Wer von den neuen Ausreise-Regelungen der Ukraine profitiert
28. August 2025
An diesem 28. August sind in der Ukraine neue Regelungen für die Ausreise von wehrpflichtigen jungen Männern in Kraft getreten. Sofern sie nicht älter als 22 Jahre sind, können sie nun ungehindert die Grenze überqueren. "Wir wollen, dass die Ukrainer maximal Kontakt zur Ukraine halten", sagte Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko nach dem Beschluss.
Damit setzt die Regierung eine Initiative des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj um, der Anfang August versprochen hatte, die Grenze für junge Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren zu öffnen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 war es 18 bis 60 Jahre alten Männern untersagt, die Ukraine zu verlassen. Die Basis für diese Entscheidung war das Kriegsrecht und die allgemeine Mobilmachung. Zunächst wurden jedoch nur Männer ab 27 und seit April 2024 auch die 25-Jährigen zur Armee eingezogen.
"Ziel ist es, jungen Ukrainern vor allem bessere Möglichkeiten für ein Studium, für Praktika und legale Beschäftigungen im Ausland zu eröffnen, damit sie Erfahrungen sammeln und diese später beim Aufbau der Ukraine einsetzen können", schrieb der ukrainische Innenminister Ihor Klymenko auf Telegram. "Wir tun unser Bestes, um sicherzustellen, dass die ukrainische Jugend Zugang zu hochwertiger Bildung und internationaler Erfahrung hat und gleichzeitig ein starker Bestandteil unseres Staates bleibt."
Auslandsreisen bis zum 23. Geburtstag
Oberst Andrij Demtschenko, Sprecher des Grenzdienstes der Ukraine, bestätigte der DW, dass Männer bis zu ihrem 23. Geburtstag die Grenze nun ungehindert überqueren könnten.
Allerdings würden die neuen Regelungen nicht für Personen gelten, die bestimmte Ämter in Behörden, staatlichen Stellen und Organen der lokalen Selbstverwaltung innehaben. "Auslandsreisen dieser Personengruppe können nach wie vor nur im Rahmen einer Dienstreise durchgeführt werden", sagte der Oberst.
Verliert die Ukraine ihre jungen Menschen?
Weil Männer im wehrfähigen Alter bisher nicht ausreisen durften, haben Eltern ihre Kinder massenhaft außer Landes gebracht, noch bevor sie die Volljährigkeit erreichen. So konnten sie im Ausland studieren und gleichzeitig einer Einberufung entgehen, falls das Einberufungsalter herabgesetzt wird. Für die Ukraine, die zunehmend junge Männer zu verlieren begann, wurde das zu einem ernsthaften Problem.
"Wir mobilisieren keine Menschen unter 25 Jahren. Und es ist falsch, ihnen die Möglichkeit zu nehmen, das Land zu verlassen oder nach Hause zurückzukehren, wenn sie bereits im Ausland studieren. So verlieren wir eine ganze Generation. Die jungen Menschen fürchten eine Rückkehr, weil sie dann nicht mehr ausreisen können", sagt Fedir Wenislawskyj der DW. Der Abgeordnete der Regierungspartei "Diener des Volkes" gehört dem Ausschuss für nationale Sicherheit, Verteidigung und Geheimdienste an.
Welche Folgen hat der Regierungsbeschluss?
Sozialforscher Oleksandr Hladun wundert sich über solche Argumente. Er glaubt nicht, dass ein legaler Auslandsaufenthalt zur Rückkehr junger Menschen beitragen wird. "Dieser Beschluss führt dazu, dass Leute weggehen, niemand wird zurückkehren", sagt das Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine im DW-Gespräch. "Einerseits heißt es von den Behörden, an der Front und im Hinterland gebe es nicht genug Menschen und dass Ausländer für Arbeitsplätze gebraucht würden, und dann wird die Ausreise von Männern begünstigt." Hladun findet, dieser Schritt werde die demografischen Probleme in der Ukraine noch verschärfen.
Gerade unter den Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren möchten viele dauerhaft im Ausland leben. Das ergab eine im Sommer durchgeführte Befragung des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts "Rating". "Etwa zehn Prozent aller Ukrainer sagen, dass sie gerne ständig im Ausland leben würden", sagt "Rating"-Meinungsforscher Oleksij Antypowytsch. "Bei Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren liegt dieser Anteil bei etwa 20 Prozent - also bei jedem Fünften. Das ist ziemlich viel."
Doch der Experte sieht darin kein großes Problem. "Es ist klar, dass vor allem junge Männer ins Ausland wollen, weil sie ab einem Alter von 25 Jahren zur Armee eingezogen werden können. Aber seien wir ehrlich: Wir sind im vierten Kriegsjahr und alle Eltern, die ihre Kinder außer Landes oder zum Studium ins Ausland bringen wollten, haben dies bereits getan", glaubt Antypowytsch. "Daher wird dies keine kritischen Auswirkungen auf die demografische oder sonstige Lage im Land haben."
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk