Wie Deutschland vom Auswanderer- zum Einwandererland wurde
4. September 2026
"Sie strömen in Scharen herbei, und werden niemals unsere Sprache oder Bräuche annehmen…Bald werden sie uns zahlenmäßig übertreffen ... und sogar unsere Regierung wird ins Wanken geraten."
Man könnte meinen, dass diese diffamierende Worte über Geflüchtete und Asylbewerber aus den Reihen der rechtspopulistischen Partei AFD (Alternative für Deutschland) kommen - doch wer hier so massiv als Integrationsverweigerer beschimpft wird, sind Deutsche. Das harte Urteil fällte im 18. Jahrhundert kein Geringerer als Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA - mitverantwortlich für dieses Bekenntnis in der Unabhängigkeitserklärung: "...dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit."
Auf in die Neue Welt
Genau dieses Streben nach Glück und einem besseren Leben hat über die Jahrhunderte unzählige Menschen dazu bewegt, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung und Diskriminierung aufgrund von Religion, Herkunft oder sexueller Orientierung treibt die Menschen ebenso in die Fremde wie Naturkatastrophen, Armut und Perspektivlosigkeit.
"Migration ist also keineswegs ein Phänomen der Moderne, sondern ein Normalfall menschlicher Existenz", bestätigt der Historiker und Migrationsforscher Jochen Oltmer. Seit der anatomisch moderne Mensch vor etwa 100.000 bis 120.000 Jahren Afrika verlassen und sich über die ganze Welt ausgebreitet habe, gehöre das Phänomen zur Geschichte der Menschheit.
Die Zahl der Deutschen, die zu Franklins Lebzeiten nach Amerika gingen, hielt sich noch in Grenzen - bis 1820 waren es gerade einmal 150.000. Nicht selten wurden sie von Landsleuten angelockt, die ihre vermeintliche Auswanderer-Erfolgsgeschichte zum Besten gaben und ihren in kürzester Zeit erworbenen Wohlstand priesen. Was die meisten nicht wussten: Die Werber erhielten ein Kopfgeld für jeden Migranten.
Heute würde man von Schleppern sprechen, die migrationswilligen Menschen das Blaue vom Himmel versprechen. Auch die lebensgefährlichen Fahrten in überladenen Schlauchbooten erinnern an frühere Zeiten. "Die Überfahrt auf einem Segelschiff kostete ungefähr das Jahresgehalt eines Handwerkers", erzählt Simone Blaschka vom Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven. "Um sich das leisten zu können, mussten die Familien all ihr Hab und Gut verkaufen."
Eine Reise ins Ungewisse
Sie ahnten wohl kaum, was sie auf der monatelangen Reise an Bord erwartete: unter Deck auf engstem Raum zusammengepfercht, geplagt von Flöhen, Wanzen und Ratten. Der Proviant bestand meist aus steinhartem Schiffszwieback, salzigem Fleisch und fauligem Brei, das oftmals verseuchte Trinkwasser schmeckte modrig. Reihenweise erkrankten die Menschen an Ruhr, Typhus, Pocken und Skorbut.
In seinem Buch "Reise nach Pennsylvanien im Jahr 1750" berichtet der Schulmeister und Organist Gottfried Mittelberger 1756, was er bei seiner Reise nach Übersee erlebt hatte: "Viele Leute winseln, seufzen und schreyen nach ihrer Heimath erbärmlich, hernach kommt noch bey den meisten das Heimweh darzu, daß also in solchem Elend viele hundert Menschen notwendiger Weise verderben, sterben, und ins Meer geworfen werden müssen."
Einmal in Amerika angekommen, sei die Mehrzahl seiner Mitreisenden regelrecht versteigert worden - nämlich die Habenichtse, die umsonst auf den Schiffen hatten mitfahren dürfen, nachdem sie sich zu einer mehrjährigen Schuldknechtknechtschaft verpflichtet hatten. In Amerika wurden diese Verträge verschachert: Familien wurden zerrissen; Eltern sahen sich gezwungen, ihre Kinder zu verkaufen, so Mittelberger.
Eine Einladung der russische Zarin
Zeitgleich zu diesen frühen Amerika-Migranten war ein großer Auswanderungs-Treck nach Osten gezogen: Sie folgten dem Ruf der russischen Zarin Katharina der Großen. Am 22. Juli 1763 hatte sie ein Einladungsmanifest verfasst und Menschen aufgerufen, nach Russland zu kommen. Ihr Ziel: menschenleere Gebiete urbar zu machen. Sie versprach den Neuankömmlingen freien Transport zum gewählten Wohnort, kostenloses Land, erste steuerfreie Jahre, Befreiung vom Militärdienst, Schulunterricht und einen politischen Sonderstatus. So konnten sie Deutsch als Sprache beibehalten und sich weitgehend selbst verwalten.
Im 19 . Jahrhundert allerdings wurde der amerikanische Kontinent wieder Sehnsuchtsort Nummer eins: "Die Bevölkerung in Deutschland hat sich im 19. Jahrhundert fast verdoppelt, da kann man sich vorstellen, was auf dem Arbeitsmarkt los war", erzählt Simone Blaschka. Hinzu kamen Missernten und Hungersnöte. "Die Menschen sahen keine Zukunft für sich und ihre Kinder und beschlossen auszuwandern."
Rund sechs Millionen Deutschen zog es in die Neue Welt - nicht zuletzt verführt von W. E. Eggerlings 1832 erschienenem Auswanderer-Handbuch "Kurze Beschreibung der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika", in dem er schwärmt: "Der rechtliche, kluge und tätige Mann lebt nirgends so gut, so frei, so glücklich als in Amerika, der ärmste besser als der in Europa zwei Stufen höherstehende."
Migration: Belastung oder Bereicherung?
Und die Deutschen waren beileibe nicht die Einzigen, die ihre Heimat verließen. "Wir haben es von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg wahrscheinlich mit ungefähr 60 Millionen Europäerinnen und Europäern zu tun, die den Kontinent verlassen", so Oltmer. Mitte des 20. Jahrhunderts habe sich das Blatt gewendet, aus dem Auswanderungskontinent Europa sei ein Einwanderungskontinent geworden.
"Und die Frage, inwieweit Migration eher eine Belastung oder eher eine Bereicherung darstellt, ist explizit verbunden mit den Fragen nach Entwicklung von Ökonomie und Arbeitsmarkt. Wenn der Blick auf die Zukunftsaussichten der eigenen Gesellschaft eher positiv ist, dann ist auch der Blick auf die Migration positiver geprägt. Sind die Zukunftserwartungen eher negativ, dann auch die Einstellung gegenüber Migranten."
Im Wirtschaftswunderland der jungen Bundesrepublik in den 1950er und 60er-Jahren schien die Zukunft vor allem rosig. Ab dem Jahr 1956 hielten die damals so genannten "Gastarbeiterzüge" in den Bahnhöfen von Stuttgart, Dortmund oder Köln, an Bord Italiener, Griechen, Spanier Portugiesen, Jugoslawen oder Türken - angeworben mit verheißungsvollen Versprechungen auf einen gutbezahlten Arbeitsplatz. Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 kamen insgesamt rund 14 Millionen Menschen "Gastarbeiter" nach Westdeutschland, etwa drei Millionen von ihnen blieben dauerhaft.
Falsche Prämisse der Bundesregierung: "Wir sind kein Einwanderungsland"
Als Einwanderungsland verstand sich Deutschland trotzdem nicht: "Wir hatten es ganz lange mit der Vorstellung zu tun: Egal, aus welchen Gründen Menschen in die Bundesrepublik gekommen sind, sie sind nicht zugehörig, weil sie ja ohnehin wieder aus dem Land verschwinden werden", so Oltmer. "Und weil sie wieder weggehen, besteht auch keine Notwendigkeit, sich in irgendeiner Weise um sie zu kümmern."
Laut dem Statistischen Bundesamt hatte im Jahr 2025 über 30 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund. Dass viele der Enkel-oder Urenkelgeneration sich immer noch nicht zugehörig fühlen, habe mit der Perspektive der Ankunftsgesellschaft zu tun. "Eine wirkliche Akzeptanz hat es nur sehr begrenzt gegeben; wenn sie überhaupt da war, dann musste sie zu einem sehr guten Teil erkämpft werden."
Wer ist willkommen - und wer nicht?
Gut ausgebildete ausländische Arbeitskräfte werden von Deutschland angesichts des Fachkräftemangels mittlerweile umworben; Geflüchtete erhalten nur Asyl, wenn sie in ihrer Heimat politisch verfolgt werden. Als Migrationsforscher setzt sich Jochen Oltmer immer wieder mit der Frage auseinander, warum manche Migranten akzeptiert werden und andere nicht. Eine Frage, die sich auch im Jahr 2015 stellte, als verstärkt Geflüchtete nach Deutschland kamen: "Es hieß: 'Okay, ihr Menschen aus Syrien, ihr habt vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Syrien ein Anrecht auf Schutz'. Diese Gesellschaft sagt aber gleichzeitig auch im Blick auf Menschen aus Afghanistan: 'In eurem Fall sind wir schon ein Stück weit skeptischer'."
Migration und Asyl sind in Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern Dauerbrenner in der politischen Debatte. Oltmer sieht die Politik in der Pflicht, diese Diskussion zu moderieren. Asyl mache gerade mal zehn Prozent der Migrationsbewegung nach Deutschland aus, sagt er. Der allergrößte Teil habe nichts mit dem Thema Flucht zu tun. "Das heißt also, wenn es um das Skandalisieren und die Produktion bestimmter negativer Bilder geht, haben wir es mit einer massiven Verzerrung der Debatte zu tun."
Die Nachkommen der deutschen Auswanderer, die von Benjamin Franklin einst als "pfälzische Bauerntrampel" tituliert wurden, haben sich längst bestens in die US-amerikanische Gesellschaft integriert.
Integration in der Bundesrepublik verläuft dagegen eher schleppend. Man habe es mit einer "fulminanten Verspätung" zu tun, so Oltmer. "Es gibt für viele Menschen keine Möglichkeit, ihren Status zu regularisieren und einen stabilen Aufenthaltstitel zu erhalten, obwohl alle Beteiligten wissen, dass sie bleiben können und dass sie bleiben werden." Man müsse sich also dringend zusammensetzen und klären, wie die bundesdeutsche Gesellschaft der Zukunft aussehen solle. "Das ist keine Diskussion, die man gewissermaßen immer nur relativ nett in seiner eigenen Blase führen kann, sondern das ist eine im Zweifelsfall sehr harte, auch verletzende Diskussion. Aber anders geht es nicht."