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Bildung

Wer wählt, ist schlau?

Mara Bierbach
24. Juni 2018

Je gebildeter ein Mensch, desto eher beteiligt er sich politisch. Warum das so ist, erklärt Wahlforscherin Sabrina Mayer im DW-Interview. Außerdem: Wie schlau sind die Wähler der deutschen Parteien?

Deutschland Universität Leipzig Studenten im Hörsaal Vorlesung
Bild: picture-alliance/dpa/J. Woitas

Deutsche Welle: Je weniger gebildet jemand ist, desto eher wählt er Populisten. Dieser Glaube ist weit verbreitet. Aber stimmt das?

Sabrina Mayer: Das ist eine These, die viele vertreten. Aber wenn wir uns beispielsweise die Wähler der AfD angucken bei der Bundestagswahl, können wir das nicht unbedingt bestätigen. Die AfD hat die meisten Wähler eigentlich aus den mittleren Bildungsschichten und nicht unbedingt so viel mehr Wähler mit Hauptschulabschluss.

Menschen mit höherem Bildungsstand beteiligen sich mehr an der Politik in Deutschland - das heißt, jemand mit Uniabschluss geht mit höherer Wahrscheinlichkeit wählen und schließt sich eher einer Partei an als Menschen ohne Schulabschluss. Das ist eine Erkenntnis aus dem neuen Bildungsbericht, der heute erschienen ist. Gilt diese Tendenz auch über die Bundesrepublik hinaus? 

Ja, das haben wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen westeuropäischen Ländern.

Gibt es da Ausnahmen?

Natürlich gibt es Länder, wo es eine Wahlpflicht gibt. [Anm. d. Redaktion: zum Beispiel in Belgien und Australien.] Da gehen dann natürlich auch wesentlich mehr Menschen aus allen Schichten zur Wahl.

Die Bildungsministerin Anja Karliczek (Mitte) hat am Freitag den neuen Bildungsbericht vorgestelltBild: picture-alliance/dpa/C. Soeder

Warum gibt es diesen Zusammenhang zwischen Bildung und politischer Beteiligung?

Das ist kompliziert. Bildung hängt mit vielen wichtigen psychologischen Faktoren zusammen, die dann wiederum auf die Wahlbeteiligung und dergleichen wirken. Ein Beispiel dafür ist das Wahl-Pflichtgefühl. Viele Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass es ihre Pflicht ist, als guter Bürger zur Wahl zu gehen. Und wer beispielsweise bis zum Abitur zur Schule gegangen ist, hat meist ein stärkeres Wahlpflicht-Gefühl, als jemand, der früher von der Schule abgegangen ist, weil er oder sie mehr Unterricht gehabt hat - in Politik oder Staatskunde.

Aber ist es nicht auch einfach so, dass man die politische Entwicklung besser verfolgen kann, wenn man einen höheren Bildungsgrad hat?

Natürlich spielen politische Bildung und Informationen eine Rolle. Je niedriger man gebildet ist, desto eher sagt man über Politik: Da kenne ich mich einfach nicht aus oder das übersteigt meine Fähigkeiten.

Welche deutschen Parteien haben denn eher Wähler mit hohem Bildungsniveau und profitieren davon, dass bildungsfern oft auch wahlurnenfern bedeutet?

Wir haben natürlich Parteien, die extrem viele hochgebildete Wähler haben. Da zählen vor allem die Grünen dazu. In der deutschen Wahlstudie hatten drei Viertel der Grünen-Wähler Abitur. Und es gibt natürlich Parteien, bei denen die Wählerschaft eher aus niedrigeren Bildungsschichten kommt. Ein Beispiel dafür ist die SPD, wo jeder Dritte einen Hauptschulabschluss hat.

In Deutschland haben die Grünen viel Unterstützung bei Leuten mit Hochschulabschluss, genauso wie die Liberalen von der FDP. Ist das genauso in anderen Ländern mit ähnlichen Parteien? 

Ja, gerade bei den Grünen ist das auch europaweit so, dass sie einen hohen Rückhalt bei dem Teil der Bevölkerung haben, der einen hohen Bildungsabschluss hat. Denn diesem Klientel sind die so genannten post-materialistische Werte - so wie Umweltschutz und politische Freiheiten - besonders wichtig.

Wahlforscherin Sabrina MayerBild: privat

Wie ist das mit der Wählerschaft der Linken in Deutschland? Die wird ja von ihren Gegnern - wie auch die AfD - gerne als bildungsfern dargestellt.

Wenn man sich die Wählerschaft der Linken anguckt, müssen wir eigentlich immer zwischen Ost und West trennen, weil sich die Wähler jeweils ganz anders sich zusammensetzen. Für Westdeutschland stellen wir fest, dass Linken-Wähler tatsächlich überdurchschnittlich oft Abitur haben. Auch im Osten haben die Linken-Wähler eher einen mittleren Bildungsabschluss als beispielsweise einen Hauptschulabschluss.

Wir haben jetzt so ein bisschen alle deutschen Parteien angeschnitten, außer der CDU/CSU. Wie würden Sie den Bildungsstand der Union-Wähler beschreiben?

Die CDU/CSU ist hier sehr langweilig - weil sie ist quasi genau im Bevölkerungsschnitt liegt.

Wodurch zeichnen sich denn Wechselwähler aus?

Es gibt eine leichte Tendenz: Personen, die weniger gebildet sind, wählen öfter eine andere Partei. Aber auch das liegt nicht unbedingt direkt am Bildungsgrad, sondern hängt damit zusammen, dass man mit niedrigerer Bildung oftmals weniger Bindung an eine politische Partei hat.

Warum ist die Bindung an eine politische Partei stärker bei Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss?

Weil diese Bindung oftmals schon im Elternhaus vermittelt wird und sich quasi über Generationen fortsetzt. Wenn sich ihre Eltern stark für Politik interessieren, auch parteipolitisch tätig zu sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Eltern das an ihre Kinder weitergeben. Wo hingegen, wenn sie aus dem Elternhaus kommen, wo Politik keine große Rolle spielt und politische Information nicht konsumiert wird, sie oftmals auch keine Parteibindung haben.

Sabrina Mayer arbeitet als Politikwissenschaftlerin und Wahlforscherin an der Universität Duisburg-Essen. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der sozialen Identität von Parteianhängern.

Das Gespräch führte Mara Bierbach.

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