Wie ein deutscher Unternehmer in Venezuela der Krise trotzt
10. Januar 2026
Immerhin, der Frachter mit den glutenfreien Nudeln ist jetzt unterwegs. Fünf Tage schippert der Dampfer aus Panama Richtung La Guaira, der "Pforte Venezuelas", dem nur 20 Kilometer von der Hauptstadt Caracas entfernten Karibikhafen. Seine Ankunft wird fast sehnsüchtig erwartet. Denn noch niemals hat sich das Nischenprodukt von Thilo Schmitz so gut verkauft wie aktuell die ganz besondere Nudelsorte.
Der deutsch-venezolanische Unternehmer sagt der DW: "In den letzten Tagen sind die Regale mit Nudeln in Venezuela regelrecht leergefegt worden. Auch unsere Nudeln, obwohl die dreimal so teuer sind."
Dass sich in Venezuela Anfang Januar lange Schlangen an den Supermärkten gebildet haben, um sich in diesen Tagen der Unsicherheit mit dem Allernötigsten einzudecken, verschafft Schmitz zumindest ein wenig Luft: Denn das Unternehmen, das er 1996 von seinem Vater übernommen hat, ist eigentlich auf den Verkauf von Büro- und Schulmaterial spezialisiert.
In der Not werden Nudeln zum Importschlager
Eigentlich ein nahezu krisenfester Selbstläufer, denn sechs Millionen venezolanische Schülerinnen und Schüler brauchen immer Hefte, Bleistifte oder Taschenrechner für den Unterricht. Doch in der aktuellen Situation, in der nach dem Machtwechsel von Maduro auf Interimspräsidentin Delcy Rodríguez die Zukunft des Landes in den Sternen steht, sind für die verarmte Bevölkerung glutenfreie Nudeln sicherlich die bessere Investition als eine Papierschere.
Schmitz gibt sich in Bezug auf die politische Entwicklung trotzdem optimistisch: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Regierung mit Delcy Rodríguez jetzt die offene Konfrontation mit US-Präsident Donald Trump sucht. Kurzfristig gehe ich erst einmal von Stabilität aus. Die Bevölkerung wird auch nicht auf die Straßen gehen, dazu haben die Menschen zu viel Angst."
Thilo Schmitz weiß, was es heißt, in Krisenzeiten zu jonglieren, vor ziemlich genau fünf Jahren bricht mit der Coronapandemie und den Schulschließungen seine Sparte Schulmaterial massiv ein. Doch Aufgeben ist für den 1967 in Caracas geborenen Lebenskünstler keine Option, in einem Land, in dem steile Aufstiege, aber seit Maduros Amtsantritt 2013 vor allem bittere Abstürze quasi zur DNA gehören.
Medizintechnik für venezolanische Krankenhäuser im Wartemodus
Schmitz beginnt 2022, Medizintechnik aus Deutschland einzuführen und diese an Krankenhäuser und Arztpraxen zu verkaufen. Doch in diesen Tagen ist selbst das nicht so einfach, denn seit fünf Wochen ist der internationale Flugverkehr nach Venezuela lahmgelegt. Die sogenannten Laparoskopie-Instrumente einer mittelständischen Firma aus Tuttlingen, mit der Bauchoperationen mit minimalinvasiven Schnitten durchgeführt werden, stapeln sich deswegen in den deutschen Lagern.
"Die Werkzeuge sind für zwei Krankenhäuser in Caracas und Valencia, bei einer Blinddarm-Operation brauchst du bei einer minimalinvasiven Operation ja nur drei Löcher im Bauch. Unsere Kunden sind verzweifelt, aber wir wissen auch nicht, wann wir wieder fliegen können. Wir haben große Aufträge im Wert von einer Million Dollar, müssen jetzt aber abwarten."
Lebensgefährdend sei das für die venezolanischen Patientinnen und Patienten noch nicht, betont der Unternehmer. Das könnte sich aber mit seiner nächsten geplanten Investition ändern. Schmitz ist gerade mit einer Firma in aussichtsreichen Gesprächen, die Dialysegeräte und Ersatzteile nach Venezuela liefern will. Hakt es dann beim Transport, könnte dies dramatische Folgen haben.
Auf jeden Fall ist die Lieferung von Medizintechnik eine riesige Marktlücke, denn die Hospitäler Venezuelas seien hoffnungslos veraltet. "Seit 2015 ist in den Krankenhäusern nicht mehr investiert worden. Das heißt, wir haben heute Röntgengeräte, die zwar noch strahlen, aber nicht mehr Weltstandard sind. Das ganze Equipment ist zehn, zwölf, manchmal 14 Jahre alt."
Aus Angst vor den Colectivos-Milizen bleiben Menschen zu Hause
In seinen besten Zeiten hat Schmitz 35 Millionen US-Dollar jährlich mit Schulartikeln umgesetzt und damals sogar Edelfüllfederhalter in acht schicken Montblanc-Läden vertrieben. Und jetzt muss er schauen, in den nächsten Wochen irgendwie über die Runden zu kommen. Im Januar und Februar könnten trotz der fehlenden Einnahmen alle Gehälter an die 45 Mitarbeiter pünktlich bezahlt werden, hat der Unternehmer durchgerechnet, der März werde dann schon schwieriger.
Derzeit ist er vor allem als Seelsorger gefragt: "Meine Leute trauen sich eigentlich nur vor die Tür, wenn es unbedingt sein muss, aus Furcht vor den regierungstreuen Colectivos-Milizen. Viele meiner Mitarbeiter hatten aber keinen Strom, das heißt, die konnten nicht kochen und haben sich die Tage von Brot und Bananen ernährt. Und diese Menschen haben jetzt ganz viele Fragen und erwarten von mir Antworten."
Unternehmer hofft auf Neuwahlen in Venezuela
Schleunigst antworten muss jetzt auch die neue Regierung von Delcy Rodríguez. Insbesondere wie sie die marode Ölindustrie mit den größten nachgewiesenen Rohölreserven der Welt wieder in Schuss bringen will, von der sich auch Donald Trump sprudelnde Einnahmen für US-Unternehmen verspricht. Doch die Infrastruktur für das Heben des schwarzen Goldes ist noch rückständiger als die Medizintechnik in den venezolanischen Krankenhäusern.
Es könnte also alles noch ein wenig länger dauern, bis das Geburtsland von Thilo Schmitz wieder auf die Beine kommt. Der Unternehmer glaubt trotzdem an eine bessere Zukunft Venezuelas: "Wir brauchen vor allem Rechtssicherheit, denn ohne Rechtsstaat keine Investitionen. Die Transition mit einer verfassungsgebenden Versammlung wird vielleicht anderthalb Jahre dauern. Und dann braucht es Neuwahlen."