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Weltweites Gedenken an den Holocaust

Helle Jeppesen27. Januar 2006

Zum ersten Mal wird der 27. Januar in diesem Jahr nicht nur als deutscher, sondern als internationaler Gedenktag an den Holocaust begangen. Doch welche Funktion hat ein solcher Gedenktag heute noch?

Für viele der Weg in den Tod: das Konzentrationslager AuschwitzBild: AP

Seit zehn Jahren ist der 27. Januar in Deutschland Holocaust-Gedenktag, ein Tag, an dem der Opfer des Dritten Reichs gedacht wird. Im November 2005 haben die Vereinten Nationen eine Resolution verabschiedet, die den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945 zum weltweiten Gedenktag macht. Die Resolution ruft nun international zur Erinnerung und Aufklärung aller Nationen auf.

Kaum noch Zeitzeugen

Holocaust-Gedenktag in PolenBild: AP

61 Jahre ist es her, dass das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde. Bei der Befreiung finden die Sowjets Leichen, Sterbende und ausgemergelte Gestalten, die Bilder gingen um die Welt, riefen ein kollektives, weltweites Entsetzen hervor. Die Bilder und Filme von damals haben auch heute nichts von ihrer Ungeheuerlichkeit eingebüßt, und doch hat es in Deutschland über 50 und international über 60 Jahre gedauert, bevor einen Gedenktag für die Opfer des Holocaust eingeführt wurde.

Warum musste dafür so viel Zeit vergehen? "Ich glaube, das hat sehr viel damit zu tun, dass sich die Zeit der Zeitgenossen dieses schrecklichen Kernereignisses des Zweiten Weltkriegs ihrem Ende nähert, und dass darüber auch das Bewusstsein, dass dieses nicht vergessen werden darf, in den letzten Jahren noch weiter gewachsen ist", sagt der Historiker Norbert Frei von der Universität Jena.

Traumatisierte Gesellschaft

Gedenken an den Holocaust in SpanienBild: AP

Doch es hänge auch mit dem Grad der Verarbeitung zusammen, sagt Edna Brocke, Leiterin der Alten Synagoge in Essen, einer städtischen Begegnungs- und Lernstätte, die zugleich Museum, Dokumentationsforum und Gedenkstätte unter einem Dach vereint. Edna Brocke ist selbst Jüdin. Sie sieht den Gedenktag durchaus kritisch: Sie glaube, dass die Tatsache, dass der internationale Gedenktag jetzt zu Stande gekommen sei, weder mit der Schoah noch mit den Juden zu tun habe, sondern viel mehr mit dem Zustand Europas. Europa sei eine in der Nachkriegszeit traumatisierte Gesellschaft, die eine Krise sowohl in der religiösen Identität als auch in der politischen Identität gehabt habe und immer noch habe. Leider seien diese beiden Krisen weder wirklich wahrgenommen noch bearbeitet worden.

"Schamgemeinschaft"

Die grundlegende Frage, so auch kritische Stimmen in Deutschland, ist, wem dieser Gedenktag überhaupt nutzt: den Opfern oder der Gesellschaft. "Ich denke, jemand wie Hannah Arendt hat das mal auf den Punkt gebracht in ihrem bekannten Interview mit Günther Gaus, wo sie gesagt hat, dass der Holocaust etwas gewesen ist, was nie hätte geschehen dürfen", sagt Edna Brocke. Aber nun sei er geschehen, und durch die Erkenntnis, dass man diesen Holocaust nicht ungeschehen machen könne, andererseits ihn aber auch nicht 'wieder-gut-machen' könne, entstehe ein Problem für ganz Europa.

"Vor diesem Hintergrund hätte es den Europäern sehr helfen können, wenn sie Mechanismen entwickelt hätten, wie man als, ich sage immer diesen etwas despektierlichen Begriff, wie man als 'Schamgemeinschaft' die Unlösbarkeit dieser Spannung ertragen lernt und weiter lebt, ohne die Bedrückung, die jedenfalls besonders hier in der Bundesrepublik Deutschland entstanden ist", meint Edna Brocke.

Die Resolution bei den Vereinten Nationen für den internationalen Gedenktag wurde von Israel eingebracht und auch mit den Stimmen arabischer und islamischer Staaten verabschiedet. Allerdings in wesentlich veränderter Form. In dem ursprünglichen Entwurf war auch von wachsendem Antisemitismus die Rede, ein Phänomen, das man weltweit beobachten kann. Dieser Teil der Resolution fand keine Mehrheit in der UN. Und dennoch kann man nur hoffen, dass der Holocaust-Gedenktag sowohl auf nationaler Ebene als auch auch auf internationaler Ebene etwas bewirken kann.

Propaganda aus islamischen und arabischen Ländern

An erster Stelle sei für sie persönlich mit dem Gedenktag die Hoffnung verbunden, dass er etwas bewirken könnte, weil er von der UNO sanktioniert worden ist, sagt Edna Brocke. In den letzten Jahren gebe es immer mehr Holocaust-Leugner, die weniger im rechten Lager als vielmehr in der staatlich gelenkten Propaganda der arabischen und den islamischen Ländern zu finden seien. Ahmadinedschad, der Präsident des Iran, sei jetzt relativ zufällig in Europa bekannt geworden - diese Meinungen kursierten in der islamisch-arabischen Welt seit Jahrzehnten. Die Propaganda aus islamischen und arabischen Ländern komme über die Satelliten-Schüsseln zu sehr vielen Muslimen in Europa. "Auf diese Weise entsteht ein Re-Import von Judenfeindschaft nach Europa, eine Feindschaft von der viele von uns geglaubt haben, sie sei nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa überwunden."

Auch Professor Frei von der Universität Jena ist nicht allzu optimistisch, was die Wirkung des internationalen Gedenktages betrifft. Doch auch er sieht Hoffnung in der Tatsache, dass ein solcher Gedenktag auch mit Unterstützung mancher islamischer Staaten eingeführt worden ist: So werde den Holocaust-Leugnern und denjenigen, die Israel das Existenzrecht absprechen wenigstens etwas Symbolisches entgegengesetzt.

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