Folgt auf Bundespräsident Steinmeier erstmals eine Frau?
28. Oktober 2026
Gesucht: Staatsoberhaupt - weiblich, männlich, divers. Voraussetzung: deutscher Pass, Wahlrecht, Mindestalter 40 Jahre. Bewerbung bitte möglichst zeitnah! Verfügbarkeit ab 30.1.2027, Dienstantritt am 19.3.2027.
Diese Stellenausschreibung gibt es so offiziell nicht. Aber tatsächlich sucht die Bundesregierung eine Kandidatin oder einen Kandidaten für das höchste Staatsamt . Einen Nachfolger oder vielleicht zum ersten Mal eine Nachfolgerin für Frank-Walter Steinmeier, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr als Bundespräsident antreten kann.
"Die Person sollte einen gewissen Bekanntheitsgrad haben, politisch ausgewogen sein, fähig zu integrieren, sie sollte auf Menschen zugehen und einigermaßen gut reden können." Das sagt die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch der DW.
In Deutschland ist der Bundespräsident Staatsoberhaupt und Repräsentant, eine moralische Instanz. Anders als in den USA, Frankreich oder Russland verfügt der Bundespräsident nicht über weitreichende politische Macht oder leitet gar die Regierungsgeschäfte.
Am 30. Januar soll die Wahl in Berlin stattfinden. Doch noch ist niemand nominiert. Alle Blicke richten sich nun auf Friedrich Merz, den Bundeskanzler und Vorsitzenden der konservativen CDU.
Frank-Walter Steinmeier wurde von seiner Partei SPD vorgeschlagen. Als Bundespräsident ruht seine Partei-Mitgliedschaft. Nun ist die Merz-CDU mit dem Vorschlagsrecht an der Reihe, der mächtigste Partner in der Koalitionsregierung mit Sozialdemokraten (SPD) und Christsozialen (CSU).
Politikwissenschaftlerin Münch sagt: "Die drei Parteien müssen sich im Grunde auf eine Person einigen, die in allen drei Parteien vermittelbar ist." Da die drei Parteien und ihre Delegierten in der sogenannten Bundesversammlung, die den Nachfolger von Steinmeier wählt, die Mehrheit haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Person, die Merz benennt, es auch wird.
Bekommt Deutschland zum ersten Mal eine Bundespräsidentin?
"Also ich würde mir schon wünschen, dass es dieses Mal eine Frau wird. Seit 1949 hatten wir 12 männliche Bundespräsidenten, da wird es mal Zeit für eine Frau! Wenn es einen guten Mann gäbe, würde ich mich aber auch damit abfinden", sagt Ursula Münch. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für den Sender RTL vom August sehen es die meisten Deutschen ähnlich: 74 Prozent ist es egal, ob es ein Mann oder eine Frau wird. 19 Prozent wollen ausdrücklich eine Frau. Fünf Prozent bevorzugen einen Mann.
Gute Chancen hat wohl die bayerische Politikerin Ilse Aigner. Sie ist Präsidentin des bayerischen Landtages in München. Aigner ist Mitglied der kleinsten Koalitionspartei, der bayerischen CSU. Die 61-Jährige gilt als ausgleichend. Sie hat auch Regierungserfahrungen in Berlin, sie war Bundeslandwirtschaftsministerin. In ihrer bayerischen Regionalpartei genießt sie größte Unterstützung. Kürzlich sagte CSU-Parteichef Markus Söder: "Es wäre eine tolle Sache, wenn sie Bundespräsidentin würde."
Selbst Mitglieder der oppositionellen Grünen und aus der SPD sind voll des Lobes. "Worauf warten wir eigentlich noch? Hat Ilse Aigner nicht längst über Parteigrenzen hinweg eine Mehrheit hinter sich?", fragte kürzlich SPD-Fraktionschef Matthias Miersch. Nur Friedrich Merz, der mit Aigner befreundet ist, hält sich bislang bedeckt. Vielleicht auch, weil Aigner nicht aus seiner CDU stammt, sondern aus der kleinen Schwesterpartei CSU.
Wer könnte es werden? Es fallen Namen aus der CDU
Auch andere Personen für die Nachfolge werden genannt: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die ehemalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer oder Bildungsministerin Karin Prien. Der Ministerpräsident von Hessen, Boris Rhein, ist auch ein möglicher Kandidat. Sie alle sind Mitglied der CDU. Seit ein paar Tagen macht noch ein anderer Name die Runde: Ines Claus. Die Juristin ist Fraktionschefin der CDU in Hessen und stellvertretende Vorsitzende der Bundes-CDU und - weitgehend unbekannt.
Dass sie es werden soll, ließ der Kanzler aus 9000 Kilometer Entfernung dementieren. Er bereist derzeit Asien. Bisher habe Merz "weder eine Entscheidung getroffen noch einen Vorschlag unterbreitet", wurde in der Umgebung des CDU-Vorsitzenden betont. Es gebe "eine Reihe von geeigneten" Optionen, hieß es weiter.
Gewählt wird der Bundespräsident alle fünf Jahre von der Bundesversammlung. Vertreten sind dort alle 630 Bundestagsabgeordneten und noch einmal so viele Vertreterinnen und Vertreter der Landtage. Unter ihnen sind auch Prominente aus Kultur, Wissenschaft, Sport oder Gesellschaft. Gewählt ist, wer mehr als 631 Stimmen auf sich vereint. Die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD haben zusammen 682 Stimmen, eine komfortable Mehrheit.
Bundespräsident: Wichtiges Amt bei Polarisierung und Krisen
Das Amt des Bundespräsidenten wird oft unterschätzt als reine Repräsentationsaufgabe. Doch als über den Parteien stehende Autorität hat diese Person erheblichen politischen, rechtlichen und moralischen Einfluss. Das gilt besonders in Zeiten der politischen Polarisierung und internationaler Krisen. Der Bundespräsident regiert zwar nicht wie ein Kanzler, repräsentiert aber Deutschland im In- und Ausland.
"Verfassungspolitisch ist der Bundespräsident enorm wichtig. Zum Beispiel könnte er entscheiden, ob er es in einer politischen Krisensituation für sinnvoller hält, den Bundestag aufzulösen oder für eine Minderheitsregierung zu plädieren", erläutert Politologin Münch. Außerdem überprüfe und unterzeichne er Gesetze, die aus der Politik kommen.
Wie geht es weiter?
"Der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende hat ein Interesse an einem geordneten Prozess", heißt es aus Regierungskreisen. Der "erste Zielpunkt" seien die Sitzungen des CDU-Präsidiums und -Vorstands am 9. November. Bis dahin würden Gespräche mit den Landesvorsitzenden der CDU und der CSU geführt. Auch die SPD und die Grünen sollten konsultiert werden, "da die Bundespräsidentenwahl breit abgefedert sein sollte im demokratischen Spektrum".
Politikwissenschaftlerin Münch sieht es so: "Ich halte die Frage noch für offen mit einer gewissen Schlagseite für CSU-Kandidatin Ilse Aigner." Aber es könne auch noch eine echte Überraschung geben, ergänzt Münch.