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Interview mit Roberto Simanowski zum Weltkindertag

Boris Claudi
20. September 2018

Digitale Medien entwickeln sich in einem rasanten Tempo weiter. In seinem Buch "Stumme Medien" sagt der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski: Schulen und Universitäten werden nicht genügend darauf vorbereitet.

Roberto Simanowski Porträt
Bild: Verlag Matthes & Seitz

 

Deutsche Welle: Es wird immer behauptet, es sei wichtig, dass die Schulen "Medienkompetenz" vermitteln. Aber das kann ja völlig unterschiedlich interpretiert werden. Manche sprechen lieber von "Medienmündigkeit". Wie definieren Sie das?  

Roberto Simanowski: Das an den Schulen praktizierte Konzept der Medienkompetenz läuft zumeist darauf hinaus, den Schülern beizubringen, wie sie sich richtig auf der "Datenautobahn", wie das Internet früher genannt wurde, verhalten sollen. Es geht um den effektiven, fehlerfreien, kreativen Umgang mit den neuen Medien.

Der mündige Blick auf Medien hingegen entwickelt eine Sensibilität dafür, welche gesellschaftlichen Veränderungen technische Entwicklungen mit sich bringen. Da geht es dann nicht um die Kompetenz, viele Likes auf Facebook und YouTube zu generieren oder um die Fähigkeit, Falschmeldungen zu erkennen und Filterblasen zu vermeiden.

Da geht es auch um die Erkenntnis, inwiefern das Geschäftsmodell von Facebook solche Phänomene wie Falschmeldungen und Filterblasen fördert und was die verdeckten gesellschaftlichen Nebenkosten sind, wenn die Infrastruktur des digitalen Zeitalters - also die Kommunikations- und Wissensstrukturen von sozialen Netzwerken wie Facebook und Suchmaschinen wie Google - von börsennotierten, profitorientierten Unternehmen beherrscht werden, deren natürliches Interesse nicht der emanzipierte Bürger ist, sondern der zufriedene Aktionär. Sie merken, wenn man Medienkompetenz in Richtung Medienmündigkeit denkt, wird die Sache politischer und kritischer.

Wie gut ist die Gesellschaft Ihrer Meinung nach auf die Digitalisierung und ihre Konsequenzen vorbereitet?

Die Politik, die Bildungspolitik und die Bildungsinstitutionen haben es lange verschlafen, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen und einen Diskussionsprozess anzufachen, der die Gesellschaft mental und reflexiv auf den Entwicklungsstand ihrer Technologien bringt. Jetzt hat die Politik offenbar nur noch Angst, wirtschaftlich den Anschluss an die Digitalisierung zu verpassen und ist so versucht, alles auf die "digitale Karte" zu setzen, und zwar ohne Wenn und Aber, wie die Wirtschaft es von ihr verlangt. Die Politik ist offenbar von der Digitalisierung der Gesellschaft völlig überfordert und vermeidet auch deswegen, sich entsprechend zu engagieren, weil die etablierten Politiker von diesem Thema zumeist keine Ahnung haben und instinktiv vermeiden wollen, als technophobe Modernisierungsgegner dazustehen.   

2013 bezeichnete Bundeskanzlerin Angela Merkel das Internet als "Neuland"Bild: Rainer Hachfeld

Welche Vision für den Bildungsbereich haben Sie?

Meiner Überzeugung nach benötigt die Gesellschaft neben Mediennutzungskompetenzen ebenso Medienreflexionskompetenzen, die in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen systematisch entwickelt werden müssen. Meine Vision ist, dass an den Universitäten die Geisteswissenschaften systematisch und nachhaltig jene Themen in ihre Forschung und Lehre aufnehmen, die speziell mit den digitalen Medien verbunden sind.

Ziel der fachspezifischen Erweiterung des Forschungsgegenstandes ist letztlich die Vermittlung des produzierten Wissens zum digitalen Wandel in entsprechenden Lehrveranstaltungen, und zwar auch innerhalb des Lehramtsstudiums. Dabei ist klar, dass der Wissenstransfer von der Universität in die Schule auch die Kooperation der Medien- und Fachwissenschaft mit der Medienpädagogik und den entsprechenden Fachdidaktikern benötigt, um zu klären, was wie am besten im Klassenraum zu vermitteln ist.

Smartphones als Recherchehilfe? Manche Schulen erlauben diesBild: picture-alliance/dpa/J. Kalaene

Die Antworten der Schulen reichen von Handyverbot bis hin zum Unterricht mit Tablets. Wo sehen Sie den idealen Weg?

Ich habe meinen Studenten in Hongkong erlaubt, im Unterricht ihre Laptops und Handys zu benutzen, weil sie ja auf diesen die Texte lesen und kommentieren, sich Notizen machen und bestimmte Aspekte des behandelten Themas sofort recherchieren. Natürlich kann man nicht ausschließen, dass sie nebenbei auch ihre Meldungen in den sozialen Medien anschauen. Diesen Preis muss man wohl zahlen, wenn man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und jeglichen sinnvollen Gebrauch der neuen Technologien im Lernkontext verbieten will. Ich habe versucht, die Aufmerksamkeitskonkurrenz durch eine interessante Unterrichtsführung statt eines Generalverbots abzuwehren. Aber ich sehe ein, dass dieses Verfahren nicht für alle und nicht überall funktioniert. 

Wie würden Sie Ihre eigenen Kinder schulen?

Ich würde so wie Steve Jobs und viele CEOs des Silicon Valley darauf achten, dass sie nicht zu früh zu viel Zeit mit den neuen Medien verbringen, sondern sich zunächst jene Kulturtechniken aneignen, die der Mensch vor den neuen Medien entwickelte und die nun von diesen in Frage gestellt werden. Ich denke da natürlich an das Buch und die konzentrierte Lektüre, die nicht ständig durch eingehende Textmeldungen unterbrochen wird und auch nicht auf den nächstbesten Link klicken lässt, wenn es schwierig oder seltsam wird. Ich denke aber auch an die geduldige Rezeption von Bildern und von Filmen, die nicht jede halbe Minute einen neuen Aufmerksamkeitserreger injizieren.

Lesen: eine alte KulturtechnikBild: picture-alliance/ blickwinkel

Sie sehen die "Digital Immigrants", also hier meist die Eltern und Lehrer, gegenüber den "Digital Natives", hier Kinder und Schüler, in einem zentralen Punkt im Vorteil. Warum?

Wenn man die Metaphorik ernst nimmt, wird man den prinzipiellen Erfahrungsvorsprung von Immigranten bedenken, die den Kontext, in den sie einwandern, oft kritischer betrachten, weil sie eben nicht in ihn hineingeboren wurden - so wie man die Grammatik einer gelernten Fremdsprache besser durchschaut als die der Muttersprache. Immigranten wissen, wie es anderswo (oder früher) ist (oder war), und sind durch den Vergleich sensibler für die Unterschiede als jene, die ungebrochen und arglos mit den Gepflogenheiten ihres Umfeldes aufwuchsen.

Man verhält sich reflektierter - und vielleicht auch nostalgischer - zur E-Mail, wenn man selbst noch Briefe schrieb; man sieht die Transparenzkultur des Digitalen kritischer, wenn man einst gegen die Volkszählung als Symptom des Überwachungsstaats protestierte. Man ist alarmierter gegenüber der Kurzatmigkeit von Hypertexten, wenn man die Kulturtechnik Lesen noch an Büchern entwickelte. Man sieht besser die Kosten der Kostenlosigkeit, wenn man sich an politische Artikel erinnert, die noch nicht von Werbung umstellt und durchsetzt waren. Es ist die kulturhistorische Einordnung und die kulturwissenschaftliche Reflexion der Medienentwicklung, mit der die Lehrer im Klassenraum in Sachen neue Medien punkten könnten. Es ist dieser Strang der Medienbildung, den die Älteren den Jüngeren, die Eingewanderten den Eingeborenen voraushaben und mitgeben können.

Demonstration gegen Volkszählung in Berlin 1987Bild: picture-alliance/dpa

Der Gründer der größten IT-Firmengruppe Chinas (Alibaba) und ehemalige Englischlehrer, Jack Ma, sagt: "Wir müssen alles lernen, was der Computer nicht kann." Und der Bestsellerautor Frank Schätzing sagt: "Schüler sollten Maschinensprache lernen, um mit intelligenten Maschinen kommunizieren und mit der Zukunft Schritt zu halten zu können." Wer hat recht?

Natürlich müssen wir all das lernen, was der Computer nicht übernehmen kann oder soll, wenn uns am Fortbestand dieser Dinge gelegen ist. Das entwertet aber noch nicht Frank Schätzing Rat, denn natürlich ist es zugleich sinnvoll, wenn man versteht, was unter der Motorhaube passiert und wie man mögliche Fehler beheben oder vom Hersteller nicht intendierte Wirkungen herbeiführen kann.

Frank Schätzings Roman "Limit" ist 1300 Seiten langBild: picture-alliance/Geisler-Fotopress/C. Hardt

Die Frage ist, welchen Aufwand man betreiben soll. Wenn Programmierer heutzutage Programme schreiben, die selbst Programme schreiben können, und mit "deep learning"-Verfahren Algorithmen in den Status der künstlichen Intelligenz vorantreiben mit der Folge, dass Computer selbst für Spezialisten zur Blackbox werden, fragt sich, wie weit man überhaupt Schritt halten kann mit der Entwicklung. Insofern hätte für mich das Priorität, was Menschen auf jeden Fall - bisher noch - besser können als Computer: Die kulturstiftende Funktion des Computers zu reflektieren, also die gesellschaftlichen Implikationen technologischer Entwicklungen zu untersuchen, zu diskutieren, ob man diese will, und herauszufinden, was man tun kann, sollte dies nicht der Fall sein.

Roberto Simanowski ist ausgebildeter Lehrer für Deutsch und Geschichte und Professor für Medienwissenschaft an der Pontifícia Universidade Católica do Rio de Janeiro. Seine Forschungsgebiete umfassen Postmodernismus, Multikulturalismus, Ästhetik und digitale Medien. Das Interview wurde schriftlich geführt.

Roberto Simanowski: Stumme Medien - Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft

Verlag Matthes & Seitz Berlin, 304 Seiten, Klappenbroschur, Erschienen: 2018, ISBN: 978-3-95757-521-0

Preis: 24,00 €

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