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Politik

Motivationsspritzen für Impfmuffel

21. Mai 2021

Gratis-Joints, Lotterielose oder Unsterblichkeitsdiplome: Überall auf der Welt werden Menschen mit teils skurrilen Anreizen zur Corona-Impfung gelockt. Doch die Aktionen haben einen durchaus ernsten Hintergrund.

Bildergalerie Covid-19 Impfung an ungewöhnlichen Orten Weltweit
Shopping-Gutscheine für eine Impfdosis - Wie hier in Belgrad sorgen derartige Aktionen überall auf der Welt immer wieder für einen wahren Run auf die Corona-ImpfungBild: Marko Djurica/REUTERS

In den USA schreitet die Impfkampagne mit großen Schritten voran. Fast die Hälfte der US-Bevölkerung hat bereits die erste Impfdosis erhalten. 38 Prozent sind mittlerweile vollständig geimpft.

Gab es zu Beginn des Jahres noch Schwierigkeiten, überall ausreichend Impfstoff zur Verfügung zu stellen, hat sich das Bild in den Impfzentren des Landes mittlerweile grundlegend gewandelt. Vielerorts übersteigt das Angebot an Impfstoffen die Nachfrage. Immer häufiger können vorhandene Impfdosen nicht verabreicht werden, weil sich kein freiwillig bereitgestellter Oberarm mehr findet. Daher lassen sich Aktivisten, Behörden und Unternehmen seit einiger Zeit ungewöhnliche Anreize einfallen, um Impfmuffel an die Spritze zu bekommen.

Schalentiere für eine Spritze

Der US-Bundesstaat Ohio verlost wöchentlich eine Million Dollar unter allen Bürgern mit einer Impfung. In New York durfte sich Ende April einen Tag lang jeder Erstgeimpfte einen Gratis-Joint abholen. Maine lockt Impfwillige mit kostenlosen Jagdlizenzen, und vor wenigen Tagen erst sorgte eine Aktion der Stadt New Orleans für Aufsehen, bei der es für jede Impfstoff-Injektion ein Pfund Langusten gratis gab.


Doch auch in anderen Teilen der Welt wird mit unzähligen kreativen Ideen gelockt: Im indischen Rajkot verschenkten Juweliere goldene Nasenstecker an Geimpfte, in Russland und Serbien bekommen Impfwillige Einkaufsgutscheine, und im rumänischen Transsylvanien kann man sich seine Dosis gar im Dracula-Schloss abholen - Unsterblichkeitsdiplom inklusive.   

Corona-Impfung: Von Dracula gepiekst

03:19

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Impfskepsis - so alt wie das Impfen selbst

So skurril manche dieser Anreize auch wirken - neu sie sind nicht. "Ähnliches gab es schon Anfang des 19. Jahrhunderts bei der Pockenschutzimpfung", erklärt der Münsteraner Medizinhistoriker Malte Thießen, zu dessen Forschungsschwerpunkten auch die Geschichte des Impfens gehört. "Auch damals war die Impfung neu und die Skepsis erst einmal groß. Deshalb wurden von offizieller Seite Lebensmittel mitgebracht, Süßigkeiten verschenkt oder sogar Impfmedaillen verliehen - als Anreiz, sich freiwillig impfen zu lassen."

Der Medizinhistoriker Malte Thießen ist Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte in MünsterBild: LWL/Kathrin Nolte

Vorbehalte gegen das Impfen sind also so alt wie die Impfungen selbst - und daher auch seit jeher ein Problem. Noch Ende 2018, vor Ausbruch der Corona-Pandemie, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) "mangelnde Impfbereitschaft" zu einer der zehn größten Gesundheitsgefahren weltweit.

Leben im immunisierten Zeitalter

Die Gründe dafür, so Thießen, sind durchaus vielfältig. "Zum einen widerspricht das Impfen an sich ja erstmal dem gesunden Menschenverstand: Ich kriege etwas eingespritzt, was prinzipiell sogar krank machen kann, und das soll mich dann schützen." Impfungen würden oft als künstlicher Eingriff in den Lauf der Natur wahrgenommen. "Da gibt es dann Vorstellungen, dass eine Art Abhärtung, ein Durchleben der Krankheit, für den natürlichen Entwicklungsprozess des Körpers besser sei."

Zudem seien viele Impfkampagnen vor allem in den Industriestaaten Opfer ihrer eigenen Erfolge geworden. "Wir leben heute eigentlich in einem immunisierten Zeitalter", so Thießen. Egal, ob Masern, Typhus, Polio oder Pocken: "Die Vorstellung, dass Infektionskrankheiten etwas Bedrohliches sind, ist nahezu völlig aus unserem Bewusstsein verschwunden - gerade weil wir sie durch effektive Impfkampagnen seit den 1950er-, 1960er-Jahren weitestgehend aus unserer Welt herausgedrängt haben."

Pockenimpfung in Großbritannien 1962Bild: picture-alliance/United Archives/TopFoto

Und dann werden Impfungen auch als teils nationale gesundheitspolitische Programme wahrgenommen. "Deshalb", so Thießen, "ist Impfen immer auch eine Projektionsfläche dafür, wie sehr ich meinen eigenen staatlichen Einrichtungen vertraue." Das habe sich etwa in Frankreich gezeigt, wo das Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen traditionell größer sei als in Deutschland. "Prompt war auch die Impfbereitschaft kleiner als hierzulande."

Genau diese Argumente finden sich auchin einer Erhebung des United States Census Bureau wieder, der zufolge mehr als 20 Prozent der US-Amerikaner noch immer zögern, sich impfen zu lassen. Misstrauen gegenüber dem Impfstoff, aber auch gegenüber der Regierung, finden sich hier unter den meistgenannten Argumenten. Über 20 Prozent der Befragten antworteten aber auch: "Ich glaube einfach nicht, dass ich das brauche".

Verweigerer, Skeptiker und Muffel

Und genau darin sieht nicht nur Malte Theißen das größte Problem. Denn oft gehe es bei der mangelnden Impfbereitschaft gar nicht um handfeste Vorbehalte gegen die Impfung an sich. Grundsätzlich gelte es, drei Gruppen zu unterscheiden. "Es gibt die Impfmuffel, da ist es oft eine Frage der Bequemlichkeit; die Impfskeptiker, die gar nicht grundsätzlich das Impfen ablehnen, aber erst einmal genau Bescheid wissen wollen, was da eigentlich gemacht wird; und dann die Impfgegner, die das Impfen ganz grundsätzlich ablehnen und dann auch mit Verschwörungstheorien argumentieren. Aber diese Impfgegner stellen tatsächlich den geringsten Teil."

Eine US-amerikanische Impfgegnerin stellt ihre Ablehnung offen zur Schau. Bild: picture-alliance/dpa/J. Hogan

Grundsätzlich, so Thießen, gebe es bei allen bisherigen Impfkampagnen nur einen Anteil von zwei bis fünf Prozent absoluter Impfverweigerer. "Mit denen muss man leben - mit den anderen kann man reden." Einerseits gehe das über Aufklärung und Appelle. "Aber im 20. Jahrhundert hat man zunehmend auch die Erfahrung gemacht: Die Menschen müssen nicht zur Impfung kommen, sondern die Impfung zu den Menschen", so Thießen, "mit mobilen Impfteams, mit Impfstellen an Supermärkten oder an Rathäusern."

Oder eben mit solch ungewöhnlichen Aktionen wie der der Stadtverwaltung von New Orleans. In nur drei Stunden konnte sie 125 Pfund Langusten und entsprechend viele Impfdosen an den Mann bringen. "Und das klingt dann vielleicht erstmal banal und lächerlich: ein Pfund Seafood für eine Impfung," so Thießen. "Aber es weist auf einen ganz wichtigen Punkt hin: dass Menschen bequem sind. Und das wiederum zeigt: Je einfacher wir Dinge gestalten, desto erfolgreicher sind sie. Und das ist dann oft schon die Lösung."

Thomas Latschan Langjähriger Autor und Redakteur für Themen internationaler Politik
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