Wie gerecht ist Bildung in Deutschland wirklich?
21. Juni 2026
Wie wird aus einer Grundschule, die viele Lehrer vor 20 Jahren so schnell wie möglich verlassen wollten, eine Vorzeigeschule, die sogar mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde? Der Kettelerschule in Bonn ist genau das gelungen: Die Quote der Empfehlungen für das Gymnasium – die höchste weiterführende Schulform in Deutschland, die zum Studium führt – stieg von 0,5 Prozent im Jahr 2007 auf heute 30 Prozent. Zugleich fällt kein Kind mehr durchs Raster, weil jedes individuell gefördert und in kürzester Zeit fit für den Unterricht gemacht wird.
Hinter dieser Erfolgsgeschichte steckt Christina Lang-Winter, die 2004 als junge Lehrerin zur Kettelerschule in Bonn kam und kurze Zeit später als Leiterin anfing, die Schule "auf links zu drehen", wie sie sagt. "Mir war ziemlich schnell klar, entweder gehe ich oder die Schule ändert sich. Ich will, dass unsere Kinder hier alles lernen können, damit sie später genauso gute Chancen haben wie Kinder aus Elternhäusern, in denen Kindern von Anfang an sehr viel ermöglicht wird."
Die Kettelerschule liegt in einem sozial schwachen Stadtteil im Bonner Norden: Fast alle der 250 Schülerinnen und Schüler haben eine Zuwanderungsgeschichte, bei vielen wird zu Hause nicht Deutsch gesprochen. Jedes dritte Kind ist ein sogenanntes Inklusionskind, muss also besonders gefördert werden. In den vergangenen Jahren lag die Schule trotzdem bei allen Leistungstests in Nordrhein-Westfalen über dem Schnitt.
Ein Erfolgsgeheimnis: Als eine ihrer ersten Amtshandlungen setzte Lang-Winter durch, die Schüler in sogenannten "Lernfamilien" jahrgangsübergreifend zu unterrichten. Das heißt: Sechs- und Neunjährige lernen zusammen und unterstützen sich gegenseitig.
Vor allem aber drückt Lang-Winters Team aus Lehrern, Sozial- und Sonderpädagogen den Schülern Bücher in die Hand, insbesondere bei den Erstklässlern hat Lesen absolute Priorität. "Wir brauchen für alle Kinder, die in diesem Land leben, eine so gute Sprachförderung, sodass sie richtig gut sprechen können, sonst funktioniert Bildung nicht. Wenn ich keine Sprache habe, kann ich auch nicht gebildet werden."
Keine Chancengleichheit in deutschen Schulen
Die Leiterin der Kettelerschule spricht etwas an, was eigentlich in Deutschland seit Jahren bekannt ist und jetzt auch wieder im Nationalen Bildungsbericht bestätigt wurde: Der Bildungserfolg hierzulande hängt im internationalen Vergleich weiterhin erheblich von der sozialen Herkunft ab, dem Einkommen und Bildungsgrad der Eltern.
Deutschland liegt laut einer UNICEF-Studie bei den schulischen Kompetenzen 15-Jähriger in Mathematik und Lesen auf Platz 20 von 43 Ländern. So ist es für 15-Jährige aus sozial benachteiligten Familien im Vergleich zu privilegierten Schülern fünf Mal so wahrscheinlich, die Mindeststandards beim Lesen zu verfehlen. Mit fatalen Folgen: Die Zahl der Jugendlichen in Deutschland, welche die Schule ohne Abschluss verlassen, hat sich auf acht Prozent erhöht.
Bundesbildungsministerin Karin Prien will Kitas fördern
Deswegen schlägt auch CDU-Bundesbildungsministerin Karin Prien Alarm und verortet das Problem schon vor der Einschulung: "Was wir jetzt sehen, ist, dass die Bildungsschere sich im Grunde auftut ab der Geburt, sich dann öffnet bis zum 6. Lebensjahr und dann auch nicht mehr kleiner wird. Kinder müssen die deutsche Sprache in der Kita lernen und in ihren sonstigen Entwicklungsdefiziten besser unterstützt werden." Noch vor der Sommerpause will sie das sogenannte Kitaqualitätsentwicklungsgesetz ins Parlament einbringen, mit bundesweit geltenden Qualitätsstandards.
Die Kettelerschule steht deshalb schon vor Schulbeginn in engem Austausch mit den umliegenden Kitas: Jeden Montag und Mittwoch kommen die Vorschulkinder für 90 Minuten in die Schule, gute Leser und Leserinnen besuchen im Gegenzug die Kindergärten und lesen den Vorschulkindern vor. "Früher hieß es, es wird keinen Kontakt mit den Kindern in den Kitas geben, um diese in keine Schubladen zu stecken. Ich habe das umgedreht. Ich möchte vorher alles zu diesen Kindern wissen, um sie frühestmöglich zu unterstützen", sagt Christina Lang-Winter.
Bundesschülerkonferenz fordert mehr Personal
Die fehlende Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem wird auch von den Betroffenen selbst seit Jahren angemahnt. Isabelle Seltenreich, Pressekoordinatorin der Bundesschülerkonferenz, schreibt auf Anfrage der DW dazu: "Bildung sollte nicht von der sozialen Herkunft, den finanziellen Möglichkeiten der Familie oder dem Wohnort abhängig sein."
Sie fordert eine gezielte und langfristige Stärkung benachteiligter Schulen, eine bessere personelle und sächliche Ausstattung, kleinere Lerngruppen, den flächendeckenden Ausbau multiprofessioneller Teams aus Schulsozialarbeitern und -psychologen sowie eine Nivellierung der Unterschiede zwischen den Bundesländern. Ebenso wichtig sei der Ausbau individueller Förderung. "Schule muss in der Lage sein, unterschiedliche Lernvoraussetzungen aufzufangen und jede*n Schüler*in bestmöglich zu unterstützen, anstatt bestehende Unterschiede weiter zu verstärken. Kein*e Schüler*in darf im System verloren gehen."
Bildungsexpertin plädiert für radikalen Umbau des Schulsystems
Ins gleiche Horn stößt auch Silke Müller. "Schule gegen Kinder. Wie ein kaputtes Bildungssystem die Zukunft der nächsten Generation gefährdet" lautet der dazu passende Titel ihres neuen Buches. Die Bildungsexpertin, 16 Jahre lang Lehrerin einer Real- und Mittelschule in Niedersachsen, rechnet darin mit dem deutschen Bildungssystem ab.
Deutschland sei bei den Kindern und Jugendlichen überhaupt nicht chancengerecht unterwegs, sagt auch Müller der DW. Das System sei nicht dazu ausgelegt, jedes Kind gleich zu fördern, stattdessen hänge es allein davon ab, auf welche Personen die Schüler zufällig im Bildungskontext träfen. Ihre perfekte Schule, wie sehe die aus?
"Sie müsste aus den Augen der Kinder heraus gestaltet sein. Sie arbeitet nicht mehr in unterschiedlichen Fächern, denn die Welt ist ja auch nicht in Fächern unterteilt, sondern in Phänomenen und übt Kompetenzen." Vor allen Dingen gehe die Schule weg von der Vergleichbarkeit hin zu Persönlichkeitsentwicklung.
Müller hätte gerne "zwei Lehrkräfte in einem Klassenraum, welche die Kinder unterschiedlich begleiten können. Und ich habe ganz viel echtes Leben in der Schule und bilde Allianzen mit Menschen von außen, die Ahnung haben vom echten Leben und das den Kindern mitgeben können."
Keine wirkliche Bildungsdebatte in Deutschland
Bob Blume geht sogar noch einen Schritt weiter, auch wenn er dies für ein reichlich utopisches Szenario hält. Wie wäre es, fragt sich Deutschlands bekanntester Bildungsinfluencer mit knapp 240.000 Followern auf Instagram, wenn die Schule das schönste Gebäude der jeweiligen Stadt wäre, wo alle Schülerinnen und Schüler gerne lernen wollen. Und nicht wie jetzt Eltern in die Schulen gingen und sagten, in 30 Jahren habe sich fast nichts geändert.
Die Frage, wie wirksame Bildung gelingt, würde allerdings nicht gestellt, weil die Antwort schlichtweg zu komplex sei. "Das zeigt sich auch daran, welche großen Bildungsfragen im Mainstream in der Debatte verhandelt werden. Dann sind das Smartphone-Verbot, Smartphone-Verbot und Smartphone-Verbot. Und vielleicht noch ein Social-Media-Verbot."
Bildung sei die "Schicksalsfrage für unsere Nation", hatte Bundesbildungsministerin Karin Prien jüngst gesagt. Der ehemalige Gymnasiallehrer gibt ihr Recht, jedoch: "Wenn man Umfragen in Bezug auf politische Themen in der Bevölkerung stellt, landet Bildung auch fast jedes Mal auf den ersten drei Plätzen. Aber das bildet sich nicht ab. Ich würde mich sogar aus dem Fenster lehnen und sagen, eine tatsächliche große Bildungsdebatte ist in Deutschland in der Form nicht vorhanden."