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KonflikteUkraine

Ukraine-Krieg: Wie durchlässig ist Russlands Luftabwehr?

Alena Zhabina
22. Juni 2026

Einst galt Russlands Luftabwehr als undurchdringlich. Nun stellen ukrainische Drohnen sie zunehmend auf die Probe. Ein Angriff Mitte Juni auf Moskau hat eine Debatte über die Schwachstellen der Verteidigung entfacht.

Autos im Stau, dahinter dichte schwarze Rauchwolken über der Ölraffinerie von Gazprom Neft
Am 18. Juni setzten ukrainische Drohnen eine Ölraffinerie in Brand - hier der aufsteigende Rauch -, die der Region Moskau rund 40 Prozent des Kraftstoffs liefertBild: Sefa Karacan/Anadolu/picture alliance

Ukrainische Drohnen scheinen immer häufiger der russischen Luftabwehr zu entgehen und kritische Infrastruktur zu treffen. Kürzlich trafen sie Ziele auf der ukrainischen Halbinsel Krim , die seit 2014 von Russlands besetzt ist.

Doch sie erreichen auch Ziele tief im russischen Kernland, wie der bisher größte ukrainische Drohnenangriff auf Russland seit Kriegsbeginn zeigt: Am 18. Juni trafen die unbemannten Flugobjekte etliche Ziele in vielen Teilen Moskaus. Dabei geriet unter anderem eine Ölraffinerie in Brand, die rund 40 Prozent des Kraftstoffs der Region liefert. Die Produktion scheint nach dem Angriff für mehrere Tage zum Erliegen gekommen zu sein. Der Hauptstadt-Flughafen, der größte Russlands, wurde zeitweise geschlossen.

Eine Debatte über Lücken im Verteidigungsnetz des Landes entbrannte. Auch weil Augenzeugen die sozialen Medien mit Aufnahmen fluteten, die den Anschein erweckten, als sei die russische Luftabwehr unfähig, die Drohnen abzufangen. "Bei Laien entsteht dieser Eindruck, wenn sie sehen, wie eine Abwehrrakete an einer Drohne vorbeifliegt, ohne sie zu treffen", sagte Ruslan Leviev, ein russischer Dissident, Militäranalyst und Gründer der investigativen Gruppe Conflict Intelligence Team, der DW.

Pro-Kreml-Blogger fordern radikale Reformen

Der im Exil lebende russische Journalist Ivan Filippov verfolgt kremlfreundliche Blogger. Sie seien zunehmend beunruhigt, weil die Ukraine eine Lücke in der russischen Verteidigung entdeckt haben könnte. Deshalb würden sie radikale Reformen im Verteidigungsministerium und im "militärisch-industriellem Komplex" Russlands fordern: "Sie wollen nicht, dass der Krieg aufhört - sie wollen einen effektiveren Krieg." Allerdings äußerten sie sich eher pessimistisch, sagt Filippov: "Ich glaube, sie verstehen sehr wohl, dass diese Reformen unmöglich sind."

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Der ehemalige Luftwaffenoffizier Anatoliy Khrapchynskyi führt das Durchbrechen der Moskauer Luftabwehr am 18. Juni auf zwei Entwicklungen zurück: eine systemische Verschlechterung der russischen Verteidigungsarchitektur und die technologische Weiterentwicklung der ukrainischen Angriffsfähigkeiten.

Der Militäranalyst Leviev bezweifelt dies. Sein Team habe keine Schwächung der russischen Verteidigung festgestellt. Schließlich seien bei dem Angriff tatsächlich mehr als 90 Prozent der Drohnen abgefangen worden. Allerdings hätten die wenigen, die ihre Ziele erreichten, erheblichen Schaden angerichtet.

Für Leviev ist die schiere Menge das Kernproblem. Das Ausmaß der Angriffe stellt sowohl Russland als auch die Ukraine vor dieselbe Herausforderung: Massenangriffe mit Drohnen erfordern mehr Ausrüstung, als jede Industrie liefern kann.

Russlands inhärente und hausgemachte Schwächen

Russische Abwehrsysteme, darunter das Pantsir-S1, seien dafür konzipiert worden, klassische, große Flugobjekte wie Marschflugkörpern abzufangen, erklärt Luftwaffenexperte Khrapchynskyi. Sie arbeiteten mit Radartechnik, die metallene Objekte lokalisiert. Moderne kleine Drohnen seien für sie praktisch unsichtbar, weil diese häufig aus Verbundwerkstoffen wie Kunststoff und Sperrholz bestünden.

Moderne Drohnen lassen sich leicht transportieren und sind extrem flexibel einsetzbarBild: Diego Herrera Carcedo/Anadolu Agency/IMAGO

Aber auch Russlands schiere Größe ist eine Herausforderung für sich. Der Aufbau einer lückenlosen "Luftmauer" oder eines einzigen "Schirms" sei unmöglich, sagt der Dissident Leviev. Moskau sei aufgrund seiner hohen städtischen Bebauungsdichte ein noch leichteres Ziel: Je dichter und höher die Bebauung, desto leichter könnten sich Drohnen vor Radarsystemen hinter Gebäuden verstecken.

Die Ukraine macht sich dies zunutze. Khrapchynskyi sieht erhebliche Fortschritte bei Kiews Planung komplexer Flugwege für Langstrecken-Drohnen, um potenzielle Abfangzonen zu umgehen.

Hat Russland seine Luftabwehr ausgedünnt?

Da Russland im Laufe des Kriegs Teile seiner Luftabwehr in die besetzten ukrainischen Gebiete verlegt habe, sagt Khrapchynskyi, könnten diese Lücken gewachsen sein. Russland habe damit sein ehemals mehrschichtiges Luftabwehrsystem zu einem Flickenteppich gemacht.

Die besten Luftabwehrsysteme bestehen Experten zufolge aus mehreren Schichten, bei denen verschiedene Abfangsysteme in unterschiedlichen Höhen operieren und auf unterschiedliche Arten von Angriffswaffen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, darunter Raketen und Drohnen, spezialisiert sind.

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Der US-Sender CBS zitiert zudem ukrainische Quellen, nach denen Russland möglicherweise nur noch über wenige S-300-Systeme verfügt - eine Baureihe von Langstrecken-Boden-Luft-Raketen. Die Vermutung lautet, dass Sanktionen gegen Russland die Beschaffung von Ersatzteilen behindert haben.

Khrapchynskyi führt die Engpässe darauf zurück, dass Russland seine S-300-Raketen für Boden-Boden-Angriffe auf die Ukraine umfunktioniert und dadurch aufgebraucht hat, um die ukrainische Luftabwehr zu überwältigen: "Russland ist in die Falle genau jener Kriegsmathematik geraten, die es einst selbst angewandt hat", schlussfolgert er.

Der Kreml betreibt Schadensbegrenzung 

Nach dem Angriff auf Moskau am 18. Juni schien die russische Regierung beunruhigter über die Macht der Bilder als über den Angriff selbst. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte, die russische Luftabwehr habe angemessen reagiert, und forderte die Bevölkerung auf, ihre Aufmerksamkeit lieber den russischen Angriffen auf die Ukraine zu widmen. "Das Filmmaterial ist beeindruckend – es zeigt die Ergebnisse der Angriffe unserer Streitkräfte. Diese Angriffe werden fortgesetzt", sagte Peskow.

Der Kreml spiele den Angriff herunter, sagt Leviev. Tatsächlich hätten die Drohnenangriffe vom 18. Juni militärisch gesehen wenig verändert. Solche Angriffe seien eher als "politische Schläge" zu sehen, die die Öffentlichkeit verunsichern - insbesondere vor den Wahlen des russischen Unterhauses, der Staatsduma, im kommenden September.

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