Wie ein Truppenabzug der US-Armee Vilseck treffen würde
9. Mai 2026
Kann man sich einen schwierigeren Einstieg als Bürgermeister vorstellen, als ihn Thorsten Grädler erlebt hat? Im März hatte der 61-Jährige die Bürgermeisterwahl in dem 6500-Einwohner-Städtchen nahe der tschechischen Grenze gewonnen. Montag, der 4. Mai, war sein erster offizieller Arbeitstag.
Dann, kurz nach dem Mittag, lief die für ganz Vilseck schockierende Eilmeldung über die Nachrichtenticker: 5000 US-Soldaten der dort heimischen sogenannten Stryker-Brigade sollen voraussichtlich in den nächsten Monaten abgezogen werden, eine offizielle Bestätigung steht allerdings noch aus.
Grädler sagt sichtlich bewegt der DW: "Die ersten Reaktionen der Menschen: Angst. Wir leben hier schließlich seit 80 Jahren die große Freundschaft mit unseren US-amerikanischen Mitbürgern." Ihr Motto sei "Home away from home", erzählt er: "Sie fühlen sich hier fern ihrer Heimat zu Hause. Die US-Amerikaner sind bei uns im gesellschaftlichen Leben, im Fußball- oder Musikverein integriert, viele bleiben sogar nach ihrer Pensionierung hier. Auch deutsch-amerikanische Ehen sind absolut keine Seltenheit bei uns."
Trump und Merz streiten - mit Folgen für Vilseck?
Thorsten Grädler muss sich indes fühlen, als sei er an seinem ersten Tag als Bürgermeister mit voller Wucht zwischen die globalen geopolitischen Mühlen geraten. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hatte, sichtlich verärgert über die mangelnde europäische Unterstützung im Iran-Krieg und die Kritik von Bundeskanzler Merz am Vorgehen der USA, neue Zölle auf europäische Kraftfahrzeuge und den Truppenabzug aus Deutschland angekündigt.
Beinahe 40.000 US-Soldaten sind in Deutschland stationiert, nun trifft es wohl Vilseck - in der Nähe von Grafenwöhr, wo die US-Amerikaner ihren mit 233 Quadratkilometern größten Truppenübungsplatz außerhalb der Vereinigten Staaten unterhalten.
Erst hunderte Millionen Euro investieren, dann Truppen abziehen?
Ein Truppenabzug hätte für Vilseck und das ganze Umland dramatische wirtschaftliche Konsequenzen, betont Grädler: "Vom Truppenübungsplatz geht eine Wirtschaftskraft von 650 bis 700 Millionen Euro aus. Das sind Bauaufträge, Großprojekte, Supermärkte, KfZ-Werkstätten und Mietwohnungen, er ist mit 3000 Arbeitsplätzen einer der größten Arbeitgeber in der Region."
Es würden gerade um die 800 Millionen Euro in neue Infrastruktur auf dem Truppenübungsplatz investiert, berichtet der Bürgermeister. "Was für mich die Frage aufwirft, warum man den Standort ausbaut und weiter modernisiert, um dann Truppen abzuziehen?"
Schon 2020 war ein US-Truppenabzug aus Vilseck im Gespräch
Für Sabine Kederer, die Inhaberin des nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernten Traditionshotels Angerer, ist es gerade ein wenig wie Murmeltiertag - der berühmte Film, in dem Hauptdarsteller Bill Murray immer wieder den gleichen Tag erlebt. Schließlich hat die Hotelchefin des Familienbetriebs in 14. Generation beinahe das Gleiche schon einmal vor sechs Jahren durchgemacht.
Auch 2020, in seiner ersten Amtszeit, hatte Donald Trump mit dem Abzug von Tausenden US-Soldaten aus Vilseck gedroht, wegen der Wahlsiegs von Joe Biden wurden diese Pläne jedoch nie Realität. Ihr erster Gedanke: "Nicht schon wieder. Aber so richtig denke ich erst darüber nach, wenn die Entscheidung wirklich getroffen ist, einen Plan B habe ich nicht. 70 bis 80 Prozent der Gäste, die hier übernachten, sind wegen des Truppenübungsplatzes hier."
Während einige Menschen in Vilseck dem Bundeskanzler vorwerfen, dass die Gemeinde nun den Disput zwischen den USA und Deutschland ausbaden müsse, sieht es Kederer so: "Vielleicht hätte er ein wenig diplomatischer sein können, aber ich finde es wichtig, dass unsere Politiker auch mal den Mund aufmachen. Man muss auch andere Meinungen aushalten können."
Viele US-Amerikaner würden gerne bleiben
Vielleicht hat Veronika Varga, die Inhaberin von "Vroni's Hundesalon" respektive "Vroni's Dog Grooming", da ein wenig mehr Glück - denn ihr Geschäft läuft so gut, dass sie wohl auch ohne US-amerikanische Kundschaft überleben könnte. Aber trotzdem: Varga ist vor allem bei den Hundeliebhabern aus den Vereinigten Staaten weit mehr als ein Geheimtipp, mehr als die Hälfte ihrer Kunden sind US-Amerikaner. Ihr Terminplan für Pudel, Labradore und Bichon Frisés ist bis Ende Juni komplett ausgebucht.
Sie sagt der DW: "Ich bekomme gerade ganz viele Anrufe von Menschen, die fürchten, abgezogen zu werden. Die machen jetzt Termine für September, Oktober, November, weil sie Angst haben, dass sie keine mehr bekommen, wenn sie plötzlich gehen müssen. So etwas haben wir hier noch nie erlebt."
Um die 20 Hunde kommen bei ihr pro Tag in den Genuss der Fellpflege. Sind ihre beiden Aushilfen Rebecca und Emily da, können es auch schon einmal 30 Tiere sein. Die 20-jährige Emily ist US-Amerikanerin und hat vor zwei Jahren im Hundesalon angefangen. Sie ist begeistert von Deutschland und erzählt immer noch ein wenig ungläubig die Geschichte ihres eigenen Hundes.
Der sei eines Tages ausgebüxt, sie habe deswegen Suchplakate geklebt. Kurze Zeit später hätte tatsächlich jemand angerufen, dass sie ihren Hund im Rathaus abholen könne. "Ich liebe es hier, vor allem die Ruhe, den Wald und die Wanderwege. Der Gedanke, in die USA zurückzukehren, macht wir ein wenig Angst, weil ich zwar in Florida geboren bin, aber sehr lange nicht in den Vereinigten Staaten gelebt habe."
Vilseck bereitet sich trotzdem auf einen Tag X vor
Doch vielleicht, so hoffen immer noch viele Menschen in Vilseck, bleibt die Gemeinde auch ein zweites Mal vom Truppenabzug der USA verschont. Für den Ernstfall vorbereitet ist man aber trotzdem schon ein wenig. Vor allem wegen Menschen wie Markus Graf, der 25 Jahre Berufssoldat war und mit dem Truppenübungsplatz aufgewachsen ist. Der heutige Bauunternehmer steht vor zwei Baggern auf einer sieben Hektar großen Fläche nahe Vilseck, die im August als Gewerbegebiet fertiggestellt werden soll.
"Wir wollen hier Industrie und Handwerk ansiedeln, um einen eventuellen Abzug der USA, beziehungsweise eine Verringerung der Arbeitsplätze, ein wenig abfedern zu können und auf zwei Beinen zu stehen. Auch für die Rüstungsindustrie ist das Gebiet aufgrund der Nähe zu Grafenwöhr interessant."
Seine Hoffnung ist trotzdem, dass es sich bei dem Truppenabzug letztendlich nur um eine Umstrukturierung handelt. "Dass wenn diese Brigade wirklich weggeht, dafür andere Einheiten aus anderen Bundesgebieten hier nach Grafenwöhr kommen, weil das logistisch und wirtschaftlich Sinn machen würde."