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Mandelas Erbe

Mathias Bölinger15. Juli 2008

Nelson Mandela, der jetzt seinen 90. Geburtstag feiert, steht für versöhnliche Politik. Seine Amtszeit wurde nicht zu einer Abrechnung mit dem alten Regime. Doch viele Probleme des Apartheid-Regimes sind noch ungelöst.

Die Ithuba-Farm in Südafrika, Foto: Bölinger/DW
Die Ithuba-Farm in SüdafrikaBild: DW

Das Büro, in dem Alfred Xulu arbeitet, sieht nicht aus wie die Zentrale eines Großbetriebs: Ein rustikaler Bungalow mit einem kleinen Vorgarten, dunklen Balken an der Decke, einem beige gefliesten Badezimmer. Ein ländlicher Wohntraum aus den 1970er-Jahren. Hier wohnte bis 2005 eine weiße Farmerfamilie. Bis Alfred Xulu und seine Gemeinschaft dafür sorgten, dass sie von Südafrikas Geschichte eingeholt wurde. 1913 hatten weiße Siedler einst die schwarze Bevölkerung von dem Land vertrieben.

Heute bewirtschaftet Ithuba fast 2000 Hektar ZuckerrohrfelderBild: DW

Die Nachkommen dieser Gemeinschaft habe auf dem Rest des Stammesgebiets verteilt gelebt, erklärt Xulu. Die Stammesgemeinschaft habe noch existiert, so dass sie wussten, wessen Vorfahren vertrieben worden waren: "Wir haben dann eine Versammlung einberufen und alle informiert, dass die Regierung uns hilft, das Land zurückzukaufen", erinnert sich Alfred Xulu. Er ist der Geschäftsführer der Gesellschaft Ithuba im Dorf Kranskop in Südafrikas östlicher Provinz KwaZulu-Natal. Ithuba bedeutet "Chance" und ist eine Kapitalgesellschaft. Sie gehört der Stammesgemeinschaft und bewirtschaftet das Land seit der Übernahme.

Startschwierigkeiten

Mit einem Pick-Up-Truck fährt Milton Goge, eines der Vorstandsmitglieder von Ithuba, auf eine kleine Anhöhe mitten in den Zuckerrohrfeldern. Die leuchtend grünen Pflanzen stehen mannshoch auf beiden Seiten der Straße. Milton Goge klettert auf die Ladefläche des Pick-Up und schaut über die umliegenden Felder. Sein Arm beschreibt einen Kreis entlang des Horizonts. "Da vorne von dem Berg", zeigt er stolz, "bis zur Landstraße und dem Gebiet hinter dem Dorf Kranskop: Das alles ist unser Land!"

Die Geräte waren nicht im Preis für das Land inbegriffenBild: DW

Insgesamt neun Farmen hat die Gemeinschaft zurückerhalten: Heute bewirtschaftet Ithuba fast 2000 Hektar Zuckerrohrfelder und dazu noch fast einmal so viele Waldgrundstücke. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher landwirtschaftlicher Betrieb in Deutschland beackert gerade einmal 40 Hektar. Alfred Xulu, der bis zur Übernahme Grundschullehrer war, wurde zum Vorsitzenden des riesigen Betriebs gewählt. "Es gab einige Schwierigkeiten", erinnert er sich. "Als wir das Land bekamen, hatten wir gar keine Ahnung, wie man einen landwirtschaftlichen Betrieb managt." Außerdem hatten sie gehofft, dass die Regierung das Land zusammen mit den Geräten kauft. Doch Kettensägen, um das Holz zu fällen, Äxte und Traktoren, um das Land zu bebauen, waren nicht im Preis für das Land inbegriffen.

Landreform als wichtigste Forderung

Die Rückgabe von weißem Farmland an die schwarze Mehrheit war eine der wichtigsten Forderungen der Anti-Apartheid-Bewegung. Dennoch ging die Regierung in den ersten Jahren nach der Apartheid die Landreform eher zögerlich an. Seit 1998 können Schwarze die Rückgabe von Land beantragen, das während der Apartheid von Weißen enteignet wurde.

Die Landreform war eine der wichtigsten Forderungen in Südafrika

Die Regierung kauft das Land von den weißen Besitzern zurück und übergibt es den Schwarzen. 30 Prozent des weißen Farmlands will die Regierung in schwarze Hände übergeben. Trotzdem konzentriert sich die wirtschaftliche Macht immer noch in den Händen der Weißen, und noch immer ist der Großteil der Landwirtschaft im Besitz weißer Farmer.

Und auch im Falle einer Landverteilung gelingt der Übergang nicht immer: Die neuen Eigentümer haben meist keine Erfahrung, manche stellen die Bewirtschaftung einfach ein und bauen Häuser auf ihrem neuen Land. Das wollte man bei Ithuba vermeiden. Sie gingen einen Beratervertrag mit einer Firma ein, die schon lange im Zuckerrohrgeschäft ist und warben Führungspersonal von anderen Farmen ab.

Zukunft für Ithuba

Zakeli Xasani war Manager auf einer Zuckerrohrfarm im Süden der Provinz, bevor er von Ithuba angeworben wurde. Nun muss er auf einmal zehn Mal so viel Land bewirtschaften wie zuvor. Doch das sei nicht schwierig, sagt er: "Als sie diese Farmen übernommen haben, haben sie alle Leute mit übernommen, und sie arbeiten weiter als Vorarbeiter oder Fahrer: Diese Leute haben doch alles nötige Fachwissen."

Hat Ithuba eine Zukunft?Bild: DW

Ein paar Kilometer weiter verlädt ein Spezialkran das Zuckerrohr auf Lastwagen. Mit großen Greifarmen hebt er die geschnittenen Stauden auf die vergitterte Ladefläche eines Lastwagens. 450 Arbeiter, die auf den weißen Farmen gearbeitet haben, hat Ithuba übernommen, nur wer keine gültigen Papiere hatte, musste gehen. "Unter den alten Besitzern haben wir uns oft über unser Gehalt beschwert", erklärt einer der Arbeiter dort. Doch verglichen mit dem was er vorher verdient hat, sei er jetzt sehr zufrieden. Dennoch ist er skeptisch hinsichtlich seiner Zukunft bei Ithuba: "Wir arbeiten unregelmäßig. Manchmal sagt man uns plötzlich, wir sollen aufhören, dann werden wir wieder kurzfristig zurück an die Arbeit gerufen", klagt er.

Die Geschäftsführung bei Ithuba ist hingegen zuversichtlich, dass er und seine Kollegen ihre Arbeit behalten können: Nächstes Jahr will Alfred Xulu alle Kredite zurückgezahlt haben und die ersten Gewinne an die Mitglieder der Gemeinschaft auszahlen. Noch so eine Chance werden sie nicht bekommen.
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