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Wenn diplomatische Immunität missbraucht wird

21. Juni 2026

Wie schutzlos sind Hausangestellte, die für Diplomaten arbeiten? In Streitfällen berufen sich ihre Arbeitgeber häufig auf ihre diplomatische Immunität. Doch jüngste Gerichtsurteile zeigen: Gerechtigkeit ist möglich.

Philippinische Arbeitsmigranten stehen in einer Gruppe nachts am Straßenrand
Viele Migranten von den Philippinen arbeiten als Hausangestellte oder in der Pflege (Archivfoto von 2015)Bild: Robert Oswald Alfiler/Pacific Press/picture alliance

Die Berichterstattung im Rahmen dieses Projekts wurde durch einen Zuschuss vom Pulitzer Center unterstützt.

89 Tage lang wurde Malaya* in London unter Bedingungen gefangen gehalten, die in Gerichtsunterlagen als sklavenähnlich beschrieben werden. Die Hausangestellte von den Philippinen hatte schon in der Heimat eines Diplomaten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gearbeitet und war 2013 mit ihm und seiner Familie in die britische Hauptstadt gezogen.

Nach ihrer geglückten Flucht versuchte sie, ihren Arbeitgeber anzuklagen. Zwölf Jahre lang kämpfte Malaya mit bürokratischen Verzögerungen und Ablehnungsbescheiden, denn der Diplomat stand unter dem Schutz der diplomatische Immunität und war damit juristisch unangreifbar.

Bis sich das Blatt wendete. Denn Anfang dieses Jahres verurteilte ein Gericht in Großbritannien die Regierung der VAE zur Zahlung von 270.000 britischen Pfund (312.290 Euro) an Malaya, als Entschädigung für Freiheitsberaubung und die daraus folgende posttraumatische Belastungsstörung, sowie für nicht gezahlte Löhne.

"Ich möchte der ganzen Welt zurufen, das war ich! Ich habe nie aufgegeben. Es ist ein Sieg!", sagt Malaya unter Tränen zur DW. "Wir müssen weiter kämpfen, denn ich möchte nicht, dass andere dieselben furchtbaren Erfahrungen machen müssen." Die Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate in London antwortete nicht auf E-Mails mit der Bitte um Stellungnahme.

Gerichte schränken diplomatische Immunität ein

Der Fall Malaya zählt zu einer Reihe von Fällen, die einen neuen rechtlichen Umgang mit diplomatischer Immunität zeigen. Vor vier Jahren entschieden britische Gerichte, dass sich Diplomaten in Fällen von moderner Sklaverei oder Menschenhandel nicht auf ihre Immunität berufen können. Und die letztjährige Entscheidung eines Schweizer Gerichts ebnete den Weg dafür, Klagen wegen der Ausbeutung von Hausangestellten als reguläre Arbeitskonflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu prüfen.

In Hongkong treffen sich philippinische Hausmädchen am Statue GardenBild: Jochen Tack/imageBROKER/picture alliance

"Es gibt eindeutig Hoffnung auf Gerechtigkeit für all die schutzbedürftigen Angestellten, die die Diplomaten von den Verrichtungen des Alltags entlasten, damit sie ihre Mission erfüllen können", sagt Gewerkschaftssekretärin Mirella Falco von der Gewerkschaft der Arbeiterinnen und Arbeiter SIT in Genf zur DW.

Cora Espanto und ihre beiden Kinder arbeiteten im Jahr 2012 zwangsweise für einen saudischen Diplomaten in den Niederlanden. Nur dank einer minutiös geplanten Flucht kamen sie frei. Ihren Arbeitgeber konnte sie jedoch nicht zur Rechenschaft ziehen, denn er genoss diplomatische Immunität. Jetzt arbeitet Espanto als kulturelle Vermittlerin für die in Amsterdam ansässige Menschenrechtsorganisation Fairwork. Sie unterstützt andere Arbeitsmigranten und -migrantinnen, deren Rechte missachtet werden. Viele von ihnen werden von Diplomaten ausgebeutet.

"Das Problem des Missbrauchs durch Diplomaten besteht weiterhin. Mehr Gerichtsurteile sollten zeigen, dass die diplomatische Immunität in Bezug auf Hausangestellte nicht gilt", sagt Espanto zur DW.

Missbrauch der diplomatischen Immunität

Die Immunität wurde 1961 im Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen formell festgelegt und soll Abgesandte anderer Länder vor zivilrechtlicher oder strafrechtlicher Verfolgung in einem fremden Staat schützen, damit sie ihre Aufgaben erfüllen können. Einige Diplomaten nutzen jedoch dieses Schlupfloch, um sich einer gerichtlichen Verfolgung zu entziehen.

Eine 2023 vom philippinischen Online-Nachrichtenportal Rappler weltweit durchgeführte Untersuchung brachte das Ausmaß des Problems ans Tageslicht. Die zusammengetragenen Open-Source-Dokumente und Gespräche mit Hausangestellten zeigten, dass in den Jahren von 1988 bis 2021 mehr als 200 Hausangestellte in 18 Ländern Beschwerden gegen 160 Diplomaten eingereicht hatten. Die Mehrzahl der Fälle wurde mit Verweis auf die diplomatische Immunität zurückgewiesen.

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Für die Millionen von Menschen, die sich als Hausangestellte in einem schwierigen Umfeld bewegen, bedeutet es eine große rechtliche Hürde. Laut einer Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation IAO stecken weltweit mehr als 60 Millionen Hausangestellte in informellen Beschäftigungsverhältnissen, bei denen geltende Arbeitsnormen in Bezug auf Mindestlohn, Sozialleistungen und Schutz vor sexueller Belästigung keine Anwendung finden. 

Positive Signale aus Europa und Lateinamerika

Dabei hätten mittlerweile immer mehr Länder solche gesetzliche Schutzmaßnahmen für Hausangestellte eingeführt, berichtet Claire Hobden, Spezialistin für Hausangestellte bei der IAO, der DW. Deren Umsetzung verliefe jedoch noch uneinheitlich. Viele Beschäftigte im informellen Sektor befänden sich noch immer in einer rechtlichen Grauzone.

Obwohl es in Regionen wie Lateinamerika und Europa Fortschritte zu verzeichnen gibt, sei ein angemessener gesetzlicher Schutz von Hausangestellten in Afrika, im asiatisch-pazifischen Raum und in den arabischen Ländern nach wie vor häufig nicht gegeben. Gewalt, Belästigung, Risiken für die Gesundheit und mangelnde Sicherheit am Arbeitsplatz bereiteten weiterhin Probleme, erläutert Hobden.

Gewalt gegen philippinische Hausangestellte

Dennoch sind die gesetzlichen Änderungen und vor allem die jüngsten Gerichtsurteile für viele ein Anlass zur Hoffnung. "Die Gerichte bestätigen die Gleichbehandlung und gleichberechtigte Anwendung des Arbeitsrechts auf alle Beschäftigte. Das gilt also auch für Hausangestellte, unabhängig davon, ob es sich um einheimische Beschäftigte oder Arbeitsmigranten handelt", sagt Ellene Sana, Leiterin des Center for Migrant Advocacy in der philippinischen Hauptstadt Manila zur DW. "Wir hoffen, dass andere Länder diesen Beispielen folgen und den Geltungsbereich der diplomatischen Immunität genau definieren. Vor allem dann, wenn Angestellte in diplomatischen Haushalten beschäftigt sind."

Pflege-Exodus: Von Manila nach Deutschland

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In vielen Ländern dieser Welt arbeiten Menschen aus den Philippinen und viele davon sind in Haushalten oder im Pflegebereich beschäftigt. Sana fordert die philippinische Regierung in Manila auf, sich mit anderen Ländern an einen Tisch zu setzen und die Rechte von Arbeitsmigranten zu stärken. Sie drängt außerdem darauf, in den eigenen diplomatischen Reihen für Ordnung zu sorgen. 2021 ging ein Video viral, das zeigte, wie Marichu Mauro, die damalige philippinische Botschafterin in Brasilien, ihre 51-jährige philippinische Hausangestellte schlug. Mauro wurde abberufen und entlassen.

"Wie können die Philippinen ein Vorbild für den Schutz von Arbeitsmigranten sein, wenn unsere eigenen Amtsträger die Frechheit besitzen, unsere Leute zu misshandeln?", empört sich Sana. "Auf Grundlage der Beweise und Ermittlungsberichte sollten die Maßstäbe, die an Diplomaten angelegt werden, viel strenger sein!"

*Zum Schutz der Privatsphäre der Betroffenen wurde der Name geändert.
Dieser Artikel ist aus dem Englischen adaptiert .

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