Wie ein Giftproduzent zum Insektenschützer wurde
25. November 2025
In einem gut laufenden Unternehmen auf einen großen Teil seines Umsatzes verzichten - und das für eine Fliege! Wer macht so etwas? Als Hans-Dietrich Reckhaus 1995 das Familienunternehmen für Insektenbekämpfungsmittel von seinem Vater übernahm, legte er keinen besonderen Wert auf Fliegen und Insekten. Wie schon sein Vater produzierte er in zweiter Generation alles mögliche, um Insekten den Garaus zu machen. Ungezieferspray, Ameisenpulver, Mottenpapier und Fliegenfänger.
Dann entwarf er eine neue Fliegenfalle, bei der Fliegen ebenfalls getötet werden - und an dieser Stelle sollte sich sein Leben radikal verändern. Um diese neue Falle über ein Kunstprojekt bekannt zu machen und so den Umsatz zu befeuern, nahm Reckhaus Kontakt auf zu den zwei Konzeptkünstlern Frank und Patrik Riklin. Die aber lehnten dankend ab, weil sie Fliegenfallen und die Vernichtung von Insekten nicht mehr zeitgemäß fanden.
Mit Kunstprojekt in die Transformation
Ein Kunstprojekt gab es trotzdem, allerdings mit dem Fokus, Insekten zu retten. Mitgemacht hat das 1000-Seelen Dorf Deppendorf. Die Bewohner sammelten dafür eine Woche lang Fliegen - ohne sie zu töten - und am Ende reiste eine der Fliegen, "Erika", mit Limousine, Helikopter und Flugzeug zu einem Verwöhnprogramm in einem fünf-Sterne-Wellnesshotel.
Das Ganze ist nun 13 Jahre her, die Aktion wirkt aber bis heute. Sie bildete den Auftakt dazu, dass Hans-Dietrich Reckhaus sich mit der Bedeutung von Insekten für die Natur auseinandergesetzt und daraufhin sein Unternehmen auf den Kopf gestellt hat. Auf der Rückseite aller Produkte gibt es heute Informationen über den Wert und die Bedrohung von Insekten und Hinweise, was Menschen tun können, um Insekten aus dem Haus fernzuhalten - sie also nicht zu töten. Bei einigen Produkte prangt zudem auf der Vorderseite ein großer Warnhinweis "Vorsicht, tötet wertvolle Insekten".
"Der Kunde soll das Produkt kaufen, von den Informationen schockiert sein und dann über sein Verhältnis zu Insekten nachdenken. Er wird lernen, wie er Insekten außerhalb des Hauses lassen kann und in Zukunft das Produkt nicht mehr kaufen", so der Wunsch von Reckhaus.
Die Transformation kostet, ist aber sinnvoll
Aber welcher Unternehmer macht so etwas? Die eigene Geschäftsgrundlage beschädigen? "Was mich vorher umgetrieben hat, war möglichst viel Geld zu verdienen und damit etwas Sinnvolles zu leisten - also soziale Verbände unterstützen, eine Stiftung gründen und so weiter", erzählt Reckhaus im Gespräch mit der DW. Heute gehe es ihm eher darum, "möglichst viel Sinnvolles zu leisten und damit etwas Geld zu verdienen", sagt er.
Wie er es sich heute von seinen Kunden wünscht, hatte er sich selber nach dem Kunstprojekt mit der Bedeutung von Insekten beschäftigt und daraufhin sein Geschäftsmodell, dass er vorher nicht hinterfragt hatte, völlig neu überdacht. Die folgende Transformation hat ihn einiges gekostet. "Ich habe in den letzten zehn Jahren 30 Prozent meines Umsatzes und über 80 Prozent der Rendite verloren", sagt Reckhaus. Aber, das was er heute verdiene, reiche ihm, um ein gutes Leben zu führen.
Den Markt von innen verändern
Einfach nur die Produktion von Vernichtungsmitteln einzustellen, hielt Reckhaus nicht für sinnvoll. Vielmehr möchte er den Markt für Insektenbekämpfungsmittel von innen heraus verändern. Sein Unternehmen hat inzwischen Produkte im Sortiment, mit denen Insekten lebend eingefangen werden können. Es werden aber auch weiterhin Produkte hergestellt, die Insekten töten.
Um diesen ökologischen Schaden auszugleichen, hat Reckhaus von Experten ausrechnen lassen, wie viele Insekten seine Produkte wahrscheinlich auf dem Gewissen haben und hat dafür spezielle Ausgleichsflächen angelegt, die Insekten einen Lebensraum bieten. Denn das Insektensterben hängt vor allem damit zusammen, dass es nicht mehr genügend Flächen für Insekten gibt, sei es durch die Zersiedelung der Landschaft oder die industrielle Landwirtschaft. "Das war aber der erste Schritt. Da hatte ich mein Gewissen ein bisschen beruhigt."
Ein Gütesiegel für Insekten: Insect-Respect
Um Ausgleich geht es auch bei dem von ihm ins Leben gerufenen Gütesiegel 'Insect-Respect'. Für Produkte, die damit zertifiziert sind, werden ebenfalls insektenfreundliche Fläche angelegt.
Während die Wettbewerber von Reckhaus sich nicht für das Label erwärmen konnten, hat sich im Handel einiges bewegt. Aldi, Budnikowski, dm, Migros, Rossmann und Spar statten ihre Eigenmarkten mit dem Label aus, warnen vor dem Gebrauch ihrer Produkte und setzen sich so für die Reduktion des Marktes ein. So konnten 2024 14 Millionen Packungen, die das Insect-Respect Gütesiegel haben, in Europa, verkauft werden.
Auch andere große Unternehmen schmücken sich gerne mit Engagement für Biodiversität. Der Möbelhersteller Ikea hat mit Hilfe von 'Insect- Respect' Insektenparadiese in Italien, Serbien und Rumänien geschaffen. Insektenfreundlich sind beispielsweise auch die Dachterrasse der Zentrale der Unternehmensberatung KPMG, das Dach des Taschenherstellers Halfar und eine Grünfläche des Schokoladenherstellers Ritter Sport geworden.
"Wir haben Anfragen aus ganz Europa, wir kommen da gar nicht mehr nach", freut sich Reckhaus. Da es nur wenige Landschaftsgärtner gibt, die ein entsprechendes Wissen haben, hat er die 'Insectemy' eröffnet. In dieser Akademie werden Landschaftsgärtner darin geschult, wie Flächen mit regionalen Pflanzen für Insekten gestaltet werden.
Viel Zuspruch und Ablehnung
Mit der Transformation seines Unternehmens regnete es Auszeichnungen und Preise. Zuspruch aus der Wirtschaft bekommt Reckhaus auch, wenn er Vorträge über seine Transformation hält - trotzdem sei er eher kein Vorbild für andere Unternehmer, meint Reckhaus. "Sie versuchen zwar ihre Geschäftsmodelle klimaneutral zu machen, stellen sie aber nicht per se in Frage." Dabei reiche Klimaneutralität nicht aus, denn ohne eine intakte Tier und Pflanzenwelt bringe die gar nichts, so Reckhaus. Unternehmer müssten ihre Geschäftsmodelle neu denken, anstatt das Falsche zu konservieren.
Neu denken sei auch in seiner Branche nicht gefragt. "Ich bin im Verband der chemischen Industrie und werde seit über zehn Jahren nicht mehr eingeladen", so Reckhaus. "Die Branche beharrt darauf, dass alle Insekten schädlich sind und dass die Branche die besten Möglichkeiten hat, um sie schnell um die Ecke zu bringen."
Von seinen Wettbewerbern hätte keiner das Gütesiegel Insect-Respect. Martin May vom Industrieverband Agrar (IVA) dementiert das. Herr Reckhaus werde regelmäßig eingeladen und sei auch "immer eingeladen, sich mit seinem Unternehmen in dem Verband einzubringen."
Schwierig war für Reckhaus zudem, dass sein inzwischen verstorbener Vater, der die Firma einst gegründet hatte, nicht mit dem Wandel einverstanden war. "Er hat es nicht verstanden oder verstehen wollen - er war sehr skeptisch bis zum Schluss und das war ein Thema, das wir in der Familie meiden mussten."
Vor der Transfomation sei er sehr erfolgreich gewesen, so Reckhaus. "Alles lief super, aber glücklich war ich nicht", erinnert er sich. Durch sein Engagement hätten sich viele Türen geöffnet, zu anderen Menschen, denen Insekten am Herzen liegen. "Die sind heute meine Verbündeten, meine Freunde, meine Unterstützer. Und es macht unglaublich viel Freude, jeden Tag."