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Wie Jakob Fugger vor 500 Jahren den globalen Handel erfand

14. Dezember 2025

Er war der reichste Mensch seiner Zeit, finanzierte Könige und Päpste und hatte relativ gesehen sogar mehr Vermögen als Elon Musk heute. Wie wurde Jakob Fugger vor 500 Jahren zum Architekten des modernen Handels?

Deutschland Augsburg 1519 | Porträt des Kaufmanns Jakob Fugger von Albrecht Dürer
Jakob Fugger (6. März 1459 - 30. Dezember 1525). Albrecht Dürers Portrait entstand um die Zeit, als Fugger 1519 mit einer gigantischen Finanzspitze die Königswahl von Karl V. finanziert hatte Bild: GRANGER Historical Picture/IMAGO

Sein Name ist noch heute legendär: Jakob, schon zu seinen Lebzeiten 'der Reiche' genannt. Doch seine Bedeutung geht weit über sein Vermögen hinaus. Denn der Kaufmann und Bankier aus dem süddeutschen Augsburg stellte die ökonomischen Weichen für die moderne Zeit. "Man kann von Fugger sagen, dass er der erste Mensch war, der Handel im globalen Maßstab betrieben hat", sagt Greg Steinmetz im Interview mit der DW.

Der frühere Deutschland-Korrespondent des Wall Street Journal hat Fugger 2015 mit der Biografie "The Richest Man Who Ever Lived" ein Denkmal gesetzt. Bevor Karl V., der gleichzeitig Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und König von Spanien war, Südamerika unter seine Kontrolle brachte, habe es nicht viel Handel mit anderen Teilen der Welt gegeben. "Es gab von Europa aus Handel mit Indien, es gab Handel mit dem heutigen Indonesien und China. Aber nach Westen konnte man ja erst seit Kolumbus reisen. Wenn wir also über internationalen Handel sprechen, ja, den gab es reichlich. Gab es globalen Handel? Nein, denn nur die Hälfte der Welt war von den Europäern entdeckt worden. Und Fugger stand am Anfang dieses Phänomens", so der Fugger-Biograph.  

Ausbildung in Italien

Jakob Fugger wurde in eine wohlhabende Augsburger Familie hineingeboren, deren Grundstein sein Großvater Hans Fugger als Webermeister gelegt hatte. In Venedig erhielt er eine kaufmännische Ausbildung, die seine Vorliebe für die Renaissance prägte - und ihn mit einer Innovation bekannt machte, die seinen Aufstieg beschleunigte: der doppelten Buchführung.

"Damals gab es noch keine Wirtschaftshochschulen. Die Familien schickten ihre Söhne in die Lehre, und die Deutschen trieben viel Handel in Venedig. Fugger wurde von seiner Familie nach Venedig geschickt, um dort zu arbeiten und alles zu lernen, was er konnte. Er nahm all diese venezianischen Geheimnisse, einschließlich der doppelten Buchführung, mit zurück nach Deutschland. Und er war der Erste in Deutschland, der diese modernen Methoden anwendete", erklärt Greg Steinmetz.

Jakob Fugger in seinem Kontor: Seine Waren wurden über den Landweg, die Ost- und Nordsee zu Hochseehäfen wie Lissabon transportiert. Von dort aus ging es weiter nach Übersee Bild: gemeinfrei/Narziss Renner/Wikipedia

So wusste Fugger jederzeit, wie viel Geld er hatte - im Gegensatz zu vielen Konkurrenten, die ohne präzise Aufzeichnungen agierten. Außerdem verstand Fugger den Wert von Informationen. "Er hatte Agenten in jeder größeren europäischen Stadt und sogar in jeder kleineren Stadt in Deutschland. Und die Leute versorgten ihn mit Informationen, per Kurier und Pferd und auf jede andere Weise, mit der sie Fugger diese Nachrichten zukommen lassen konnten. Informationen sind heute alles, und das waren sie damals auch", so Steinmetz. "Wer Entwicklungen früher kannte und sie fürs Geschäft nutzte, war im Vorteil. Und Fugger hat das verstanden."

Finanzier der Kaiser

Nach dem Tod seiner Brüder übernahm Jakob Fugger 1510 die alleinige Leitung des Familienunternehmens und setzte die Politik fort, das Haus Habsburg unter den Kaisern Maximilian I. und Karl V. mit Krediten zu versorgen. Als Sicherheit erhielt er Zugang zu Silber- und Kupferbergwerken, vor allem in Tirol und im damaligen Ungarn. Er besaß zwar nicht die Bergwerke selbst, aber Schürfrechte, Beteiligungen und Vorkaufsrechte an den Erzen - ein Pfand, das sich als Goldgrube erweisen sollte.

Jakob Fugger ließ die so genannten Fuggerhäuser zwischen 1512 und 1515 in Augsburg errichten. Sie stehen bis heute Bild: Martin Siepmann/imagebroker/IMAGO

Europa hatte damals wenig, was in Asien begehrt war. "Europa exportierte keine Technologie wie heute. Es exportierte keine Luxusgüter. Es exportierte keine Autos. Aber es hatte Metalle wie Silber, Gold und Kupfer. Und da kam Jakob Fugger ins Spiel", erklärt der Fugger-Biograph. 

Kupfer für die Welt

"Dass in Indien, das Europa damals technologisch und wirtschaftlich weit überlegen war, ausgerechnet Kupfer Mangelware und daher äußerst gefragt war, war für den Montankonzern der Fugger natürlich ein extrem glücklicher Zufall", erklärt Martin Kluger gegenüber der DW. Er leitet den Context Verlag in Augsburg und Nürnberg und ist Autor mehrerer Bücher zur Geschichte der Fugger. "Ein weiterer Zufall war, dass Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien fand, kurz nachdem die Fugger 1495 in Neusohl - heute Banská Bystrica - in den Kupfererzabbau eingestiegen waren. Gerade in einer Zeit also, in der Kupfer gefragter war denn je, saßen die Fugger auf den schlagartig viel wertvoller gewordenen Beständen", so Kluger.

Auch in Europa sei der Bedarf nach Kupfer gestiegen, etwa für Schiffsbau, Kanonen, Küchengeschirr und für die Dächer von Stadtpalästen und Sakralbauten. Für Kluger wurden die Fugger fast "gezwungen", ins Montangeschäft zu gehen: Die Habsburger und der König von Ungarn konnten ihre Kreditschulden kaum anders begleichen, also vergaben sie Abbaurechte. "Dass man im Hochadel kaufmännisch nicht sonderlich beschlagen war, hat den Fuggern also zum Vorteil gereicht", sagt Kluger.

Dass Fugger nicht von seinen mächtigen Kreditnehmern kaltgestellt wurde oder die sich weigerten, ihre Kredite zurückzuzahlen, lag Greg Steinmetz zufolge an "Fuggers großem Talent, dass er wusste, dass er sich unentbehrlich machen musste, um zu überleben. Er musste der einzige Mensch sein, an den sich Kaiser und Fürsten wenden konnten, um sehr schnell an Geld zu kommen. Kaiser Maximilian führte ständig Kriege. Er musste Söldner bezahlen, die sonst in ihre Dörfer zurückgekehrt und nicht für ihn gekämpft hätten", sagt Steinmetz. "Und der einzige, der Maximilian schnell Geld beschaffen konnte, wenn er es brauchte, war Fugger."

Fuggers Vermächtnis

Als Bankier revolutionierte Fugger die Kreditwirtschaft, indem er den Papst dazu brachte, das kirchliche Zinsverbot aufzuweichen. Die Erhebung von Zinsen durch Christen wurde nicht mehr automatisch sanktioniert. Der Grund war einfach: "Wenn man die Quellen liest, auch aus dem Vatikan, dann ist es kein Geheimnis, dass auch der Papst möglichst gerne hohe Renditen rausgezogen hat. Zinsverbot hin, Zinsverbot her", sagte der Wirtschaftshistoriker Lars Börner im Deutschlandfunk.

Im Gegenzug wurde Fugger an Einnahmen des Klerus beteiligt, auch am umstrittenen Ablasshandel, mit dem der Petersdom in Rom finanziert wurde und der Martin Luther auf den Plan rief. "Wir können darüber streiten, wie er das Finanzwesen modernisiert hat, wie er es den Menschen ermöglicht hat, Geld gegen Zinsen zu leihen, wie er den Habsburgern geholfen hat, die halbe Welt zu erobern, wie er unbeabsichtigt die Reformation ausgelöst hat, indem er Martin Luther verärgerte. Aber woran man sich natürlich erinnert, ist sein Wohnprojekt in Augsburg: Ohne die Fuggerei würde niemand außer Historikern über Fugger sprechen, denn es war das erste soziale Wohnprojekt der Welt", unterstreicht Steinmetz.

Mit der Fuggerei gründete Jakob Fugger vor 500 Jahren das erste soziale Wohnungsprojekt der Welt. Die Jahreskaltmiete beträgt bis heute nur 88 Cent. Die katholischen Bewohner müssen dafür dreimal am Tag für das Seelenheil von Jakob Fugger betenBild: Michaela Stache/AFP/Getty Images

Die Fuggerei existiert bis heute. Bewohner zahlen nominell dieselbe Miete wie vor 500 Jahren, und die Wohnungen gelten als vorbildlich für soziales Wohnen. Menschen aus aller Welt besuchen die Anlage - das wohl sichtbarste Symbol für Fuggers Vermächtnis.

Fuggers Vermögen wird von Historikern auf 300 bis 400 Milliarden US‑Dollar geschätzt. Je nach Berechnung waren das zwischen zwei und zehn Prozent der damaligen europäischen Wirtschaftsleistung und damit mehr als das heutiger Superreicher wie Elon Musk oder Jeff Bezos im Verhältnis zur US-Wirtschaftsleistung. Außerdem schwanken ihre Vermögen stark - je nach dem Aktienkurs ihrer Unternehmen an den Börsen. Ähnlich wie Jakob Fugger arbeitet Bill Gates, der selbst einmal der reichste Mensch der Welt war, mit einer Stiftung an seinem Vermächtnis. Trotzdem glaubt Unternehmenshistoriker Boris Gehlen im Interview mit der DW, dass heutige Milliardäre vermutlich weniger langfristige historische Bedeutung haben: "Ihre Legacy wird nicht so groß wie bei Fugger sein." 

Warum Jakob Fugger der Elon Musk des Mittelalters war

12:11

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Thomas Kohlmann Redakteur mit Blick auf globale Finanzmärkte, Welthandel und aufstrebende Volkswirtschaften.
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