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Wen würden die Ukrainer zum Präsidenten wählen?

27. Februar 2025

US-Präsident Donald Trump hat behauptet, sein ukrainischer Amtskollege Wolodymyr Selenskyj sei ein "Diktator ohne Wahlen" und habe sehr niedrige Zustimmungswerte. Was sagen Meinungsforscher dazu?

Portrait des Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, der seit Mai 2019 im Amt ist
Präsident Wolodymyr Selenskyj ist seit Mai 2019 im AmtBild: Tetiana Dzhafarova/POOL/AFP/Getty Images

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist bemüht zu beweisen, dass seine Zustimmungswerte deutlich höher liegen als die von US-Präsident Donald Trump vor kurzem genannten 4 Prozent. Am 23. Februar hieß es aus Kyjiw, 65 Prozent der Ukrainer würden Selenskyj unterstützen.

Eine Quelle wurde nicht genannt, aber es handelt sich offenbar um die Ergebnisse einer Umfrage, die von dem ukrainischen Meinungsforschungsinstitut "Rating" am 20. und 21. Februar unter 1200 Personen durchgeführt wurde. Ihr zufolge vertraut fast ein Drittel Selenskyj absolut, ein weiteres Drittel vertraut ihm mehr oder weniger und rund 34 Prozent vertrauen ihm gar nicht.

Die Umfrage hat zudem gezeigt, dass sich die Einstellung zu Selenskyj erstmals seit Beginn von Russlands umfassender Invasion der Ukraine wieder verbessert hat. Denn im Januar vertrauten ihm 57 Prozent und im November 53 Prozent.

Kritik an Vorwürfen aus Washington

Eine vom Kyjiwer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) unter 1000 Befragten durchgeführte Umfrage deutet allerdings auf eine etwas bescheidenere Unterstützung hin. Demnach vertrauten Anfang Februar 57 Prozent der Befragten Wolodymyr Selenskyj. Dabei liegt der Anteil seiner Unterstützer in allen Regionen des Landes bei über 50 Prozent.

Genau diese Umfrage hatte Elon Musk, Leiter der Abteilung für Regierungseffizienz der US-Administration, kritisiert. Sie würde nur beweisen, dass das KIIS voreingenommen sei, weil es angeblich Gelder von USAID erhalte, einer Behörde der Vereinigten Staaten für Entwicklungszusammenarbeit. KIIS-Leiter Anton Hruschezkyj weist dies zurück und betont, er habe jene Umfrage auf eigene Initiative durchgeführt.

Gebäude des Präsidialamtes in der Hauptstadt KyjiwBild: Hendrik Schmidt/dpa/picture alliance

Der Soziologe bezweifelt die von der Trump-Administration genannten vier Prozent Zustimmung für Selenskyj. "Die Unterstützung für sein Handeln und das Vertrauen in ihn sind unterschiedliche Kategorien, weshalb wir sie getrennt abfragen. Die Zustimmung zu Selenskyjs Handeln lag laut anderen Umfragen von uns sogar um mehrere Punkte höher als der Grad des Vertrauens in ihn", erläutert Hruschezkyj im Gespräch mit der DW.

Auch er bestätigt, dass das Vertrauen der Ukrainer in Selenskyj wieder zunimmt. Dies würden aktuelle Befragungen seines Instituts zeigen. Es könnte sich dabei aber auch nur um einen kurzfristigen Effekt handeln, was nicht das erste Mal wäre. "Wenn der Präsident im Kontext der Außenpolitik wahrgenommen wird, wenn er auf Foren spricht und westliche Hilfe sucht, steigt sein Rating. Sobald die Innenpolitik mit den Themen Korruption oder Mobilisierung überwiegt, sinkt das Vertrauen in ihn", so der Experte.

Was ist mit den besetzten Gebieten und den Flüchtlingen?

Das Staatsgebiet, das sich unter Kyjiws Kontrolle befindet und wo die ukrainischen Meinungsforscher Umfragen durchführen können, ist geschrumpft. "In den Gebieten an der Front, die vom ukrainischen Mobilfunknetz abgedeckt werden, kann man aus Sicherheitsgründen nur noch telefonische Befragungen machen", sagt Hruschezkyj.

Wie die Meinung der Menschen in den besetzten Gebieten die Umfrageergebnisse verändern würden, sei schwer zu sagen, betont gegenüber der DW Oleksij Haran, Politik-Professor an der Kyjiwer Mohyla-Akademie. "Es ist auch unwahrscheinlich, dass diese Menschen sich an einer Wahl beteiligen könnten, daher hat ihre Meinung kaum Einfluss auf die Legitimität des Präsidenten", so der Experte, der auch als Berater für das Forschungszentrum "Demokratische Initiativen" tätig ist.

Wenig untersucht wird auch die Meinung der ukrainischen Flüchtlinge, von denen sich Millionen in der Europäischen Union und anderswo befinden. Ihr Vertrauen in einzelne Politiker oder Institutionen unterscheide sich kaum von den Zahlen innerhalb der Ukraine, behauptet Anton Hruschezkyj. Gleichzeitig stellt der Soziologe fest, dass Flüchtlinge zunehmend das Interesse an der ukrainischen Politik verlieren würden. So gaben im Mai 2024 etwa ein Drittel der 801 von KIIS in Polen, Deutschland und der Tschechischen Republik befragten ukrainischen Flüchtlinge an, nicht mehr an ukrainischen Nachrichten interessiert zu sein, nur ein Drittel gab an, bei möglichen Wahlen wählen zu wollen.

Diskussion über die nächsten Wahlen

Neben Donald Trump machte auch Wladimir Putin jüngst Selenskyjs Rating zum Thema. "Es ist nicht wirklich wichtig, wie viel Prozent er hat - vier oder wie viel. Wichtig ist etwas anderes: dass sein Rating laut unseren Daten halb so hoch ist wie das seines vielleicht engsten politischen Rivalen. Es handelt sich um Herrn Saluschnyj, den ehemaligen Befehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, der nach London entsandt wurde. Er hat genau die Hälfte des Ratings", sagte der Kremlchef in einem Interview mit russischen Medien.

Solche Vergleiche seien unangebracht, findet Anton Hruschezkyj, weil Walerij Saluschnyj, heute Botschafter in Großbritannien, keine politischen Ambitionen verkündet habe. "Trotzdem werden er und andere Kommandeure immer wieder bei Umfragen zu möglichen Wahlen einbezogen. Dies kann das Bild verzerren, da die Militärs, denen die Menschen stark vertrauen, potenziell anderen Kandidaten Stimmen wegnehmen", so der Experte.

Walerij Saluschnyj, Botschafter in London, spricht auf der Royal United Services Institute Land Warfare Conference 2024Bild: Jordan Pettitt/dpa/picture alliance

Selenskyjs reguläre Amtszeit wäre im Mai 2024 ausgelaufen, aufgrund des im Land geltenden Kriegsrechts dürfen jedoch keine Wahlen durchgeführt werden. Allerdings führen im Auftrag verschiedener politischer Kräfte ukrainische Meinungsforscher regelmäßig Umfragen zu möglichen Ergebnissen von Parlaments- und Präsidentschaftswahlen durch. "Aber wir veröffentlichen diese Zahlen nicht, weil sie jetzt angesichts des Krieges die Lage im Land destabilisieren könnten", sagt Oleksij Haran. 

Doch dieser informellen Vereinbarung der Forscher steht eine zunehmende Diskussionen über mögliche Wahlen entgegen. So veröffentlichte vor kurzem die Zeitung "Ukrajinska Prawda" eine Umfrage von SOCIS, eines Meinungs- und Marktforschungsinstituts, hinter dem unter anderem Ihor Hryniw steht. Er war im früheren Parlament Abgeordneter des Bündnisses des ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko und dessen Wahlkampfleiter.

Unter der Frage "Wen würden Sie wählen, wenn in naher Zukunft Präsidentschaftswahlen stattfinden würden?" listeten die SOCIS-Forscher als Antwortoptionen 13 Kandidaten auf. Neben Walerij Saluschnyj waren drei weitere Militärs darunter: der Chef des Militärgeheimdienstes Kyrylo Budanow, für den 3,2 Prozent stimmen würden, Brigadekommandeur Andrij Bilezkyj (2,8 Prozent), und der Kommandeur der Asow-Brigade der Nationalgarde Denys Prokopenko (1,3 Prozent). Saluschnyj läge mit 27,2 Prozent vorn.

15,9 Prozent der Befragten wären bereit, Wolodymyr Selenskyj für eine zweite Amtszeit zu wählen. Petro Poroschenko käme mit 5,6 Prozent auf den dritten Platz. Allerdings ist der Anteil der Unentschlossenen mit 21,6 Prozent nach wie vor hoch.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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