1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Wie die Klassikszene neue Fans gewinnt

Gaby Reucher
25. September 2025

Wo Klassik draufsteht, ist längst nicht mehr nur Klassik drin. Mit viel Kreativität gehen Interpreten und Veranstalter neue Wege. Inspiration kommt dabei von jungen transkulturellen Musizierenden.

Ein Mann (Juri de Marco) spielt im Freien vor einem bemalten Haus und einer Bushaltestelle auf seiner Trompete.
Juri de Marco macht Leute auf der ganze Welt mit seiner Taschentrompete neugierigBild: Beethovenfest Bonn

Wenn Juri de Marco die Hand hebt und mit seiner kleinen Taschentrompete einen Ton vorgibt, bringt er Menschen zum Singen und Musizieren, egal ob im Konzertsaal oder auf der Straße. Und das ganz ohne Noten. Nur durch seine Handbewegungen finden die Menschen zu einem eigenen gemeinsamen Klang.

Was Juri de Marco macht, nennt sich "Community Music". "In der klassischen Hochkultur geht es viel um Perfektion, Interpretation und Notentreue", sagt de Marco im Gespräch mit der DW. Community Music bedeutet für ihn dagegen "Musik machen auf Augenhöhe", wobei das soziale Miteinander zwischen Menschen verschiedener Altersgruppen und Kulturen genauso im Mittelpunkt stehe wie die Musik.

In Deutschland wird immer mehr Musik gemacht

Juri de Marco trifft einen Nerv der Zeit, denn laut einer Studiedes Musikinformationszentrums (miz) gibt es in Deutschland wieder mehr Menschen im Amateurbereich, die selbst musizieren und singen, auch ohne jeglichen Musikunterricht. Ihre Zahl ist in den vergangenen vier Jahren um zwei Millionen auf 16,3 Millionen Menschen gestiegen.

"Besonders in der Altersgruppe bis 15 Jahre machen fast die Hälfte aller Kinder Musik", freut sich Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats, der Dachorganisation für Musikkultur in Deutschland. 

Neugier wecken mit Erlebnismusik

Kinder, die schon früh an Musik herangeführt werden, sind die Konzertbesucher von morgen. Um junge Leute werben Veranstalter im Bereich der Klassischen Musik derzeit besonders. Spezielle Programme und neue Konzertformate sollen die Neugier von Zielgruppen wecken, die sonst nicht den Schritt in die Konzertsäle wagen.

Beim Beethovenfest spielte das Aurora Orchestra Schostakowitschs 5. Sinfonie auswendigBild: Neklame Klasohm

Was die Menschen bewegt, überrascht oder zum Staunen bringt, findet Anklang. So spielt das Aurora Orchestra aus London ganze Sinfonien auswendig, Juri de Marco macht die Leute mit seiner Taschentrompete neugierig und das Duo "Synaptic" greift psychische Seelenzustände im Stil eines Live-Podcasts auf.

Hinter dem Duo "Synaptic" stecken Pianistin Adele Thoma und Sängerin Theresa Szorek. Franz Schuberts melancholischen Liedzyklus "Winterreise" kombinieren sie mit Sprechtexten und mit Neuer Musik von Bernhard Lang zu einem szenischen Liederabend. Lang hat sich selbst musikalisch in "The Cold Trip" mit der Winterreise auseinandergesetzt. "Uns beschäftigt dabei, wie wir als Gesellschaft mit psychischer Belastung umgehen, so wie sie auch die Hauptfigur in der Winterreise durchlebt", erläutert Adele Thoma. Das Programm ist wie ein moderner Live-Podcast gestaltet, bei dem man gespannt das Leid eines Menschen mit einer Mischung aus Interesse und Voyeurismus verfolgt.Wie kommt man aus der Nische in die Öffentlichkeit?

Viele Musiker und Musikerinnen versuchen mit besonderen Programmen passende Nischen auf dem Konzertmarkt zu finden. Danae Dörken und Pascal Schumacher haben gerade ein neues Album mit Klavier und Vibraphon aufgenommen, mit schnell getakteten rhythmischen Klängen des Komponisten Philip Glass.

 

Die sphärischen Klänge des Vibraphons ziehen das Publikum besonders in Bann. "Das war auch für mich als klassische Pianistin eine ganz neue Welt", sagt Danae Dörken der DW beim Bonner Beethovenfest. Der Luxemburger Pascal Schumacher kommt aus der Jazzmusik. Er weiß, dass sein Instrument nicht dem Mainstream entspricht. "Das ist sehr besonders, wenn man versucht, etwas mit dem Vibraphon zu machen, da muss man sich immer wieder neu erfinden."

Danae Dörken und Pascal Schumacher ziehen das Publikum mit ihren sphärischen Klängen in BannBild: Michael Staab

Womit kann man klassische Musik kombinieren?

Antje Valentin vom Deutschen Musikrat sieht großes Potenzial in Konzerten mit neuen Formaten. Besonders dann, wenn es um die Mischung mit Musik anderer Kulturengeht. "Da sehe ich eine enorme Entwicklung mit transkulturellen Ensembles, wenn man das mit Klassik mischt."

Ein Beispiel ist Bernhard Schimpelsberger, der bei einem indischen Guru die Rhythmen und Melodien des Landes studiert hat. Er bringt Percussion-Instrumente aus aller Welt in klassische Konzerte. In Südafrika hat er den Cellisten Abel Selaocoe getroffen. "Abel spielt Bach und singt darüber afrikanische Hymnen. Das ist Wahnsinn." Mit ihm zusammen hat er lange im Duo gespielt. 

 

Selaocoe hat ein Orchesterwerk geschrieben, in dem er klassische und südafrikanische Musik verbindet und Schimpelsberger die Percussion spielt. Seit zwei Jahren treten die beiden mit diesem Werk gemeinsam auf. "Das spielen wir ständig mit neuen Orchestern in der ganzen Welt und so bin ich selbst in die Klassik reingerutscht", sagt Schimpelsberger.

Ohne Social Media geht es nicht

Auch Juri de Marco ist in die Welt gezogen, er war in ganz Europa, in Nepal und Istanbul, um Musik anderer Kulturen für ein Beethoven-Projekt zu sammeln. Beim Bonner Beethovenfest hat er aus dem Nichts einen Stadtteil-Chor ins Leben gerufen. Jetzt arbeitet er an einem Video über den Chor für Social Media.

Juri de Marco hat für das Beethovenfest in Bonn einen Chor gegründet. Vorkenntnisse waren nicht erforderlich.Bild: Beethovenfest Bonn

Ohne den Auftritt in den sozialen Medien ist es heute fast unmöglich Aufmerksamkeit zu erregen. Die junge britische Orgel-Influencerin Anna Lapwood ist damit sehr erfolgreich: Sie hat mehr als zwei Millionen Follower auf ihren Social Media Kanälen.

Natürlich müsse man sich ständig um den Account kümmern und neue Inhalte posten, meint Vibraphonist Pascal Schumacher: "Es hat aber den Vorteil, dass man relativ leicht und schnell ein gezieltes Publikum erreichen kann."

Für Juri de Marco sind Klickzahlen und Follower nicht so wichtig. Seine Videos sollen immer zu einer wirklichen Begegnung führen. "Gerade wenn man Musik interkulturell macht, entsteht sehr schnell ein gefühltes Verständnis für eine andere Kultur", sagt er. In der heutigen Zeit könne das ein wichtiger Beitrag zur gegenseitigen Akzeptanz sein. 

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen