WEF: Ist Grönland der Weckruf für Europa?
Veröffentlicht 21. Januar 2026Zuletzt aktualisiert 21. Januar 2026
Dass die Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) eine Donald-Trump-Show werden würde, war schon im Voraus klar. Schließlich ist der US-Präsident, der nach sechs Jahren nach Davos zurückkehrt, für einen Großteil der Fragmentierung der Weltordnung verantwortlich, über die beim WEF fünf Tage lang diskutiert wird.
Kurz zuvor hatte Trump den Einsatz noch einmal deutlich erhöht: Mit Zolldrohungen will er die engsten US-Verbündeten zwingen, seinen Plänen für eine Annexion Grönlands zuzustimmen, das zum NATO-Mitglied Dänemark gehört. Die europäischen Staats- und Regierungschefs sehen das als weiteren Schlag für die ohnehin schwer belasteten transatlantischen Beziehungen.
Die Europäische Union (EU) hat auf Trumps Drohungen reagiert, indem sie wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen ausgearbeitet und den Einsatz ihres sogenannten Anti-Coercion-Instruments (ACI) besprochen hat. Mit dem könnte der Zugang von US-Unternehmen zum riesigen EU-Binnenmarkt eingeschränkt werden.
All das zeigt erneut, dass Europa seine Selbstzufriedenheit ablegen und seine Abhängigkeit von den USA neu bewerten muss, von der Verteidigung bis zum Technologiebereich - ein Thema, das auch beim WEF viel diskutiert wird.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte den Teilnehmern, der "radikale Wandel", den Europa derzeit durchlaufe, sei "eine Chance" und sogar "eine Notwendigkeit, um eine neue Form der europäischen Unabhängigkeit aufzubauen". "Zur Wahrheit gehört auch, dass wir diese Chance nur nutzen können, wenn wir diesen Wandel als dauerhaft erkennen", fügte sie hinzu.
Die Staats- und Regierungschefs der EU waren bisher bemüht, Trump von einer Eskalation abzuhalten, die zum vollständigen Bruch der transatlantischen Beziehungen führen könnte. Dies ging jedoch mit diplomatischen und wirtschaftlichen Rückschlägen einher. So wurden die Europäer von den Friedensgesprächen zur Ukraine ausgeschlossen, obwohl sie die größten militärischen und finanziellen Unterstützer Kyjiws sind. Auch unterschrieben sie ein unausgewogenes Handelsabkommen mit den USA.
Eine Chance für Europa
Einige Experten sagen, die EU müsse gegenüber den USA entschlossener auftreten, schließlich habe sie enormen Einfluss. Die EU ist nicht nur ein riesiger Markt für US-Unternehmen, sondern auch Amerikas größter Kreditgeber. Europäische Länder und Anleger besitzen Billionenwerte in US-Staatsanleihen und Aktien, fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen. Dies ist bedeutend, denn die Vereinigten Staaten sind auf Verschuldung angewiesen, um ihre Rechnungen zu bezahlen.
Auch China wird oft als Vorbild genannt. Peking nutzte seine Kontrolle über Seltene Erden, um Trump zu zwingen, seine exorbitant hohen Zölle zurückzunehmen. Nun ist es leichter gesagt als getan, US-Staatsanleihen im großen Stil abzustoßen. Doch die EU erwägt bereits Maßnahmen, die US-Unternehmen Geschäfte in der EU erschweren könnten.
Andere stimmen jedoch von der Leyen zu, dass die EU vor allem ihre eigenen Probleme angehen sollte. "Wenn man produktiver ist, ist man wettbewerbsfähiger und hat mehr Einfluss in der Welt", so Matthias Tauber, Europa-Chef der Beratungsfirma Boston Consulting Group, zur DW. "Die jüngsten Entwicklungen unterstreichen, wie wichtig Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit sind. Hier muss Europa besser werden."
Schwache Wirtschaft, verlorene Wettbewerbsfähigkeit
Die europäische Wirtschaft wächst seit Jahren nur schwach und wird durch tiefgreifende strukturelle Probleme gebremst. Dazu gehören langsame Entscheidungsprozesse, komplizierte Regulierung, Energieunsicherheit und die Abhängigkeit von Rohstoff-Importen.
Dadurch ist Europa in Bezug auf Wirtschaftswachstum, verfügbare Einkommen und Produktivität weiter hinter die USA zurückgefallen und für Investitionen weniger attraktiv geworden. Und da die Kapitalmärkte in Europa klein und fragmentiert sind, haben viele Firmen, insbesondere Startups, Schwierigkeiten bei der Finanzierung ihrer Investitionen.
Die Probleme sind bekannt und wurden auch in einem Bericht hervorgehoben, den Mario Draghi, der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank, im Jahr 2024 vorgelegt hat. Doch mehr als ein Jahr später sind hier keine nennenswerten Fortschritte zu verzeichnen.
Von der Leyen ging in ihrer Rede in Davos auf diese Herausforderungen ein, darunter auch die Notwendigkeit, ein einfaches und flexibles regulatorisches Umfeld zu schaffen. "Wir leben in einer Zeit, in der Kapital oder Daten Europa innerhalb einer Sekunde durchqueren können. Und Unternehmen müssen sich ebenso frei bewegen können", so von der Leyen.
Risiken diversifizieren, Abhängigkeit verringern
Die sich ändernde Weltordnung, von der die Kommissionspräsidentin in Davos sprach, sorgt bereits für ein Gefühl der Dringlichkeit in der EU. So wurde im Januar das Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Ländern unterzeichnet, über das zuvor 25 Jahre lang verhandelt worden war. Auch die Gespräche über ein Abkommen mit Indien werden mit neuem Schwung geführt.
Die EU investiert zudem massiv in ihre Verteidigung, insgesamt Hunderte von Milliarden Euro, um weniger von den USA abhängig zu sein.
Ebenfalls reduzieren möchten die Europäer ihre Abhängigkeit von US-amerikanischen Big-Tech-Unternehmen. Deutsche Unternehmen wie Siemens und SAP arbeiten bereits daran, schließen jedoch eine vollständige Abkopplung aus.
Es sei "töricht" zu glauben, dass Europa jemals in der Lage sein werde, alle Software oder Computer mit speziellen Grafikchips (GPU) und den erforderlichen Komponenten selbst herzustellen, so Cedrik Neike, Chef von Siemens Digital Industries, zur DW.
"Die Realität ist, dass die Welt extrem abhängig ist. Wir können das Risiko verringern, aber wir können unsere Abhängigkeit niemals vollständig beseitigen", so Neike.