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Politik

Wie ein britischer Arzt aus Moskau der Ukraine hilft

Oleksandr Savytskyi | Alexander Delfinov
14. Februar 2026

Ärzten in der Ukraine fehlt es am Nötigsten. Der aus Moskau stammende britische Arzt Leonid Krivsky schickt ihnen Hilfe. Für eine ganz besondere Spendenaktion überquerte er im Ruderboot allein den Atlantik.

Leonid Krivsky sitzt im Ruderboot bei seiner Atlantiküberfahrt
Leonid Krivsky bei seiner AtlantiküberfahrtBild: Leo Krivsky/Leo's Row

Es ist sehr kalt in Kyjiw - nicht nur, weil es Winter ist. Die ständigen russischen Angriffe haben die Energieversorgung zum Teil zerstört. Vielerorts ist die Heizung ausgefallen. Besonders für Ärzte ist es schwierig, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Zudem mangelt es in der Ukraine am Nötigsten und ohne Hilfe von außen ist es schwer, die Situation zu bewältigen.

Andrij Strokan, stellvertretender Chefarzt der Kyjiwer Feofania-Klinik, zeigt auf eine kleine, sichtlich abgenutzte ukrainische Flagge an der Wand. Darunter hängt eingerahmt in ukrainischer Sprache geschrieben: "Leo Krivsky ist Anästhesist aus Southampton, geboren in Russland. Er überquerte den Atlantik allein. Er legte den ganzen Weg unter dieser Flagge zurück, um ukrainische Ärzte zu unterstützen."

"Er hilft unserer Klinik schon seit geraumer Zeit. Ein Ausdruck dessen ist seine Atlantiküberquerung", sagt Strokan.

Im Jahr 2025 kamen dank der Aktion mit dem Namen "Leo's Row" 60.000 Pfund (ca. 69.000 Euro) zusammen. Leonid Krivsky, der seit 25 Jahren in Großbritannien lebt, überwies das Geld an ukrainische Krankenhäuser. Einige unterstützt er seit Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022, andere schon seit 2014, als Russland die Krim annektierte und Gebiete im Osten der Ukraine besetzte.

Die ukrainische Flagge von Krivskys Boot an einer Wand der Feofania-Klinik in KyjiwBild: Oleksandr Savytskyi/DW

Eine Hilfsorganisation für die Ukraine - gegründet von einem Arzt aus Russland

Leonid Krivsky wurde 1971 in Moskau geboren. Er absolvierte ein Medizinstudium und zog 2002 nach Großbritannien, wo er als Oberarzt für Anästhesie an der Universitätsklinik Southampton arbeitet. Er und seine ukrainische Frau Valeria haben zwei Töchter im Schulalter. Auch Krivsky selbst hat Wurzeln in der Ukraine. Noch zu Sowjetzeiten verbrachte er als Kind die Sommerferien bei Verwandten in der Nähe von Kyjiw.

Seit 2014 war Krivsky nicht mehr in Russland. Als 2022 der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, sammelte er 30.000 Pfund (ca. 34.000 Euro) von Freunden, kaufte wichtige Medikamente und lud sie in einen LKW.

"Ich fuhr nach Lwiw, verteilte die Medikamente persönlich und suchte Schutz in einem Bunker. Danach fuhr ich noch fünf weitere Male dorthin", erzählt Krivsky. Der britische Arzt gründete eine eigene Hilfsorganisation: "Ukrops". Neben dem Wunsch, materiell zu helfen, wollte Krivsky seinen ukrainischen Kolleginnen und Kollegen zeigen, dass sie nicht allein dastehen, dass jemand an sie denkt.

Atlantiküberquerung als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine

Dann kam Krivskyauf eine Idee: eine Überquerung des Atlantiks als besondere Aktion zur Unterstützung der Ukraine. Durch Zufall hatte der Arzt von Bekannten erfahren, dass ein Ruderboot mit dem kuriosen Namen "Happy Socks" zum Verkauf stand. Auf ihm war bereits der Pazifik von Japan nach Amerika überquert worden. Krivsky selbst hatte in seiner Jugend Rudersport betrieben. 

Leonid Krivsky repariert sein Boot "Happy Socks" im Atlantischen OzeanBild: Leo Krivsky/Leo's Row

Die Vorbereitungen für die Atlantiküberquerung dauerten etwa ein Jahr. Am 26. Dezember 2024 stach Krivsky dann vor den Kanarischen Inseln in See und erreichte am 1. April 2025 die Küste von Barbados.

Er ruderte 3000 Seemeilen (etwa 4700 Kilometer) und filmte sich und seine Erlebnisse für seine Website, auf der er Spenden für ukrainische Ärzte sammelt.

96 Tage allein auf dem Atlantik

Erst auf See wurde ihm klar, dass mit dem Boot etwas nicht stimmte. "Die Kabinentür sollte wie in einem Raumschiff sein - also komplett dicht", erzählt Krivsky. Doch die Gummidichtung erwies sich als fehlerhaft und beim ersten Sturm lief das Boot voll. "Ich verlor viel Proviant, alles wurde feucht und begann zu schimmeln. Das war ziemlich beängstigend", gibt Krivsky zu.

Während seines Ruder-Abenteuers hielt er dauerhaft Kontakt mit seinem Team an Land. Doch immer wieder habe er auch Zweifel gehabt, ob er es tatsächlich schaffen würde, sein Ziel zu erreichen, berichtet Krivsky. Beispielsweise in der Silvesternacht, als auf dem Radar direkt auf seinem Kurs ein großes Schiff auftauchte, das die "Happy Socks" leicht hätte versenken können. Der Kapitän hatte Krivskys Boot nicht gesehen und leitete erst im letzten Moment nach einem Funkgespräch eine Kursänderung ein.

Leo Krivsky ruderte unermüdlich. Trotz eines Beinahe-Ausfalls seines Steuerungssystems, trotz eines schlecht abgedichteten Lecks und trotz Ablagerungen am Rumpf, die sich nicht entfernen ließen und das Boot bremsten.

Ukrainische und britische Flaggen auf Leonid Krivskys BootBild: Leo Krivsky/Leo's Row

Die schwierigsten Wochen waren die letzten beiden, erzählt Krivsky. Die Lebensmittel gingen zur Neige und sein Körper war geschwächt. In absoluter Einsamkeit mitten im Atlantik hatte er sogar Halluzinationen. Er habe Schatten auf dem Wasser gesehen, als ob etwas Riesiges unter dem Boot schwimmen würde, berichtet der Arzt.

"Ich fühlte mich wie ein Seeungeheuer und dachte, ich würde es nie ans Ufer schaffen", sagt er. Kurz vor Barbados meldete er sich per Funk bei der Küstenwache und wurde die letzten fünf Meilen in den Hafen geschleppt. Dort sah Leo Krivsky endlich seine Frau und eine seiner Töchter wieder.

Konkrete Hilfe für ukrainische Ärzte

In der Ukraine hat sich Krivsky mittlerweile einen Namen gemacht. Die Feofania-Klinik bekomme von Krivsky vieles, was in der Ukraine nicht erhältlich sei, berichtet Andrij Strokan- vor allem Verbrauchsmaterialien für die Chirurgie, Anästhesie und Intensivmedizin.

"Die Behandlung eines Kriegsverwundeten auf der Intensivstation kostet 300.000 bis 500.000 Hrywnja (bis zu 10.000 Euro), in manchen Fällen sogar bis zu fünf Millionen (98.000 Euro)", so der Arzt. Krivskys Hilfe ermöglicht Operationen. Allein im letzten Jahr konnte die Kyjiwer Klinik dank ihr rund 40  Kriegsverwundete operieren.

Andrij Strokan, stellvertretender Chefarzt der Feofania-Klinik in KyjiwBild: Oleksandr Savytskyi/DW

Walerija Krynitschko, Dozentin an der Medizinischen Universität Charkiw und praktizierende Chirurgin, wandte sich im Sommer 2025 über Facebook an Krivsky. Sie berichtete ihm von ihrer Arbeit an zwei Krankenhäusern, in denen Minenopfer behandelt werden. Daraufhin schickte Krivsky Instrumente für eine Kieferrekonstruktion im Wert von rund 18.000 Euro nach Charkiw. Eine weitere Lieferung wird erwartet. Dank dieser Unterstützung können Ärzte Kriegsopfer kostenlos operieren.

"Es ist wichtig, dass ein Mensch wieder essen, sprechen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, wenn er durch eine Mine im Krieg einen Teil seines Gesichts verloren hat", sagt Krynitschko.

"Ohne Leonids Hilfe hätten wir es schwer", sagt Viktor Rokutow vom Orthopädischen Zentrum in der Stadt Dnipro. Die Klinik behandelt Kriegsopfer, hauptsächlich Familien und Kinder. Sie erhält aus Großbritannien dringend benötigtes Gerät zur Behandlung von Knochenbrüchen. Dank dieser Unterstützung sei das Krankenhaus heute "mit allem ausreichend ausgestattet", so Rokutow. "Leonid und ich stehen in ständigem Kontakt. Er ist immer auf dem Laufenden und fragt, was wir brauchen. Seine Hilfe ist unschätzbar", betont der Arzt.

Das Besondere an seiner Hilfsorganisation sei, so Krivsky: "Dass wir alles persönlich machen. Wir kennen die Menschen in der Ukraine gut, wir schicken nicht einfach irgendwelchen Kram, der entweder unnötig ist oder nicht zu dem passt, was sie bereits haben."

Die Erfahrungen seiner 96-tägigen Atlantiküberquerung, die ihn an die Grenzen des menschlich Möglichen führte, begleiten Krivsky weiterhin - auch bei seinen Projekten für die Ukraine. "Oft fangen wir gar nicht erst an, weil wir uns vor dem Scheitern fürchten. Man muss einfach etwas beginnen und man darf keine Angst haben", sagt er mit einem Lächeln.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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