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Welthunger stillen mit besserer Nahrung

Lydia Heller22. Oktober 2013

Mehr Anbau, weniger Hunger in der Welt - so das Credo bisher. Auf dem Weltgesundheitsgipfel vertraten Entwicklungsexperten zuletzt eine neue Ansicht: Nicht mehr Nahrungsmittel sollen produziert werden, sondern bessere.

Ein Berg Maiskolben (Foto: picture alliance/Katerina Sovdagari/RIA Novosti).
Bild: picture-alliance/Katerina Sovdagari/RIA Novosti

"Gehen Sie raus - und überall sieht man: Mais, Mais, Mais." Hans Rudolf Herren, Präsident der Stiftung Biovision für nachhaltige Entwicklung und Gewinner des Alternativen Nobelpreises 2013 redet sich in Rage. Seit Jahren laufe etwas schief bei der Produktion von Lebensmitteln. "In Afrika, in Brasilien, in Amerika kann man hunderte Kilometer fahren, da sieht man nur noch Mais! Ethanol wird daraus hergestellt und Tierfutter. Das ist doch falsch!"

Etwa ein Drittel der Getreideernten weltweit wird an Nutztiere verfüttert und insgesamt mehr als 50 Prozent der Ernten werden für Industrieproduktion und Energieerzeugung genutzt. Somit bleibt weniger als die Hälfte, um Menschen zu ernähren. Während das für die Menschen in den reichen Ländern kein großes Problem zu sein scheint - hier gibt es trotzdem billige Lebensmittel im Überfluss - leiden noch immer weit mehr als 800 Millionen Menschen weltweit an Hunger, vor allem in Afrika südlich der Sahara und in Asien.

Nahrungsmittel-Exporte machten Bauern zu Hilfeempfängern

Die Forderung nach einer gerechteren weltweiten Verteilung von Lebensmitteln und nach mehr Zugang zu billigeren Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern gehört daher seit Jahren ebenso zum Programm der Entwicklungspolitik wie die Ansicht, Hunger sei eine Folge einer unproduktiven Landwirtschaft. "Vor allem in den USA war unsere Theorie: Hey, wir unterstützen die Bauern dort einfach! Wir produzieren Nahrungsmittel viel effizienter und viel billiger als sie es in den Entwicklungsländern können", sagt Roger Thurow, Experte für globale Landwirtschaft am Chicago Council on Global Affairs. Die afrikanischen Länder sollten Lebensmittel einkaufen. Im Falle einer Hungerkrise hieß es: "Wir ernähren Euch."

Moderne Landwirtschaft ist in vielen Teilen Afrikas noch nicht alltäglichBild: AFP/Getty Images

Dass dieser Ansatz zu kurz greift, wird inzwischen immer deutlicher: Denn lokale Kleinbauern, die in vielen afrikanischen Ländern bis zu drei Viertel der Bevölkerung ausmachen, sind auf diese Weise zu Hilfeempfängern gemacht worden - mit der Folge, dass eine moderne Landwirtschaft in diesen Ländern noch immer kaum entwickelt ist. Auch in guten Jahren liege ihre Ausbeute ein Fünftel oder ein Zehntel unter der von Landwirten in der entwickelten Welt, so Thurow. "Sie verlieren regelmäßig bis zu 30 Prozent ihrer Ernten durch schlechte Lagerung. Die Lager sind mittelalterlich! Ungeziefer und Regen können eindringen und die Bestände innerhalb von Wochen vernichten. Wenn sie doch Teile der Ernte verkaufen wollen, gibt es kaum Straßen, auf denen man sie sicher zu einem Markt transportieren kann. Und die Böden sind ausgelaugt."

Nicht mehr - sondern bessere Nahrungsmittel

Heute könne es daher nicht mehr nur darum gehen, dass mehr Nahrungsmittel produziert werden, sondern dass vielfältigere und hochwertige Lebensmittel produziert werden. In Indien etwa sei es zwar gelungen, die Erträge zu steigern, so der Ernährungswissenschaftler Michael Krawinkel von der Justus-Liebig-Universität in Gießen, dennoch gibt es dort so viele Unterernährte wie in kaum einem anderen Land der Welt. Europa und die USA dagegen, wo die Landwirtschaft bezuschusst wird und Lebensmittel billig sind, kämpfen mit ernährungsbedingten Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck. Zudem muss rund um den Globus gerade die Landwirtschaft auf die Folgen von Klimawandel und abnehmenden Ressourcen reagieren.

Hunger zu bekämpfen, habe zwar immer noch Priorität, aber: "Satt werden allein reicht nicht mehr aus. Wir brauchen eine Vielzahl von Vitaminen und anderen Nährstoffen, damit sich ein Sättigungsgefühl einstellt und der Ausgleich von Blutzucker und Blutfettwerten gefördert wird." Statt eines großflächigen Anbaus von nur wenigen Pflanzen müsse die Landwirtschaft wieder verschiedene Pflanzen und verschiedene Anbauformen etablieren. "Früher hat man zum Beispiel in drei Höhen angebaut - am Boden Gemüse, dann ein Strauch und darüber ein schattenspendender Baum, der Früchte liefert. Diese Vielfalt schützt sowohl vor Naturgefahren und fördert eine ausgewogene und bedarfsgerechte Ernährung."

Nachhaltige Landwirtschaft als Sustainable Development Goal

Hans Rudolf Herren kämpft daher dafür, dass eine nachhaltige Landwirtschaft eines der Ziele für nachhaltige Entwicklung wird, die eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen derzeit entwickelt. Letztlich aber seien es die Menschen, die sich entscheiden müssten. "Beim Einkaufen und beim Wählen hat jeder genug Freiheit zu sagen: Ich wähle diese oder diese, das kauf ich, das nicht. Ich glaube immer noch, die Industrie wird sich an den Konsumenten anpassen." Entweder also Obst und Gemüse statt Fleisch, bessere Gesundheit und mehr globale Gerechtigkeit um den Preis möglicherweise teurerer Lebensmittel. Oder: billiges Essen und viel Fleisch, dafür mehr Zivilisationskrankheiten, mehr globale Ungleichheit und: "Mais, Mais, Mais in der Landschaft".

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