Wenn die Kirche über neue Nachfrage staunt
26. Februar 2026
Er freue sich sehr darüber, dass "mehr Menschen als sonst nachfragen, katholisch zu werden, Christ zu werden, getauft zu werden". Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, traf am ersten Fastensonntag in einer Münchner Kirche rund 40 Erwachsene aus dem Erzbistum, die in der Osternacht durch die Taufe in die katholische Kirche aufgenommen werden möchten. Die Gesamtzahl der Taufkandidaten im Erzbistum beträgt 60. Sie ist rund 60 Prozent höher als im Vorjahr.
In dieser Woche tagen in Würzburg am Main die katholischen deutschen Bischöfe. Sie wählten einen neuen Vorsitzenden, befassen sich mit innerkirchlichen und gesellschaftspolitischen Fragen. Oft geht es um die Zukunft der Kirche. Die katholische Kirche in Deutschland verliert Jahr für Jahr Hunderttausende Gläubige, die aus der Kirche austreten. Und doch kamen viele der 25 Ortsbischöfe gestärkt nach Würzburg. Denn in den meisten Diözesen trafen die Oberhirten am vergangenen Wochenende jene Erwachsene, die an Ostern getauft werden wollen.
Mitten im bunten Treiben von Paris
Knapp 700 Kilometer weiter westlich, in Paris. Père Emmanuel Pinot ist etwas geschafft. Auch der Pfarrer der Innenstadt-Gemeinde La Trinité im hier lärmig-quirligen 9. Arrondissement hat mit Erwachsenentaufen zu tun. Am Samstag war er in der Kathedrale Notre-Dame, wo sich über 750 meist junge Taufbewerber aus der Metropole versammelten. Im Anschluss zog er sich mit den Kandidaten aus seiner Pfarrei zu einem Einkehrtag zurück - 32, aus einer Pfarrei.
Die katholische Kirche in Frankreich steht vor einem Phänomen. Eigentlich ist das Land säkularer als jeder andere europäische Flächenstaat. Vielerorts verfallen Kirchen und Pfarrhäuser, Gottesdienste sind schlecht besucht. Und nun? In La Trinité wurden 2022 vier Erwachsene getauft, im Folgejahr 19, dann 25. 2025 waren es 34, nun 32 in der Osternacht. Der Jüngste, sagt Pinot, sei 20, der Älteste 55 Jahre alt.
Was steckt hinter dem Trend? Es gibt viele Deutungsmuster: der Brand von Notre-Dame 2019, der das Land geradezu schockierte, die Corona-Pandemie, vielleicht die Hinwendung zu alten Werten. Pfarrer Pinot sagt, die Gründe seien "äußerst persönlich und daher einzigartig". Man könne wohl sagen, dass es "jedes Mal eine persönliche Erfahrung mit Gott gab". Ihm scheine, "als klopfe der Heilige Geist an die Tür vieler Herzen".
An Ostern 2025 wurden Frankreich-weit 17.784 Erwachsene getauft, die Hälfte von ihnen unter 25 Jahre alt. In einem Land, in dem vor 20 Jahren schon eine einzelne Taufe in der Osternacht ungewöhnlich war. Kirchenleute aus ganz Europa, aus dem Vatikan, aus den USA schauen auf den Trend. In der Zeitung "Le Figaro" schilderte Ende Januar ein Verantwortlicher eines nordfranzösischen Bistums ein krasses Beispiel für das, was derzeit passiere. Bei ihm habe sich ein Jugendlicher für die Ausbildung zum Priester beworben, "der noch nicht getauft ist".
"Fragen Sie den Heiligen Geist!"
Nun sind für 2026 landesweit wieder mehr als 17.000 Taufbewerber zugelassen, die sich seit vielen Monaten vorbereiten, wie Père Maximilien de la Martinière der DW sagt. "Das Phänomen setzt sich also fort. Warum? Fragen Sie den Heiligen Geist!"
Aber ein paar Gedanken hat Père Maximilien schon. Zum einen zeige sich eine "Nachholung". Seit Jahrzehnten sinke die Zahl der Kindertaufen in Frankreich (weit früher als in Deutschland). So steige die Zahl der Ungetauften kontinuierlich an. Zum anderen verweist der Geistliche auf eine Welt, die härter werde, in der ein "triumphierender Individualismus" für tiefe Einsamkeit sorge und gemeinsame Bezugspunkte verloren gingen. Deshalb begäben sich viele junge Menschen "auf eine spirituelle Suche. Und einige von ihnen klopfen an die Tür der Kirche."
Immer wieder, bei Pinot, bei de la Martinière, kommt das Bild der Tür, des Anklopfens. Im September schilderte der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Marc Aveline, der Tageszeitung "La Croix" seine Überraschung über die hohen Zahlen. "Diese jungen Menschen sind auf Wegen zu uns gekommen, die wir Bischöfe nicht vorgezeichnet hatten. Wir hatten zwar die Eingangstür vorbereitet, aber viele sind durch das Fenster hereingekommen."
Das bedeute eine große Verantwortung - "umso beängstigender, als wir es nicht wirklich kommen sahen", so der Kardinal. "Wir hinken dem Heiligen Geist hinterher." Die Neugetauften bräuchten über Jahre hinweg Begleitung.
Im kirchlichen Großraum Paris hat Erzbischof Laurent Ulrich im Januar ein großes Provinzkonzil von insgesamt acht Bistümern einberufen. Ihr Generalsekretär ist Maximilien de La Martinière aus Coignières, einer Gemeinde südwestlich der Metropole. Bis Ende Mai läuft eine Vorbereitungsphase. Danach sollen sich rund 400 Akteure ein Jahr lang immer wieder zu Beratungen treffen.
"Die Zeichen der Zeit"
Es gehe darum, sagt Père Maximilien der DW, "die Zeichen der Zeit zu deuten" und zu reagieren. Bislang sei die im Kirchensprech als Katechumenat bezeichnete Phase der Taufvorbereitung für Erwachsene und Jugendliche in vielen Pfarreien "nur ein Angebot unter vielen, etwas am Rande des Pfarreilebens". Man überlasse sie gern "Experten". Es brauche eine "tiefgreifende und missionarische Transformation" der Pfarrgemeinden, damit "das Katechumenat zum Herzstück des Pfarrgemeindelebens wird".
Auch de La Martinière will nicht "den" typischen Taufbewerber charakterisieren. Aber er bemüht sich um eine Profilbeschreibung: Bewerber kämen aus allen gesellschaftlichen Schichten. "Die Jüngsten unter ihnen haben den Glauben über soziale Medien entdeckt, bis sie eines Tages eine Kirche betraten." Viele hätten keinerlei Bezug zum Christentum, einige hätten aber doch bereits die Bibel gelesen oder sich mit Hilfe von Online-Videos selbst ausgebildet.
Umstritten ist, wie konservativ oder rechts manche der neuen Christen sind. Der 23-jährige Quentin D., der Mitte Februar als rechtsextremer Aktivist bei Demonstrationen in Lyon mutmaßlich von Linksextremisten zu Tode geprügelt wurde, war erst als junger Erwachsener katholisch getauft worden.
Gehören viele der Neugetauften zum rechten Rand? "Absolut nicht", widerspricht Père Emmanuel. Er selbst habe Menschen auf die Taufe vorbereitet, die "esoterische oder anarchische Gruppen" frequentiert hätten, er habe auch Muslime getauft, die gar keinen politischen Bezug gehabt hätten.
Andere Taufbewerber, die er nicht als "politisch konservativ" einschätzen würde, zeigten zwar Interesse an den christlichen Wurzeln des Westens und besuchten entsprechende Bauten und Denkmäler. Aber das sei Teil ihrer Suche gewesen. Die jungen Menschen auf dem Weg zur Taufe seien "Männer und Frauen ihrer Generation". Viele von ihnen wollten sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Jeden Sonntagabend, Woche für Woche, feiert Pinot mit jungen Leuten eine Abendmesse. In der Kirche. Jeder Platz ist besetzt.
Père Maximilien sagt auf Nachfrage, er wolle den katholischen Bischöfen in Deutschland keinen Rat geben, die seit rund sechs Jahren mit Laien auf einem "Synodalen Weg" zu Kirchenreformen unterwegs sind. Die einzigen Bischöfe, denen er Ratschläge erteilen wolle, seien die der Kirchenprovinz Paris. Anders als beim Synodalen Weg sei das Thema in Paris angesichts der aktuellen Herausforderung sehr begrenzt: die Aufnahme von Taufbewerbern und die Integration der neugetauften Kirchenmitglieder.
Und Deutschland? "Wie schön ist das, ein Zeichen der Hoffnung, aber auch ein Zeichen dafür, dass sich Menschen orientieren wollen, dass sie einen Grund in ihrem Leben finden wollen, ein Fundament, auf dem man stehen kann, eine Gemeinschaft, die verlässlich ist", sagte Kardinal Marx zum Anstieg der Zahl der erwachsenen Taufbewerber in München.
Steigende Zahlen in Deutschland
Die genauen Zahlen der Erwachsenentaufen in Deutschland veröffentlicht das Sekretariat der Bischofskonferenz erst sehr verzögert. Irgendwann demnächst soll es die Zahlen für 2024 geben. Aber eine DW-Umfrage in einer Reihe von Bistümern zeigt, dass vielerorts die Zahl der Taufkandidaten bei den Zulassungsfeiern anstiegen. Das Erzbistum Berlin vermeldete - ein Höchststand - rund 170 Taufbewerber sowie rund 50 Kandidaten, die in die katholische Kirche aufgenommen werden wollen (nach einem Konfessionswechsel oder einem früheren Kirchenaustritt). Im Erzbistum Freiburg kamen zur Feier 37 Bewerber, "eine Rekordzahl", heißt es auch hier. Im kleinen Bistum Magdeburg waren es 30, in Limburg 23, in Erfurt 19, in Regensburg 17. Allesamt höher als im Vorjahr.
Und oft wird betont, dass diese Zahlen nicht repräsentativ seien. Über das Jahr kämen diverse Taufen von Erwachsenen hinzu. Ein neuer Trend zeichnet sich derweil ab. Einige Bistümer in den westlichen Bundesländern registrieren einen deutlichen Anstieg an Rückkehrern - Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten aus der Kirche austraten und nun zurückkehren wollten, weil ihnen etwas fehle.