Wenn Waldbrände ein Trauma hinterlassen
20. August 2026
Die Feuersaison 2026 stellt traurige Rekorde auf: Bei Vegetationsbränden in Europa ist schon jetzt mehr Fläche verbrannt als im jährlichen Durchschnitt von 2006 bis 2025. So verzeichnet beispielsweise das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen den vermutlich größten Waldbrand in seiner Geschichte. Rund 300 bis 400 Hektar Fläche hat das Feuer im Hürtgenwald zerstört oder geschädigt – ein Areal, mindestens so groß wie 420 Fußballfelder.
Nach Wochen ohne Regen breitet sich der Waldbrand rasch in der ausgetrockneten Landschaft aus. Wind treibt die Flammen in unterschiedliche Richtungen. Zudem erschwert explodierende Munition aus dem Zweiten Weltkrieg die Löscharbeiten. Fast eine Woche lang kämpfen teils rund 1500 Feuerwehrkräfte in 12-Stunden-Schichten im Hürtgenwald gegen die Flammen.
Einsatzgebiet Waldbrand: hohe Belastung für Einsatzkräfte
Mittendrin auch Peter Berndgen, Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr im Kreis Düren. Die Belastungen bei einem solchen Einsatz seien enorm, berichtet Berndgen. "Entzündete Augen jeden Abend, die Nase ist immer schwarz, die Atemwege werden belastet. Und in dieser Zwölf-Stunden-Schicht ist man in einer permanenten Lauerstellung, was gerade so passieren kann." Etwa, ob Bäume umstürzen oder die Flammen eine neue Richtung einschlagen.
Immer wieder auch die Sorge: "Jetzt rennt mir diese Situation aus meiner Kontrolle raus, wir schaffen es nicht mehr, das zu beherrschen - so ein Gefühl hat man manchmal. Und dann fängt man an, darüber nachzudenken: Kriegen wir das hier überhaupt noch mal unter Kontrolle?"
Trotz aller Vorbereitung und Professionalität gibt es auch immer wieder Situationen, in denen Feuerwehrleute in Todesangst geraten können. "Die Befürchtung, ja fast sogar Angst, die man dann haben kann, ist wirklich: Wo ist denn mein Rückzugsort? Wie komme ich denn hier raus? Ich bin ja mittendrin in einem Waldgebiet."
Solche Situationen könnten noch lange nachwirken, sagt Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg vom Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit und Mitautor der sogenannten Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit.
"Nicht alle Leute, aber viele, denen sowas passiert, reagieren dann mit einer sogenannten posttraumatischen Störung. Sie müssen sich an das Ereignis wieder und wieder erinnern, haben Albträume, Dinge, die man Flashbacks nennt. Und solche posttraumatischen Störungen sind bei Feuerwehrleuten dreimal so häufig wie in der Normalbevölkerung."
Wie Naturkatstrophen der psychischen Gesundheit schaden
Typisches Symptom für eine posttraumatische Störung ist das Vermeidungsverhalten. Betroffene meiden Orte, die denen ähneln, an denen das Trauma entstanden ist oder auch Gespräche über das Ereignis selbst. "Das führt dann dazu, dass diese Störung sich festsetzt", so Meyer-Lindenberg.
Unmittelbar nach so einer Naturkatastrophe sei es völlig normal, dass man davon mitgenommen sei, etwa schlecht schlafe, sich traurig fühle. Wenn dieser Zustand aber länger als einen Monat anhalte, den Alltag einschränke, sollte man psychologische Hilfe suchen. "Das Gute ist: Posttraumatische Störungen lassen sich mit einer Verhaltenstherapie sehr erfolgreich behandeln. Bei zwei Dritteln der Betroffenen löst sich dadurch die Störung auf."
Neben posttraumatischen Störungen steigt nach einer Naturkatastrophe wie einem Waldbrand auch die Zahl an Depressionen, Angsterkrankungen und Suchterkrankungen. Teilweise zeigen Studien auch häufigeres Selbstverletzungsverhalten und erhöhte Suizidraten.
Die psychiatrischen Diagnosen verdoppelten sich in etwa, so der Psychiater. "Bei vielen Betroffenen geht es erfreulicherweise von selbst wieder zurück, aber leider nicht bei allen. Man findet auch noch Jahre später erhöhte Häufigkeiten von Erkrankungen."
Metastudien zeigten, dass manche Bevölkerungsgruppen stärker betroffen seien als andere. Dazu zählten vor allem Kinder und Jugendliche. Aber auch arme Menschen oder Menschen, die bereits eine psychische Erkrankung hätten. Außerdem seien Frauen häufiger betroffen als Männer.
Selbstwirksamkeit hilft, Hilflosigkeit belastet
Auffällig ist: Während in der Bevölkerung, die von einer Naturkatastrophe betroffen ist, jeder Dritte ein Risiko für eine anhaltende, posttraumatische Störung hat, trifft es unter den Einsatzkräften nur jeden Zehnten.
Ihnen helfe ihre Erfahrung, die klaren Regeln bei einem Einsatz und auch das gemeinsame Arbeiten im Team, erklärt Meyer-Lindenberg. "Gerade wenn man mit so einem Extremereignis konfrontiert ist, hängt ganz viel davon ab: Fühle ich mich da selbstwirksam? Weiß ich, was ich machen muss? Habe ich Kollegen, Kameraden, auf die ich mich verlassen kann? Gibt es da eine Struktur oder fühle ich mich da dem völlig hilflos ausgeliefert?"
Während also Anwohnende möglicherweise tatenlos zusehen müssen, wie ihre Umgebung in Flammen aufgeht, kämpfen Feuerwehrleute aktiv dagegen.
Gerade bei der Freiwilligen Feuerwehr aus der betroffenen Region sei die Motivation extrem hoch, sagt Sprecher Peter Berndgen. "Wir wollen uns, unsere Bevölkerung, unsere Dörfer, wo wir wohnen - das wollen wir schützen. Und ich glaube, das setzt auch Energie frei."
Zudem gebe es auf Wunsch psychologische Betreuung für die Einsatzkräfte, routinemäßige Gespräche über das Erlebte seien genauso Teil des Einsatzes wie der Kampf gegen die Flammen selbst.
"An Katastrophen kann man sich nicht gewöhnen"
In Aktion zu kommen und die eigene Lage selbst in die Hand zu nehmen, helfe auch den Betroffenen einer Naturkatastrophe, betont Psychiater Meyer-Lindenberg. Etwa indem sie vorbeugenden Brand- oder Hochwasserschutz betreiben. Sich an Katastrophen zu gewöhnen oder sich dagegen abzuhärten, funktioniere dagegen nicht. "Im Gegenteil: Jemand, der schon mal so eine Katastrophe erlebt hat, der ist stärker bedroht, psychische Folgeschäden von einer nächsten zu haben."
Im Hürtgenwald konnten Peter Berndgen und die anderen Feuerwehrkräfte den Brand löschen. Auch dieser Erfolg hilft, keine langfristigen psychischen Belastungen davonzutragen. "Das gibt einem die Bestätigung: Ja, das ist sehr sinnvoll, was wir gerade getan haben."
Anders, so Berndgen, habe er sich dagegen bei der Flut im Ahrtal vor fünf Jahren gefühlt. "Menschen, die in Lebensgefahr waren, aus der Ahr-Region, kamen mit ihren Notrufen hier bei uns an und wir wussten, wir konnten ihnen nicht helfen." Das sei für einen Feuerwehrmann die schlimmste denkbare Situation.
"Wüsste ich, dass ich mich dieser Aufgabe jedes halbe Jahr stellen muss, dann wäre für mich wahrscheinlich auch der Punkt erreicht, zu sagen: Kann ich das wirklich leisten?"