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Politik

Wer hat die Macht über unser Essen?

Theresa Krinninger
11. Januar 2017

Die Nahrungsmittelindustrie "schrumpft sich groß". Immer weniger internationale Konzerne bestimmen die Märkte vom Acker bis zur Ladentheke. Der Konzernatlas klärt über die Folgen auf.

Bayer Übernahme Monsanto
Bild: picture-alliance/Zumapress/R. C. Byer

"Es ist Zeit, sich nicht nur für das zu interessieren, was auf unserem Teller landet", heißt es in einem Beitext des Konzernatlas 2017, den die Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Germanwatch, Oxfam und Le Monde Diplomatique am Dienstag veröffentlichte.

Wohin sich die Agrar- und Lebensmittelbranche entwickelt, betrifft uns alle. Am härtesten trifft es aber die schwächsten Glieder in der Lieferkette: Die Bauern und Arbeiter in Schwellen- und Entwicklungsländern, die der Marktmacht der Konzerne am meisten ausgeliefert sind.

Gleichzeitig werden Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette durch Fusionen immer größer. Seit 2015 fanden 12 Mega-Fusionen statt; durchschnittlich eine alle zwei Monate. In den vergangenen Jahren betraf das vor allem die Agrar- und Nahrungsmittelbranche. Die Agrarchemie "schrumpft sich besonders groß", schreiben die Autoren.

Im globalen Agribusiness bestimmen bislang noch sieben Unternehmen die weltweite Produktion von Pestiziden und Saatgut. Ende 2017 wird die Landwirtschaft jedoch anders aussehen: "Wir erleben, dass wir es demnächst nicht mehr mit Oligopolen, sondern mit drei großen Monopolen zu tun haben", sagt Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied bei der Heinrich-Böll Stiftung und Mitherausgeberin des Konzernatlas im DW-Interview.

Der deutsche Bayer-Konzern will den US-SaatgutkonzernMonsanto kaufen und damit zum größten Hersteller von Agrarchemikalien werden. Die US-Riesen DuPont und Dow Chemical planen zu fusionieren und ChemChina möchte den Schweizer Chemiekonzern Syngenta kaufen.

"Je mehr Marktmacht sich in den Händen einiger weniger bündelt, desto mehr sind nicht nur Verbraucherinnen von deren Produkten abhängig, es sind vor allem die Bauern und Bäuerinnen, die sich diktieren lassen müssen, zu welchen Preisen sie das Saatgut und die Pestizide kaufen", sagt Unmüßig. Außerdem nehme die Wahlfreiheit der Konsumenten ab und der Druck auf die Politik steige. "Je mehr Marktmacht gebündelt ist, desto mehr wird auch die Politik erpressbar." Ein Sprecher für Bayer wollte sich zu diesen Vorwürfen der DW gegenüber nicht äußern.

Dabei gibt es gerade im Saatgut- und Pestizid-Sektor kaum mehr Konkurrenz. Aus sieben werden bald nur noch vier Riesen. Und drei davon beherrschen künftig mehr als 60 Prozent der Märkte für kommerzielles Saatgut und Agrarchemikalien. Fast alle bieten gentechnisch veränderte Pflanzen an.

Neben der Gentechnik verändert auch die Digitalisierung die Landwirtschaft. "In Zukunft heißt es nicht mehr wachse oder weiche, sondern digitalisiere oder weiche", sagt Marita Wiggerthale, Referentin bei der NGO Oxfam im DW-Interview. Die landwirtschaftlichen Betriebe seien von den Agrarkonzernen zunehmend abhängig; moderne Farmmanagement-Systeme lohnten sich nur noch für große kapitalstarke Betriebe.

Vier Riesen verhandeln über die Welt

Ist der Weizen, der Mais und die Sojabohnen einmal geerntet, kommen die ABCD-Händler ins Spiel. Der Publikation zufolge dominieren vier Konzerne den Im- und Export von Agrarrohstoffen: Die US-Konzerne Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und das niederländische Pendant, die Louis Dreyfus Company.

Sie handeln, transportieren und verarbeiten viele Rohstoffe mit einem Weltmarktanteil von 70 Prozent. Daneben ist die ABCD-Gruppe bestens informiert über Ernten, Preise, Währungsschwankungen, Wetterdaten und politische Entwicklungen weltweit. Die ABCD-Konzerne könnten zudem ihre enorme Verhandlungsmacht gegenüber Erzeugern ausspielen.

Die Agrarhändler liefern die billigen Rohstoffe dann an große Lebensmittelkonzerne wie Unilever, Nestlé, Heinz, Mars, Kellogg's und Tschibo. Sie alle sind Kunden von nur einem Agrarhändler aus Singapur (OLAM).

Die größten 50 Lebensmittelhersteller machen 50 Prozent des weltweiten Umsatzes in der Lebensmittelproduktion ausBild: picture-alliance/dpa

Die Supermarkt-Revolution

Nestlé und Co. gehören wiederum zu den Top-Lieferanten der großen Supermarktketten. "In Deutschland decken vier Supermarktketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels ab", sagt Marita Wiggerthale. "Die Ketten haben eine Türsteherfunktion, sie bestimmen wer wie Lebensmittel produziert und welche Lebensmittel überhaupt im Regal landen".

Je höher der Marktanteil dieser Ketten, desto größer sei auch ihre Macht, den Lieferanten die Preise und Konditionen zu diktieren. Damit steige der Druck auf Zulieferfirmen. Sie bezahlen dafür, dass ihre Produkte in den Regalen ausliegen. Diesen Druck geben die Zulieferer an die Erzeuger weiter, denen längere Arbeitsstunden und weniger Lohn blühen, heißt es im Atlas.

Am stärksten expandierten jedoch die Lebensmittelketten in Ländern mit mittlerem Einkommen, wie etwa in Indien, Indonesien und Nigeria. Die Supermarktrevolution geht überall auf Kosten traditioneller Geschäfte und Märkte.

Ende des Welthungers nicht in Sicht

Zwar behaupten viele Lebensmittelkonzerne, sie bekämpfen den Welthunger durch die gesteigerte Lebensmittelproduktion. "Die Produktivität der bewirtschafteten Ackerflächen hat nicht zugenommen. Dafür zerstören wir die Fruchtbarkeit der Böden indem wir sie überdüngen und Monokulturen anbauen", entgegnet Unmüßig. "Wir verlieren jährlich 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Boden, der in die Ernährungssicherheit gesteckt werden könnte." Daneben belegten Ackerflächen für Futtermittel und Biotreibstoff Millionen Hektar Land.

Dass fast 800 Millionen unterernährte Menschen auf der Welt leben, ist also nicht der Nahrungsknappheit geschuldet, sondern bleibt ein Verteilungsproblem. Die industrialisierten Nahrungsmittelketten haben diese Ungleichheiten bislang eher verschärft als gelöst, so die Klage im Atlas.

Kleinbauern ernähren einen Großteil der Welt: Sie produzieren 70 Prozent der weltweiten NahrungBild: Imago

"Wir möchten die Politik darauf aufmerksam machen, dass sich hier Machtkonzentrationen zusammenbrauen, die uns abhängig und erpressbar von Entscheidungen großer Konzerne machen", betont Unmüßig. Dabei müsse vor allem das  Kartell- und Wettbewerbsrecht hierzulande erweitert werden.

Bei der Agrarproduktion lautet der Gegenentwurf: Agrar-ökologische Methoden. So sieht es auch Unmüßig: "Weil solche Methoden an der Konzernmacht vorbei zu großen Ertragssteigerungen führt, die dann wirklich den Bauern und Produzenten nutzen."

 

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