lockt das große Geschäft. Die Zerstörungen sind gewaltig, der Wiederaufbau der Ukraine wird gigantische Summen kosten. 750 Milliarden Dollar braucht das Land bis 2032, schätzt die ukrainische Regierung. Die Weltbank geht von mehr als 411 Milliarden aus, andere Experten beziffern den Bedarf sogar auf eine Billion Dollar.

Die Schäden sind gewaltig, der Wiederaufbau wird teuer: Zerstörtes Postverteilzentrum der Firma Nova Post in Korotych bei CharkivBild: Sofiia Gatilova/REUTERS

Die Ukraine will Tempo machen

"Wer jetzt schon investiert, wird nach dem Krieg eine gute Rendite erzielen", verspricht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Sein Kalkül: Je mehr und je früher sich ausländische Unternehmen in der Ukraine engagieren, umso besser sind die Aussichten für die eigene Wirtschaftskraft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet ein Wachstum von zwei Prozent 2023 und 3,2 Prozent im kommenden Jahr.

Die Bundesregierung unterstützt das Engagement deutscher Unternehmen in der Ukraine. "Wer heute in die Ukraine investiert, der investiert in ein künftiges EU-Mitgliedsland, das Teil unserer Rechtsgemeinschaft und unseres Binnenmarkts sein wird", sagte Bundeskanzler Olaf Scholz auf einer deutsch-ukrainischen Wirtschaftskonferenz in Berlin.

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz nahm an dem Wirtschaftsforum teilBild: Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Sicherheitsgarantien zeigen Wirkung

Es gibt staatliche Investitions- und Exportgarantien, um die Risiken für die Firmen zu minimieren. Selbst Schäden durch Kampfhandlungen sind abgesichert. Das sei ein "starkes Signal", sagen Experten. 14 Investitionsgarantien für deutsche Unternehmen über insgesamt 280 Millionen Euro seien bereits vergeben, 30 Projektvorhaben würden aktuell bearbeitet und 70 weitere Projektideen lägen vor, so der stellvertretende Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Christian Bruch. Unbedingt benötigt würden noch Versicherungslösungen für Transporte durch die Ukraine.

Vor dem Krieg habe man ein Kreditvolumen von 500 Millionen Euro abgesichert, sagt Edna Schöne, Mitglied der Geschäftsführung von Euler Hermes, einem großen Kreditversicherer. 2022 sei das Geschäft zusammengebrochen, aktuell aber schon wieder auf 140 Millionen Euro gestiegen. "Wir sehen einen ganz großen Anstieg an Nachfrage und finden, dass wir wirklich auf einem sehr guten Weg sind. Das liegt am Willen der Bundesregierung, Unterstützung zu leisten." 

Potenzial in vielen Branchen

In der Zeit vor dem russischen Überfall machten rund 2000 deutsche Firmen Geschäfte mit und in der Ukraine. Die wenigsten haben  seitdem aufgegeben. Den Bundeskanzler verwundert das nicht, das wirtschaftliche Potenzial sei groß. "Nicht nur im Energiebereich, etwa beim Wasserstoff, sondern genauso in der Zulieferindustrie, im Agrarbereich, im IT-Sektor und bei kritischen Rohstoffen."

Das Chemie- und Pharmaunternehmen Bayer AG, das in der Ukraine Saatgut produziert, investiert gerade. "Der Wiederaufbau beginnt schon jetzt", sagt Oliver Gierlichs, Vorstand von Bayer Ukraine. Mit 60 Millionen Euro baut der Konzern sein Tochterunternehmen aus. "Das ist keine politische Entscheidung, kein Geschenk an die Ukraine, sondern eine rein wirtschaftliche Entscheidung, denn wir sehen große Möglichkeiten in der Landwirtschaft. Für den Export und auch vor Ort, denn die Ukraine wird der Brotkorb Europas bleiben."

Risiken sind regional unterschiedlich

Gierlichs wohnt in Kiew. "Man kann durchaus dort leben, die Stadt ist ausgesprochen gut geschützt. Man folgt in den Sicherheitsvorkehrungen, man schützt sich, wenn Luftalarm ist", sagt er. Bayer arbeite in einer Region, "wo des Kriegsrisiko relativ gering" sei. "Wir haben das natürlich mit einbezogen. Null-Risiko gibt es nicht, aber es ist aus unserer Sicht zu handhaben."

"Die Risiken, die mit einer Geschäftstätigkeit verbunden sind, müssen immer regional betrachtet werden", sagt Florian Otto, leitender Analyst bei der Firma Control Risks. Im Osten und Südosten der Ukraine, wo gekämpft werde, gebe es "extreme Risiken, die so nicht zu managen sind". Im Rest des Landes sehe das anders aus. "Dort sieht man, dass ukrainische Unternehmen nicht nur funktionieren, sondern ein erstaunliches Maß an Resilienz und Anpassungsfähigkeit haben."

Strom und Wärme dringend benötigt

Mehr Chancen als Risiken bietet die Ukraine derzeit vor allem für jene Branchen, die auch oder gerade in diesem Krieg besonders wichtig sind. Von Oktober bis März bombardierte Russland vor allem die Energie-Infrastruktur in der Ukraine. Kraftwerke müssen wiederaufgebaut, Stromnetze und die Wasserversorgung repariert werden und das praktisch laufend. Dafür hat die Bundesregierung gerade erst einen Zuschuss von knapp 80 Millionen Euro auf den Weg gebracht.

Stromausfall in Kiew nach einem Raketenangriff, hier im November 2022Bild: picture alliance/dpa/SOPA Images via ZUMA Press Wire

Davon sollen mit dem ukrainischen Energieversorger Kriegsschäden im Stromnetz behoben und gleichzeitig die Energieeffizienz des Gesamtnetzes verbessert werden. Wer die Technik dafür liefern kann, oder auch Notstromaggregate, der verdient derzeit gut am Krieg. Die besten Geschäfte aber macht die deutsche Rüstungsindustrie.

Verteidigung hat Priorität

24 Milliarden Euro hat Deutschland bislang für zivile und militärische Hilfe bereitgestellt und ist damit hinter den USA der zweitgrößte Unterstützer der Ukraine. Mit Blick auf den Winter, und weitere zu erwartende russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur, sind zusätzlich 1,4 Milliarden Euro veranschlagt. Geliefert werden unter anderem ein weiteres Patriot-Flugabwehr-System, ein weiteres Iris-T-System sowie weitere Gepard-Flakpanzer mit neu dafür hergestellter Munition.

Kanzler Scholz und der ukrainische Premier Schmyhal mit dem Zertifikat des Joint Ventures des Rheinmetall-Konzerns in der UkraineBild: Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Umfangreich im Geschäft ist Rheinmetall. Der börsennotierte Konzern hat gerade ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem ukrainischen Staatskonzern Ukrainian Defense Industry JSC registrieren lassen. Service- und Wartungsdienstleistungen, Montage, Produktion und Entwicklung von Militärfahrzeugen sind "zunächst ausschließlich auf dem Staatsgebiet der Ukraine" vereinbart, wie es von Rheinmetall heißt. "Es ist beabsichtigt, schrittweise gemeinsame Fähigkeiten in der Rüstungstechnologie in der Ukraine aufzubauen."

Beim Frühstück über Waffen reden

Ein Geschäft, an dem auch andere deutsche Firmen partizipieren wollen. "Wir haben den Tag mit einem Geschäfts-Frühstück mit 25 deutschen Rüstungsgesellschaften begonnen", berichtete Oleksandr Kamyshin, der ukrainische Minister für Strategische Industrien, auf der Wirtschaftskonferenz in Berlin. "Wir haben schon gut gearbeitet."

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Wie gut die Waffengeschäfte laufen, berichtete auf dem Forum Dennis Bürjes, Mitglied der Geschäftsleitung bei FFG, der Flensburger Fahrzeugbau GmbH. 1600 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen an der dänischen Grenze, "und wir wachsen weiter", wie Bürjes betont.

Panzer aus Flensburg

Knapp 700 gepanzerte Fahrzeuge habe die FFG bereits in die Ukraine geliefert oder werde das tun. Angefangen habe man mit Brückenlegepanzern, Bergepanzern und Pionierpanzern "als es politisch noch nicht on vogue war, Kampfpanzer zu liefern", so Bürjes.

Kampfpanzer vom Typ Leopard 1 in einer Lagerhalle in Flensburg. Sie werden von der Firma FFG ertüchtigtBild: Constanze Emde/dpa/picture alliance

Kürzlich sei NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zu Gast gewesen und habe gesagt, die FFG sei "der größte Unterstützer in Europa, wenn es um die Quantität von gepanzerten Fahrzeugen für die Ukraine geht". Die norddeutsche Firma hat inzwischen ein Tochterunternehmen in der Ukraine aufgebaut, deren Geschäftsführer Bürjes ist. "Mit dem Hintergrund, nicht nur Fahrzeuge zu liefern, sondern die auch nachhaltig zu betreuen und das am liebsten selbstverständlich mit der Ukraine zusammen als Team."

Technische Betreuung per Video-Konferenz

Was bei Bürjes so selbstverständlich klingt, ist für andere deutsche Unternehmer noch mit vielen Fragezeichen verbunden. Was beispielsweise sollen Maschinenbauer machen, wenn ihre in die Ukraine gelieferte Technik nicht einwandfrei funktioniert oder repariert werden soll? Es gilt eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts für die Ukraine. Kein Unternehmen kann Ingenieure und Monteure in das Land entsenden.

Dafür gebe es doch Zoom, entgegnet Minister Kamyshin. "Als ich noch bei der Eisenbahn gearbeitet habe, haben wir eine umfangreiche Reparatur an einem Zug nur über Video-Assistenz gemacht." Der Zug fahre seit einem Jahr ohne Probleme. Es gebe noch mehr Beispiele, wie man technische Beratung digital machen könne, bei Rüstungsfirmen funktioniere das ebenfalls. "Krieg und Covid haben uns gelehrt, wie wir resilient sein können."

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