1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Industrie oder Trinkwasser? Wasserkonflikt in Brandenburg

Anne-Sophie Brändlin
24. August 2026

Brandenburg wird immer trockener. Doch Industrieprojekte wie Tesla, Red Bull und ein geplanter Kupferabbau verbrauchen viel Wasser. Wird es künftig für alle reichen, für Wirtschaft, Bevölkerung und die Natur?

Dürre & trockene Landschaft, Brandenburg, Deutschland 2026
Brandenburg galt lange als wasserreich, ist mittlerweile aber zu einer der trockensten Regionen des Landes gewordenBild: DW

Für Petra Liesenfeld beginnt der Klimawandel direkt vor der Haustür. Seit Jahren sinkt der Grundwasserstand in ihrer Heimatstadt Baruth immer weiter ab. Im Garten muss sie inzwischen deutlich mehr gießen als früher und einige ihrer Lieblingsbäume in der Nähe sind schon vollkommen vertrocknet. Und auch die Felder in der Nähe sind trockener als früher, sagt sie. Gleichzeitig wollen zwei Firmen vor Ort jetzt noch mehr Wasser entnehmen, um ihre Getränkeproduktion auszuweiten.

Das stellt sich die Frage: Reichen die immer knapper werdenden Wasservorräte für alle?

Red Bull und das Wasser von Baruth

Seit den 1990er-Jahren wird in der Kleinstadt Baruth, rund 60 Kilometer südlich von Berlin, Mineralwasser abgefüllt. Anfang 2023 übernahmen Red Bull und der österreichische Getränkehersteller Rauch den Standort. Nun wollen die Firmen ihre Produktion mit einer neuen Dosenfabrik und weiteren Anlagen mitten in einem Wasserschutzgebiet ausbauen.

Das Wasserwerk Baruth darf jedes Jahr eine festgelegte Menge Grundwasser fördern. Davon sind schon jetzt 92 Prozent für Red Bull und Rauch reserviert, acht Prozent bleiben für die Trinkwasserversorgung der rund 4300 Einwohner. Die Unternehmen dürfen jährlich so viel Wasser verbrauchen, dass man damit den Trinkwasserbedarf von 57.000 Menschen decken könnte. Wie viel genau die Industrie bisher nutzt, ist nicht öffentlich bekannt.

Was Red Bull und Rauch für die täglichen 7 Millionen Liter Grundwasser bezahlen, ist GeheimsacheBild: DW

Das ist laut der bestehenden Verträge legal, sagt Peter Ilk. Bis vor ein paar Wochen war er der Bürgermeister des Ortes und gilt als treibende Kraft hinter der Industrialisierung der Region. Beim Wassermanagement sieht er kein Problem.

"Wir haben immer den Vorrang der Versorgung der Bevölkerung eingeräumt. So steht es auch in allen Verträgen", sagt er. Dass die Industrie deutlich mehr Wasser benötige als die Einwohner, sei wenig überraschend. 

Die Hydrogeologin Irina Engelhardt von der TU Berlin sieht die Situation dagegen kritisch. Die Gutachten und Verträge, auf denen die heutigen Wasserrechte beruhen, stammen aus den 1990er-Jahren. Seitdem, sagt sie, hätten sich aber sowohl die Grundwasserstände, die Grundwasserneubildung und auch die Art der Landnutzung deutlich verändert.

"Ich schaue etwas besorgt auf die Wasserentwicklung im Land Brandenburg." Das Problem, sagt sie: "Das, was wirklich an Wasserressourcen verfügbar ist, [wird] derzeit etwas überschätzt von den brandenburgischen Behörden".  

Geschwärzte Unterlagen: Schutz von Entnahmestellen oder gezielte Intransparenz, wie einige Kritiker vermuten? Bild: DW

Gemeinsam mit einer Bürgerinitiative von Anwohnern fordert sie neue, unabhängige Gutachten. Zudem gibt es Kritik, weil Teile der Monitoring-Unterlagen von den Behörden geschwärzt wurden. Damit sollen unter anderem die genauen Standorte der Brunnen geschützt werden, an denen die Industrie Wasser fördert. Einige Bürger vermuten jedoch, dass dadurch vor allem Informationen über die Veränderung der Grundwasserstände verborgen bleiben soll.

"Wir fragen uns, warum da nicht mehr Transparenz sein kann, wenn das alles seine Richtigkeit hat. Warum darf die Öffentlichkeit das nicht wissen?," sagt Petra Liesenfeld. Es ist auch nicht öffentlich bekannt, wie viel genau Red Bull und Rauch für die erlaubte tägliche Entnahme von bis zu 7 Millionen Liter Grundwasser bezahlen. 

Für den Dürreforscher Andreas Marx ist das problematisch. "Wasser ist per Gesetz ein nicht eigentumsfähiges Gemeingut. Aus meiner Sicht [wäre es] sinnvoll, dass alle Entscheidungen, die getroffen werden, alle Verträge, die geschlossen werden, auch öffentlich einsehbar sind," sagt er.

Brandenburg wird trockener

Geht Brandenburg das Wasser aus? Nach Einschätzung von Experten noch nicht. "Deutschland und auch Brandenburg sind immer noch eine wasserreiche Region. Es geht nicht darum, jetzt eine dauerhaft trockene Situation zu managen, sondern es geht auch zukünftig darum, trockene Situationen über zwei oder drei Jahre zu managen," sagt Marx, der den Dürremonitor des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung leitet.

Dennoch verändert sich der Wasserhaushalt hier, wie auch anderswo in Deutschland immer deutlicher. Seit den Dürrejahren ab 2018 wird das Grundwasser vielerorts nicht mehr ausreichend aufgefüllt. Höhere Temperaturen und steigende Verdunstung erschweren die Erholung der Speicher in den tieferen Bodenschichten. 

"Das heißt: das System kippt, das System ändert sich. Wir sehen Gebiete, wo sich der Grundwasserspiegel in den letzten 20 Jahren um 2 Meter abgesenkt hat", so Engelhardt. Das könnte künftig noch mehr Probleme machen, denn 95 Prozent des Trinkwassers in Brandenburg werden aus dem Grundwasser gewonnen. 

Früher war im Kolpiner See deutlich mehr Wasser. Inzwischen ist es weniger als einen halben Meter hoch, sagen Anwohner Bild: DW

Auch die Seen, die sich aus Grundwasser speisen, verändern sich. Heike Christoph lebt seit mehr als 30 Jahren am Kleinen Kolpiner See. Als Kind lief sie hier Schlittschuh, heute fehlen nach ihrer Beobachtung bis zu 1,50 Meter Wasser. "Auch wenn jetzt wieder eine Wasserfläche zu sehen ist, sind hier höchstens 20 oder 30 Zentimeter Wasser drin", sagt sie. 

Wie viel Wasser braucht die Energiewende?

Nur wenige Kilometer östlich in Grünheide steht die Tesla-Gigafactory. Die E-Autofabrik hat eine Genehmigung, bis zu 1,4 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr zu entnehmen und plant, die Produktion auf bis zu 7500 Fahrzeuge pro Woche auszuweiten.

Das Tesla-Werk in Grünheide soll künftig noch mehr E-Autos produzierenBild: DW

Viele Anwohner fragen sich, warum Bürger dort in den letzten Jahren immer wieder zum Wassersparen aufgefordert werden, während die Industrieprojekte weiter wachsen. "Viele Projekte, also Schulen, Kindergärten, die neu gebaut werden sollten, lagen auf Eis, weil kein Wasser da ist," erinnert sich Anwohnerin Manu Hoyer. 

Andreas Marx erklärt, dass bei knappen Wasserressourcen oft die Bürger das Nachsehen haben. "Wer in der Regel eingeschränkt wird, sind die privaten Wassernutzer. Ganz einfach weil es da am einfachsten möglich ist. Industrieunternehmen werden nur selten eingeschränkt. Das hängt damit zusammen, dass nicht klar ist, wie die wirtschaftlichen Konsequenzen einzuordnen sind," sagt er. 

Tesla und die anderen Firmen mit hohem Wasserverbrauch stehen damit exemplarisch für einen Grundkonflikt: Industriebetriebe schaffen Arbeitsplätze und Investitionen. Sie können aber auch den Druck auf lokale Ressourcen erhöhen.

Kupfer für die Energiewende – Risiko für das Grundwasser?

Zusätzliche Probleme für die Flüsse in der Region könnte es bald etwas weiter südlich, in Spremberg geben. Dort soll bald Kupfer in bis zu 1200 Metern Tiefe abgebaut werden, ein wichtiger Rohstoff für Stromnetze, Elektroautos und erneuerbare Energien. 

In der Region wird seit Jahrzehnten Braunkohle abgebaut Bild: DW

Der Geotechniker Michael Pfeifer warnt vor Risiken für den Wasserhaushalt. Denn Grubenwasser aus dieser Tiefe ist stark salz- und schwefelhaltig und muss aufwendig gereinigt werden. "Doch die Reinigungsanlage, die bisher geplant ist, steht in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, der tatsächlich betrieben werden müsste, um das Wasser so zu reinigen, dass es gefahrlos in die Spree geleitet werden kann," sagt Pfeifer. Die Spree fließt von hier aus nach Berlin weiter. Das Wasser ist schon jetzt belastet vom jahrzehntelangen Braunkohleabbau in der Region.  

Mit dem Kohleausstieg bis spätestens 2038 wird sich die Situation zusätzlich verschärfen. Dann fällt das Wasser weg, das bislang aus den Tagebauen in die Spree gepumpt wurde. Gleichzeitig werden große Wassermengen benötigt, um die ehemaligen Tagebaue zu fluten. Experten rechnen damit, dass die Spree dann in trockenen Sommern künftig nur noch ein Viertel der bisherigen Wassermenge führen könnte, mit weitreichenden Folgen bis nach Berlin.

Der Wettlauf um die Ressource Wasser

Bergbau, Industrie und Klimawandel - der Druck auf die Wasserressourcen in Brandenburg wächst. Eine mögliche Lösung ist künstliche Grundwasseranreicherung: Überschüssiges Wasser aus Zeiten mit viel Niederschlägen wird im Untergrund gespeichert und später genutzt. 

Seit der Bau der Tesla Gigafactory 2019 angekündigt wurde, gibt es heftige Kritik von Anwohnern über die wachsende Trinkwasserentnahme Bild: DW

Hydrogeologin Irina Engelhardt erforscht, wo das in der Region möglich wäre. "Es gibt Bereiche in Brandenburg, wie zum Beispiel das Gebiet, wo wir derzeit ja Tesla ansässig haben, wo wir fast den gesamten Bedarf des Trinkwasserversorgers über künstliche Grundwasseranreicherung substituieren können," sagt sie. Dafür muss natürlich erst einmal genügend Wasser vorhanden sein. 

Und für Dürreforscher Andreas Marx bleibt entscheidend: Nach welchen Regeln soll Wasser in längeren Trockenphasen zwischen Bevölkerung, Landwirtschaft, Natur und Industrie verteilt werden? Deutschland habe dafür bislang keine klaren Regeln. Selbst der Begriff "Dürre" sei im Wasserhaushaltsgesetz bislang nicht definiert. Damit steht Brandenburg vor einer Herausforderung, die weltweit immer entscheidender wird: Wie werden kostbare Wasserressourcen künftig gemanagt und genutzt?  

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen