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Weiche Droge mit harten Konsequenzen

Golrokh Esmaili8. Mai 2006

Cannabis ist die am weitesten verbreitete Droge. Ihre Gefährlichkeit wird heute eher unterschätzt. Gerade von Jugendlichen, die immer früher zur Tüte greifen.

Aus der Marihuana-Pflanze kommt für viele Jugendliche erst das Glück, dann die SuchtBild: Fotofinder

Sebastian, 36, sitzt in seiner Mittagspause in einem bekannten Kölner Restaurant. Um sich von seiner Arbeit besser erholen zu können, raucht er dabei einen Joint. Mitten in Köln - auf der Ehrenstraße. Zum einen fällt es sowieso keinem auf, zum anderen – selbst wenn: Es würde doch niemanden interessieren. "Ich sehe ja auch nicht aus wie einer von den runtergekommenen Pennern oder Drogenabhängigen, die auf der Domplatte rumhängen", sagt er.


Erkan, 24, groß und sportlich. Seit 20 Jahren ist er Hobbyfußballer. Jetzt ist er Autoverkäufer und Langzeitkiffer. Die Frage nach möglichen Suchtfaktoren verneint er: "Kiffen macht nicht abhängig. Musst du halt genug Sport machen. Wenn du viel Bewegung hast, kannst du auch nicht abhängig werden. Oder ein Job, das hilft auch." Er ist der Meinung, dass eine Gefahr nur bei denen besteht, "die nichts aus ihrem Leben machen und den ganzen Tag rumgammeln." Über Drogen haben sie mal gesprochen – "vor Jahren in der Schule". Um was es da genau ging weiß er aber nicht mehr.

Kiffen erlaubt

Cannabis kann auf viele verschiedene Arten konsumiert werdenBild: AP

Cannabis gehört zu den am häufigsten konsumierten illegalen Drogen Deutschlands. Laut Statistischem Bundesamt gaben 26 Prozent aller befragten 18- bis 59-jährigen Deutschen an, in ihrem Leben mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. Am weitesten verbreitet ist Cannabis aber immer noch in der Gruppe der so genannten jungen Erwachsenen: Annähernd 50 Prozent der 18- bis 24-jährigen haben die Substanz schon mindestens einmal konsumiert. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Sabine Bätzing stellte den Drogen- und Suchtbericht vor. In diesem heißt es, dass Jugendliche immer früher zum Joint greifen. "Umso früher der Konsum beginnt, desto größer ist das Risiko, psychisch abhängig zu werden." Das Einstiegsalter liege inzwischen bei 16 Jahren. Rund 400.000 Menschen seien abhängig oder konsumierten zu viel Cannabis.

Betrachtet man die Rechtslage, muss man feststellen, dass das Kiffen an sich in der BRD noch nie verboten war. Bestraft werden kann laut Betäubungsmittelgesetz (BtMG), wer illegale Betäubungsmittel (also z.B. Cannabis) "anbaut, herstellt, mit ihnen Handel treibt, sie, ohne Handel zu treiben, einführt, ausführt, veräußert, abgibt, sonst in Verkehr bringt, erwirbt oder sich in sonstiger Weise verschafft." Außerdem sind Besitz, Durchfuhr und einige andere Dinge verboten. Der Konsum von Cannabis kommt jedoch im BtMG nicht vor und ist somit erlaubt.

Das THC (Tetrahydrocannabinol) - der Wirkstoff von Cannabis - wird als Arzneimittel in der Medizin eingestzt. Unter anderem in der Schmerztherapie, bei der Behandlung von Aids- und Krebspatienten, aber auch zur Bekämpfung von Hautallergien und Neurodermitis eingesetzt. Die Behandlungsmethoden sind allerdings stark umstritten. Während sich die einen über das Für und Wieder von Cannabis in der Medizin streiten, melden sich währenddessen bei den Drogenberatungsstellen immer mehr Dauerkiffer, weil sie ausgebrannt und depressiv sind.

In den Niederlanden gibt es Cannabis auf RezeptBild: AP


Entspannt durch Kiffen


Mascha, 26 findet die "Verherrlichung von Gras gar nicht mehr witzig." Sie hat auch mal für die Legalisierung von Cannabis demonstriert. In der ersten Reihe und ziemlich bekifft. Damals dachte sie noch, das wäre für eine gute Sache. "Kiffen hat mich entspannt. Bekifft dachte ich, ich wäre viel lustiger drauf und alles erschien mir leichter.“

Heute hat sich ihre Einstellung zum Kiffen geändert: "Hätte ich vor sechs Jahren gewusst, was das Zeug auslöst, hätte ich nie damit angefangen." In der Schule sei es damals mal um Drogen gegangen, aber damit wurde mehr Heroin und Kokain angesprochen. Mascha hat ihre Ausbildung zur Schreinerin abgebrochen. Kurz vor Schluss. Sie hat den Weg zur Arbeit nicht mehr geschafft. Die Panikattacken kamen immer öfter und wurden immer stärker. Bevor sie sich Hilfe suchte, hatte sie ihre Wohnung mehr als zwei Monate nicht mehr verlassen. Ihre Mutter fand sie schließlich in einem miserablen Zustand.

Der Bensberger Neurologe Christian Stasik berichtet über Jugendliche, die von Angstzuständen, Panikattacken, permanenten Schweißausbrüchen, Herzrasen und ähnlichen Symptomen berichten. "Viele meiner Patienten denken, dass man nur durch harte Drogen psychisch erkranken kann." Dies ist erwiesenermaßen ein Trugschluss. Um bestimmte Symptome hervorzurufen, reicht das Kiffen bereits aus. Eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit ergab, dass Cannabis-Konsum der Auslöser von Schizophrenie sein kann.

Ursache für diese Entwicklung sind unter anderem Technik und Fortschritt von Technologien: Durch modernste Geräte, automatische Bewässerungsanlagen und computergesteuerte Scheinwerfer wird der THC-Gehalt in den Pflanzen hochgezüchtet. Der nicht nur aus den 1968ern berühmtberüchtigte "Schwarze Afghane" brachte es auf maximale acht Prozent an Wirkstoff. Heute ist Marihuana mit einem Wirkstoffgehalt von 20 Prozent keine Seltenheit mehr.

Die Bedingungen für den Anbau von Cannabis haben sich verändertBild: dpa


Alles im grünen Bereich


In einer Broschüre der Suchtberatung zum Wirkungsspektrum von Cannabis lässt sich folgender Satz finden: "Cannabis bewirkt Gefühle wie Entspannung, innere Ruhe, Ausgeglichenheit, Wohlbefinden, leichte Euphorie und Befreiung von Ängsten. Zudem steigert es die sexuellen Empfindungen." Untersuchungen am Institut für Hirnforschungen an der Universität Bremen hingegen ergaben, dass Cannabis-Konsum in der Pubertät zu Langzeitschäden wie Gedächtnisstörungen und Motivationsschwäche führen kann.

Sebastian macht sich keine Sorgen zum Thema Kiffen. Seiner Meinung nach hat er seinen Konsum im Griff: „Ich kenne zwar auch Leute, die davon abgedreht sind, aber die hatten auch schon vorher ihre Probleme.“ Abschließend fügt er hinzu: „Klar, ich könnte jederzeit damit aufhören, aber wieso? Bei mir ist das alles im grünen Bereich.“

Bei Mascha und den übrigen 15.000 Jugendlichen, die sich jährlich hilfesuchend an die Drogenberatungsstellen wenden, war auch ziemlich lange ziemlich viel im grünen Bereich.

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