1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Wer sind die Erdogan-Anhänger in Deutschland?

Vera Kern
7. März 2017

1,4 Millionen Deutschtürken dürfen das Referendum in der Türkei mitbestimmen. Ihr Votum könnte das Zünglein an der Waage sein. Deshalb werben türkische Politiker so massiv um sie.

Erdogan-Anhänger bei einer Demonstration in Köln
Bild: picture alliance/dpa/O. Berg

"Es ist irrational, was sich da abspielt" - so beschreibt es Gökay Sofuoglu, wenn er sich mit Erdogan-Anhängern unterhält. Als Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland wirbt er bei seinen Landsleuten für ein Nein zur Verfassungsänderung, die den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan quasi zum Alleinherrscher machen würde. Sofuoglu spricht mit vielen Menschen, die hinter Erdogans umstrittenem Kurs stehen. Sein Eindruck: Mit Vernunft lässt sich ihre Erdogan-Begeisterung nicht erklären.

Vielmehr gehe es um Emotionen. "Erdogan vermittelt vielen Deutschtürken das Gefühl, sie seien stärker, größer, kräftiger", so Sofuoglu. Mit seinen markigen, starken Worten beseitige er Minderwertigskeitsgefühle. Erdogan - so sehen es auch andere Beobachter - betrachtet die Auslandstürken als Brüder und Schwestern, die zur Türkei dazuzugehören. Ihre Wählerstimmen zählen.

Starker Rückhalt für den islamkonservativen Erdogan

Fakt ist: In Deutschland leben etwa 1,4 Millionen Menschen mit türkischer oder doppelter Staatsbürgerschaft, die beim Referendum im April ihre Stimme abgeben dürfen. Ihr Votum könnte wahlentscheidend sein - selbst wenn, wie bei der Parlamentswahl im November 2015, wieder nur etwa 40 Prozent wählen gehen. Denn von den aktiven Wählern steht eine Mehrheit der Deutschtürken traditionell hinter Erdogans islamkonservativem Kurs - 2015 waren es an die 60 Prozent. Mehr als in der Türkei.

Gökay Sofuoglu von der Türkischen Gemeinde in Deutschland wirbt für ein Nein zum ReferendumBild: picture-alliance/dpa/B. Weissbrod

Wieso also kann Erdogan in Deutschland auf zahlreiche Ja-Stimmen hoffen? Wie kann es sein, dass einige Deutschtürken wegen abgesagter Wahlkampfautritte in Gaggenau, Köln und nun Hamburg auf die Barrikaden gehen - aber hinnehmen, dass in ihrer alten Heimat die Versammlungs-und Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt wird? Wer sind die Erdogan-Unterstützer?

Kognitive Dissonanz nennen Psychologen das unangenehme Gefühl, wenn ein Mensch mit Widersprüchen lebt, die eigentlich nicht zusammenpassen. Ein Teil der Wahrheit wird dann geglättet und zurecht gelegt, damit der andere besser zu ertragen ist.

Ähnlich mag es auch vielen Deutschtürken ergehen, die Erdogans Demokratieabbau voll unterstützen, aber gleichzeitig in ihrer deutschen Wahlheimat alle demokratischen Freiheiten genießen. Das zumindest vermutet der Psychologe Haci Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen: "Nach den Auftrittsverboten sagen viele Erdogan-Anhänger jetzt: Schaut mal, auch Deutschland versucht missliebige Stimmen zu unterdrücken."

Konservatives Weltbild der 60er Jahre

Die meisten türkischen Migranten kamen in den 1960er und 1970er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Sie gelten als konservativ, religiös, provinziell. Gerade die liberale Gesellschaft in Deutschland habe es ihnen aber ermöglicht, ihr konservatives Weltbild auch an ihre Kinder weiterzugeben, so Türkei-Experte Uslucan. Unter den traditionellen Gastarbeitern aus Anatolien trifft der konservative Erdogan auf große Zustimmung.

Doch auch unter den jüngeren Deutschtürken sind viele glühende Erdogan-Verfechter. Gerade sie fühlen sich von der deutschen Politik nicht richtig angesprochen, beobachtet Uslucan. "Die Erfahrung des 'Nicht-Dazugehörens' treibt Menschen dann zu Parteien wie der AKP, die ihnen Größe, Stolz und Identifikation versprechen."

Große Unterstützung bei jüngeren Deutschtürken wie diesen Helferinnen bei einer Pro-Erdogan-Demo in KölnBild: picture-alliance/dpa/H. Kaiser

Muss also wieder die These von der gescheiterten Integration als Erklärung herhalten?

"Es wäre eine zu einfache Deutung, zu sagen: Nur die Abgehängten wählen Erdogan", sagt Uslucan. Unter den Erdogan-Anhängern seien auch Akademiker und Unternehmer. Wirtschaftlich und sprachlich sind die meisten also gut integriert. Aber an politischer Teilhabe fehlt es, kritisiert Uslucan: "Wenn man nicht das Gefühl hat, Teil des starken Deutschlands zu sein, dann wendet man sich einem anderen starken Kollektiv zu". Und Erdogan bietet mit seiner Rhetorik das Gefühl, Teil einer starken Türkei zu sein.

Weichgezeichnetes Türkeibild

Hinzu kommt: Viele Deutschtürken blenden aus, was in ihrer zweiten Heimat passiert. Die Menschenrechts- und Rechtsstaatsverletzungen betreffen sie ja auch nicht. Die Türkei kennen sie meist nur als Urlaubsland - und aus den türkischen Medien. Dort ist im Staatsfernsehen inzwischen auf allen Kanälen ein weichgezeichnetes Bild von Erdogan zu sehen: Präsident Erdogan, der einen Tunnel eröffnet, Präsident Erdogan, der die Wirtschaft in Schwung bringt, Präsident Erdogan, der für die Menschen da ist. Die massive Kritik an der Türkei in deutschen Medien nehmen sie zwar auch wahr. Doch Angriffe auf die Identifikationsfigur Erdogan bewirken dann oft eine Art Reflex: Jetzt erst recht hinter dem Präsidenten stehen.

Erdogan, so die Einschätzung vieler Experten, wird vor allem positiv wahrgenommen. Als derjenige, der der Türkei einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert hat und für politische Stabilität im Land sorgt. Immerhin regiert seine AKP seit 15 Jahren das Land. Angesichts der aktuellen Krisen - vom gescheiterten Putschversuch, dem Krieg im benachbarten Syrien, bis zu den Terroranschlägen - halten viele Erdogan für den richtigen Mann der Stunde.

Auch der Deutschtürke Talat Kamran sorgt sich, dass der Demokratisierungsprozess in der Türkei völlig zum Erliegen kommen könnte. Kamran ist als Leiter des Mannheimer Instituts für Integration und interreligiösen Dialog stets mit vielen in der türkischen Community im Gespräch. Er betont immer wieder: Erdogan verkörpere, zumindest für traditionelle Türken, vor allem Heimat und Identität. Die ständige Erdogan-Schelte hält er für überzogen. Viele hätten in erster Linie Angst vor einem Bürgerkrieg in der Türkei. "Von daher schaut man nicht vom Standpunkt Rechtsstaatlichkeit und Freiheit aus, sondern vom Standpunkt der Stabilität", sagt Kamran.

Wie das Referendum am Ende ausgehen wird, ist nur schwer abzusehen. Nicht alle AKP-Anhänger werden automatisch auch für einen Ein-Mann-Staat stimmen. Eines sollte man jedoch bei all den hochkochenden Emotionen nicht vergessen: Die meisten Deutschtürken haben mit Politik nicht viel am Hut. Sie seien weder für noch gegen Erdogan, sondern völlig indifferent, sagt der Psychologe und Türkei-Experte Uslucan und vermutet: Am Referendum werde die Mehrheit der wahlberechtigten Deutschtürken gar nicht erst teilnehmen.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen

Mehr zum Thema

Weitere Beiträge anzeigen