Wie Big Tech den Journalismus verändert
23. Juni 2026
Seit rund zwei Jahrzehnten entscheiden große Technologiekonzerne mit, wie Nachrichten entstehen, wie sie verbreitet und wahrgenommen werden - von Suchmaschinen über soziale Medien bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Doch ihr Einfluss reicht längst über die Medien hinaus bis in die Politik: Unternehmenschefs mischen sich in Wahlkämpfe ein, Regierungen geraten unter Druck.
Wie können Medien und Öffentlichkeit ihre Unabhängigkeit bewahren? Und welche Beziehungen pflegen Journalisten zu den sogenannten Big Tech, also den fünf großen US-amerikanischen Technologie-Konzernen Alphabet (Google), Apple, Meta, Amazon und Microsoft? Eine Debatte, die auch das Global Media Forum (GMF) der Deutschen Welle an diesem Dienstag in Bonn prägt.
"Wir machen es aus Angst"
Gleich zu Beginn erklärt Courtney C. Radsch, Direktorin des US-amerikanischen Forschungszentrums Center for Media and Digital Governance (CMDG), dass der Begriff "Big Tech" ein Ausdruck von Sorge sei: "Die Gesellschaft setzt das Wort 'Big' vor eine Branche nicht aus Respekt und Bewunderung. Wir machen es aus Angst, in Vorbereitung auf einen Konflikt", sagt sie bei einer von DW-Moderator Jaafar Abdul Karim moderierten Panel-Diskussion des GMF unter dem Titel "Between innovation and dependence: Journalism’s love-hate relationship with Big Tech." (Deutsch: "Zwischen Innovation und Abhängigkeit: Die Hassliebe des Journalismus zu den Big-Tech-Unternehmen.")
Plattformen hätten ihre Macht massiv ausgeweitet - von der Distribution über Monetarisierung bis hin zur Sichtbarkeit von Inhalten. Die Grundlage der Zusammenarbeit werde zunehmend untergraben. "Sind wir Partner, wenn wir den Müll und die Desinformation aufräumen?"
"Die KI braucht uns mehr, als wir sie brauchen"
Journalistische Inhalte würden massenhaft für das Training von KI-Systemen genutzt - oft ohne Vergütung, erklärt Radsch. Dabei spielten Journalisten eine gewichtige Rolle: Denn die journalistischen Inhalte seien das, was "die KI an der Realität" festhalte. "Woher wissen wir, was wir wissen?" Sie warnt vor einem Realitätsverlust, wenn KI nur noch mit KI-generierten Inhalten trainiert werde. Wie bei einer Fotokopie eines Gemäldes weiche jedes weiteres Foto davon ein Stück weiter von der Realität ab.
"Die KI braucht uns mehr, als wir sie brauchen. Zumindest möchte ich das gerne glauben", sagt Radsch. Ihre Schlusswarnung fällt drastisch aus: "Wenn wirtschaftliche und politische Macht in denselben Unternehmen zusammenfallen, dann sehen wir die Architektur eines Techno-Faschismus".
Neue Geschäftsmodelle entwickeln
Cyriac Roeding, Unternehmer und Investor aus dem Silicon Valley, fordert dagegen einen Perspektivwechsel und mehr Eigenverantwortung: "Wir müssen diese Standarddebatte verlassen - Big Tech gegen arme Journalisten". Stattdessen sollten Medien neue Geschäftsmodelle entwickeln, stärker auf Bezahlmodelle setzen und Technologien aktiv nutzen. "Wenn du nicht mit Geld bezahlst, zahlst du mit 'Brainrot'." 'Brainrot' ist ein Slang-Begriff für Inhalte von schlechter Qualität.
Marcela Duarte von der brasilianischen Fact-Checking-Organisation Aos Fatos versteht sich in der Diskussion als die Stimme des Globalen Südens. Bezahlmodelle seien aus ihrer Sicht in Ländern wie Brasilien unrealistisch - weil sich viele diese nicht leisten könnten. "Menschen haben manchmal nicht einmal Geld zum Essen. Ist es fair, dass Menschen für ihren Content bezahlen sollen - ich denke nicht."
Journalismus müsse dort stattfinden, wo das Publikum sei - und das seien nun einmal Plattformen wie Meta oder Google. Erfolgsmodelle wie das Bezahlmodell der New York Times seien nicht in alle Länder übertragbar.
Tödliche Desinformation
Eckart von Hirschhausen, Arzt, Medizinjournalist und Moderator, bringt eine besonders eindringliche Perspektive ein. "Es gibt Menschen, die gerade jetzt aufgrund von Desinformation an Masern sterben." Für ihn geht es in der Diskussion nicht nur um die Beziehung zwischen Big Tech und Medienschaffenden. "Für mich ist das wirklich eine Frage von Leben und Tod."
Er fordert eine klare Verantwortlichkeit der Plattformen - und ein europäisches Netzwerk, dass sich an "allgemeinen Werten orientiert - und nicht an Profit und Lügen".
1400 Medienschaffende aus mehr als 110 Ländern
Das Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn steht in diesem Jahr unter dem Motto "Journalism out loud. Speak. Listen. Act." Mehr als 1400 Medienschaffende aus mehr als 110 Ländern diskutieren bis zum 24. Juni, wie Medien weltweit auf Desinformation, Polarisierung und technologischen Wandel reagieren - und welche neuen Wege sie finden, um ihre demokratische Rolle zu stärken. "Pressefreiheit und Meinungsfreiheit sind kein Luxus. Sie sind unverzichtbar für Demokratie, Sicherheit und freie Gesellschaften", sagte Intendantin Barbara Massing dazu in ihrer Eröffnungsrede.
Zudem wurde an diesem Dienstag der Freedom of Speech Award der DW an den MedienunternehmerJimmy Lai verliehen. Der seit 2020 inhaftierte Gründer der Zeitung "Apple Daily" ist ein prominenter Verfechter von Pressefreiheit und Demokratie in Hongkong. Seine Tochter nahm den Preis stellvertretend entgegen.