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Wenn Gott hier nicht mehr wohnt - Umnutzung von Kirchen

Axel Rowohlt | Christoph Strack
26. Dezember 2025

In Deutschland sinkt die Zahl der Christen deutlich. Die Folge: viele ungenutzte Kirchen. Was passiert mit den Gotteshäusern?

Deutschland Jülich | Fahrradladen mit zahlreichen aufgereihten Rädern in ehemaliger katholischer Kirche
Einst die katholische Rochuskirche in Jülich, heute ein FahrradladenBild: Toms Bike Center

Zum Abschluss ist St. Anna noch einmal fast voll besetzt. Ein Chor singt, die kleine Orgel sorgt für Schwung beim Singen. Aber es ist die letzte Messe in der kleinen katholischen Kirche in Gildehaus, einem Ortsteil von Bad Bentheim nahe der deutsch-holländischen Grenze. Künftig ist der Bau kein Gotteshaus mehr.

Gegen Ende des Gottesdienstes wird das Aus dieser Kirche ganz konkret. Da öffnen Gläubige aus der Gemeinde den Altar und brechen die Reliquien heraus. Das sind kleine Zeugnisse eines Heiligen, seien es Knochensplitter oder Textilstücke, die immer in einem Altar einer geweihten katholischen Kirche eingearbeitet sind.

"Das geht ans Herz"

"Profanierung" nennt die katholische Kirche das – das einst feierlich geweihte Gotteshaus ist nun ein profaner Bau. Schluss. Aus. "Das geht doch ans Herz und an die Augen. Es ist bewegend", sagt Pfarrer Hubertus Goldbeck der DW. Er wischt sich fast ein Tränchen aus dem Augenwinkel.

Was seine kleine Gemeinde bewegt, beschäftigt gläubige Christen in ganz Deutschland. Denn wenn die Kirchen als Ganzes kleiner werden, müssen sie auch Gebäude aufgeben.

Katholische Kirche in der Krise

05:12

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Die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland sinkt rasant. Allein im Jahr 2024 verloren die beiden großen Kirchen durch Austritte und Sterbefälle über eine Million Christen. Derzeit gehören noch gut 45 Prozent der Deutschen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) oder der katholischen Kirche an. 30 Jahre zuvor lag der Anteil noch bei fast 69 Prozent.

Deshalb werden nun Kirchen "profaniert" (katholisch) oder "entwidmet" (evangelisch). Seit dem Jahr 2000 waren es in beiden Kirchen, katholisch und evangelisch, bereits jeweils hunderte. Die Deutsche Bischofskonferenz spricht für den Zeitraum von 2000 bis 2024 auf DW-Anfrage von 611 geschlossenen und profanierten Kirchen. Die Evangelische Kirche in Deutschland schätzt die Zahl der dauerhaft in den deutschen Landeskirchen geschlossenen Kirchen für diesen Zeitraum auf 300 bis 350; exaktere Zahlen liegen dort nicht vor.

Kirchenbauten im Angebot

Und was wird aus ehemaligen Gotteshäusern? In einigen Städten, gerade in Berlin, übernahmen wachsende orthodoxe Gemeinden Kirchenbauten. Aber das bleibt die Ausnahme. Vielfach werden sie verkauft. Allein in der Hauptstadt stehen mehrere große Kirchenbauten derzeit zum Verkauf. Nicht ungewöhnlich ebenso: Abriss der Kirchen.

Auch häufen sich die Fälle einer kompletten Umnutzung. In Jülich, zwischen Köln und Aachen gelegen, werden in der ehemaligen katholischen Rochuskirche heute Fahrräder verkauft. Thomas Oellers verlegte sein "Toms Bike Center" in den Kirchenbau.

Die Kirchengemeinde sei auf ihn zugekommen "und hat mich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, in der Kirche mein Geschäft zu betreiben", sagt er der DW. Es ist die Kirche, in der Oellers selbst getauft wurde, zur Kommunion ging, die er häufig im Gottesdienst erlebte. Äußerlich hat sich an dem denkmalgeschützten Bau bemerkenswert wenig geändert.

Im Hotel "Mutterhaus" in Düsseldorf-KaiserswerthBild: Christoph Strack/DW

In Wettringen nördlich von Münster wurde aus einer Klosterkirche eine Soccer-Kirche. Dort rollt der Ball. In Kleve dient die einstige evangelische Auferstehungskirche als Box-Arena. Es gibt Kneipen, Bibliotheken, Buchläden in ehemaligen Kirchenräumen. Ganze Klöster werden – wie das einstige Mutterhaus der Diakonissen in Düsseldorf-Kaiserswerth – zu Hotelanlagen. In Düsseldorf heißt es traditionsverbunden "Mutterhaus".

Allmählich häufen sich in Zeiten des Wohnungsmangels die Fälle, in denen Architekten Kirchengebäude zu Wohnhäusern umbauen. In Berlin oder Rostock, Trier, Köln oder Wuppertal beispielsweise.

Eine der frühen großen Komplexe ist das Lukas-K-Haus in Essen. Die evangelische Lukaskirche, 1961 errichtet, wurde 2008 entwidmet und 2012/2013 zu Wohnungen umgebaut. Unten im Treppenhaus hängen nun zwei Plaketten übereinander: "Grundstein 1959" und "Grundstein 2012". Und die abstrakt-farbigen Fenster dort sind typische Kirchenfenster. Immer noch.

Einst die evangelische Lukaskirche in Essen, heute das vielseitige Lukas-K-HausBild: Christoph Strack/DW

Alexandra Schröder wohnt seit dem Umbau in der alten Kirche. "Bei mir würde darüber überhaupt keiner lästern, dass ich über einem Altar wohnen würde", sagt sie. Für ihre Familie sei es damals einfach praktisch gewesen, eine Wohnung mit mehreren Schlafzimmern und guten Schulen in der Nähe zu finden. Das sei ausschlaggebend gewesen.

Eine Etage tiefer ist eine Physiotherapie-Praxis. Leiterin Jessica Günther erzählt, bei der Suche nach neuen Räumen sei sie zufällig auf den umgebauten Kirchenbau gestoßen. Es sei schon ein "schönes, ruhiges Gefühl", in diesem Bau zu arbeiten. Sie weiß, dass die Stufen innerhalb ihrer Praxis einst zum Altar hinaufführten und wo er einst stand. Aber überbewerten will sie das alles nicht.

Aber einer der Patienten findet die Lage ausdrücklich gut. Ein Ausdruck des Glaubens sei es ja, "hilfsbedürftigen Menschen zu helfen", sagt Stefan Hebenstreit der DW. Wenn das Gebäude schon keine Kirche mehr sei, habe die Nutzung mit einer Kita oder einer Physio-Praxis "ganz praktisch" doch damit zu tun. Hebenstreit, praktizierender Christ, durch mehrere Schlaganfälle eingeschränkt, sagt es langsam und nachdenklich.

Der Klang der Glocken fehlt

Um mal ein leise kritisches Wort zu hören, muss man auf den umliegenden Straßen Menschen finden, die seit Jahrzehnten rund um die Lukaskirche wohnten. Da vermisst der eine den gelegentlichen Klang der Glocken. Eine andere bedauert, dass die Uhren am Kirchturm – der Bau steht noch – auf immer stehengeblieben seien.

Das einzig von außen sichtbare Kirchen-Detail am Lukas-K-Haus: ein altes Mosaikbild mit einer Verkündigungsszene über dem Eingang des HausesBild: Christoph Strack/DW

Auf Seiten der beiden großen Kirchen gibt es offizielle Kommissionen und Papiere zur Frage der Kirchenumnutzung. Wissenschaftler befassen sich damit. Und doch ist es eigentlich oft eine Frage der konkreten Nachbarschaft.

Wie wichtig ehemalige Kirchenräume für eine Nachbarschaft und ein Wohnviertel sein können, das hat Kunsthistoriker Klaus-Martin Bresgott vom Kulturbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit einer Gruppe von Architekturstudenten und -studentinnen am Beispiel eines großen Berliner Gotteshauses erforscht.

Die Stephanuskirche im Berliner Wedding ist heute verschlossen Bild: Christoph Strack/DW

Die evangelische Kirche in der Hauptstadt braucht die gewaltige Stephanuskirche im Stadtteil Wedding nicht mehr. Eigentlich war der Bau, von 1902 bis 1904 errichtet, immer schon zu groß. Aber damals baute man gerne groß, zur Eröffnung kam dann auch der Kaiser. Heute ist die Kirche im sogenannten Soldiner Kiez, einem Problemviertel, längst geschlossen. Und sie ist so sanierungsbedürftig, dass man selbst mit einem Schutzhelm nicht mehr kurz reinhuschen darf.

Bresgott und die Studierenden schauten nicht zuerst auf das Gebäude, sondern befragten die Menschen im Kiez und analysierten das Milieu. Klar ist: Dem Viertel fehlt es an öffentlichem Raum, an Versammlungsmöglichkeiten, an Raum für Sport oder Kultur, Raum für Gemeinschaft.

Es habe immer wechselvolle Zeiten gegeben, in denen die Kirchen als mehr oder weniger wichtig oder unwichtig galten, sagt Bresgott der DW. "Wir wissen, dass während der Napoleonischen Kriege Kirchen über Jahrzehnte als Pferdeställe dienten. Aber sie blieben stehen." Für ihn ist die Stephanuskirche ein perfektes Beispiel dafür, wie eine eh zu große Kirche der Gesellschaft doch dienen könnte. "Wir müssten nicht gleich in die Angst verfallen, zu sagen: dicht machen, aufgeben", mahnt er. 

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