1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikNahost

Arabische Frauen erobern die Comedy-Bühne

6. Januar 2026

Immer mehr Frauen aus dem Nahen Osten feiern Erfolge als Comedy-Künstlerinnen. Ihre Präsenz auf Bühnen, im Film, auf Festivals und nicht zuletzt in sozialen Medien könnte auch Frauen künftiger Generationen stärken.

Porträt von Sara Hamdan, Autorin von "What will people think"
Sara Hamdan, Autorin von "What will people think"Bild: Farooq Salik/JAWDrop.agency

"Ich weiß, ich bin ebenfalls überrascht, dass ich pünktlich bin. Ich war fast zu spät, denn ich bin ja eine Araberin, und wir mussten noch ein Essen für 20 Leute vorbereiten ... weil eine Freundin gesagt hat, sie könne vielleicht kurz vorbeikommen und mal Hallo sagen."

Mit diesen Worten eröffnet Mia Almas, aufstrebende Komikerin palästinensischer Herkunft in New York, ihre Stand-up-Show. "So ticken meine Leute. Wir übertreiben es richtig. Denn indem wir einander überfüttern, bezeugen wir Respekt", fährt sie fort.

Mia ist zwar eine fiktive Figur aus dem kürzlich erschienenen Debütroman "What Will People Think?" der Autorin Sara Hamdan. Doch die Handlung verweist auf einen wirklichen Trend: den wachsenden Erfolg arabischer Frauen als Stand-up-Komikerinnen im Nahen Osten.

"In den vergangenen Jahren hat sich diese Form künstlerischer Performance in Teilen der arabischen Welt zu einem wichtigen Vehikel weiblicher Selbstermächtigung und sozialer Kritik entwickelt", sagt Elham Manea, Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Golfregion und Naher Osten. "Diese Sichtbarkeit ist entscheidend, denn Frauen erreichen damit ein Publikum weit über aktivistische oder elitäre Kreise hinaus."

Dies geschieht freilich langsam - und vor allem auf eher kleineren Bühnen und Plattformen. Bei zahlreichen kleineren Events in der Region stehen  Arabisch sprechende Komikerinnen bereits auf der Bühne. Bei den großen Comedy-Festivals in Abu Dhabi, Dubai, Amman und Riad allerdings blieb der Frauenanteil in diesem Jahr weiter eher im einstelligen Bereich. Beim 'Riyadh Comedy Festival' etwa standen im September 2025 nur drei Frauen auf der Bühne - gegenüber 47 männlichen Kollegen.

Werbung für das 'Riyadh Comedy Festival' in Saudi-Arabien, 2025Bild: Fayez Nureldine/AFP

Humor mit Tradition

"Humoristische Bühnenstücke haben im Nahen Osten eine lange Geschichte und sind ein wichtiger Teil unserer Kultur", sagt Hamdan im Gespräch mit der DW. So erlangten bereits in den 1930er-Jahren das ägyptische Theater und der Film große Popularität. Slapstick-Fernsehformate gehören seit Jahrzehnten zu den tragenden Säulen der arabischen Unterhaltungsindustrie.

Als sie vor 15 Jahren von New York nach Dubai zog, profitierte Hamdan von ihrer Leidenschaft für Comedy auch journalistisch, künstlerisch und privat. Für ihren ersten Artikel, der sich mit Comedy im Nahen Osten beschäftigte, traf sie  Jamil Abu-Wardeh, der zuvor einen vielbeachteten Kurz-Vortrag über Comedy und das Schreiben von Humor gehalten hatte.

"Am Ende habe ich den Mann interviewt, der später mein Ehemann wurde", erinnert sie sich und lacht. Das Paar teilt seine Begeisterung für Comedy bis heute. "Wir treten regelmäßig in Shows auf", erzählt Hamdan.

"Es gibt in der Region durchaus ein Publikum für Komikerinnen", meinte bereits 2023 auch die syrische Stand-up-Komikerin Ola Msharaf 2023 im Interview mit dem Magazin "Grazia". Allerdings stünden Frauen in der Comedy-Szene unter besonderem Druck, machte die Komikerin Reem Nabil aus Ägypten in demselben Beitrag deutlich. "Die Schwierigkeit besteht darin, dass man uns ständig mit männlichen Kollegen vergleicht. Man stellt uns gegeneinander, als müssten wir beweisen, wer lustiger ist", sagte sie.

Grenzen der Meinungsfreiheit

"Comedy hebt Geschlechterhierarchien nicht automatisch auf", betont Expertin Manea und teilt eine Beobachtung. "Komikerinnen werden oft strenger kontrolliert als Männer. Bestimmte Themen bleiben heikel oder riskant."

Im Unterschied zu vielen international erfolgreichen Stand-up-Comedians meiden männliche ebenso wie weibliche Kabarettisten auf offiziellen Festivals im Nahen Osten meist politische Inhalte. Auch das Thema Sexualität greifen sie meistens nicht auf, ebenso verzichten sie auf eine Sprache, die als vulgär empfunden werden könnte - unabhängig vom Geschlecht der Künstler. Veranstalter geben im Vorfeld oft klare Vorgaben, was gesagt werden darf und was nicht.

Außerhalb der offiziellen Festivalstrukturen gibt es jedoch auch gesellschaftskritische oder politische Comedy, ebenso im Ausland. Viele arabische und arabischstämmige Künstlerinnen und Künstler greifen dort ein breiteres Themenspektrum auf.

"Mit der Zeit hat sich das Spektrum des Sagbaren und normal Anmutenden erweitert", sagt Expertin Manea. Dadurch, dass nun auch Frauen auf der Bühne stünden, würden weibliche Stimmen und ihre Anliegen im öffentlichen Raum stärker wahrgenommen als bislang, meint sie.

Der Effekt sei dabei selten offen politisch. Vielmehr entstehe er über Sichtbarkeit, Wiederholung und über den Tonfall. "Comedy erlaubt es Frauen, über Ehe, familiären Druck, Arbeit, Anstand und doppelte Standards zu sprechen, ohne dies als ideologische Konfrontation präsentieren zu müssen", sagt Manea. Lachen mache diese Erfahrungen sozial verständlich und teilbar - und erreiche damit oft auch Menschen, die explizit feministischen Diskursen skeptisch gegenüberstehen.

Die Macht der Plattformen

Zudem sind Komikerinnen heute weniger auf klassische Medien wie Fernsehsender, Veranstalter oder Regisseure angewiesen. "Wir haben die Macht in unseren Händen - und zwar durch unsere Mobiltelefone", sagt Hamdan.

Sie selbst folgt mehreren arabischen Komikerinnen auf Instagram, darunter Saaniya Abbas, Roxy und Mina, die jeweils zwischen 5.000 und 500.000 Follower haben.

2023 strahlte der emiratische Sender OSN zudem die Comedy-Reihe 'Stand Up! Ya Arab!' aus - das erste Format dieser Art mit 56 arabischen Comedy-Talenten, darunter 17 Frauen. Die Sendung erhielt viel positives Feedback.

Der Erfolg junger Komikerinnen könnte als Vorbild und Türöffner für kommende Generationen junger Frauen im Nahen Osten dienen. "Während immer mehr Rollenvorbilder entstehen, gilt es nun, strukturelle Einschränkungen abzubauen, damit diese Erfolge keine Ausnahme bleiben", sagt Moez Doraid, Regionaldirektor "UN Women" für die arabischen Staaten, gegenüber der DW:

"Die nächste Generation verdient mehr als Inspiration - sie braucht echte Zugänge zu Chancen", so der UN-Mann aus Ägypten. "Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, würde Geschlechterparität in den arabischen Staaten erst in 185 Jahren erreicht. Das ist viel zu lange."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

Jennifer Holleis Redakteurin und Analystin mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika.
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen