Wie Moldau zu einer Vereinigung mit Rumänien steht
14. Januar 2026
"Ich würde für eine Vereinigung mit Rumänien stimmen. Schauen Sie sich an, was heute in Moldau und der Welt passiert. Für ein kleines Land wie Moldau wird es immer schwieriger, als Demokratie und souveräner Staat zu überleben und sich Russland zu widersetzen", sagte Präsidentin Maia Sandu am 11. Januar in einem Interview des britischen Podcasts "The Rest is Politics", das länger als eine Stunde dauerte. Doch nur diese Aussage sorgte für Aufsehen.
Im selben Interview räumte das Staatsoberhaupt der Republik Moldau ein, dass die Mehrheit der Bürger ihres Landes laut Umfragen derzeit eine Vereinigung mit Rumänien nicht befürworten würde. Deswegen verfolge Chisinau als realistischste Option, die von den Wählern unterstützt werde, einen Beitritt des Landes zur Europäischen Union.
Sozialisten und Kommunisten wollen Sandus Absetzung
Igor Dodon, Vorsitzender der größten Oppositionskraft, der Partei der Sozialisten der Republik Moldau, und ehemaliger Präsident des Landes, kritisierte die Äußerung von Maia Sandu umgehend scharf. Er warf ihr vor, davon zu träumen, Staatsoberhaupt eines neuen rumänischen Staates zu werden. Sie lasse sich von egoistischen Gedanken über ihre eigene Zukunft leiten.
Am 13. Januar veröffentlichte die Partei der Sozialisten eine Erklärung, in der "aufgrund der Bedrohung der Existenz Moldaus als unabhängiger Staat" verlangt wird, Sandu umgehend abzusetzen. Die Sozialisten fordern die Generalstaatsanwaltschaft und die Sicherheitsdienste auf, unverzüglich Ermittlungen wegen "Hochverrats" einzuleiten. Zudem rufen sie "alle patriotischen Kräfte" auf, taktische Differenzen beiseitezulegen und sich zusammenzuschließen.
Die Kommunistische Partei des Landes, die zunehmend an Popularität verliert, gab eine ähnliche Erklärung ab. Sie bezeichnet die Äußerung der moldauischen Präsidentin als einen "Akt von Landesverrat" und "groben Verstoß gegen den präsidialen Amtseid".
"Retter der moldauischen Unabhängigkeit und Identität"
"Parteien in der Krise klammern sich an die Idee, letzte Retter der moldauischen Unabhängigkeit und Identität zu sein", sagt Andrei Curararu, Sicherheitsexperte der Analyseplattform WatchDog, zu den Reaktionen der moldauischen Oppositionsparteien. Dabei habe Maia Sandu nichts Neues gesagt, betont er, sie habe sich seit 2016 wiederholt so geäußert.
Der Experte erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass der Staatsrat im Jahr 1918, unmittelbar nach der Ausrufung der Volksrepublik Moldau, beschlossen hatte, das Gebiet an Rumänien anzuschließen, wo es bis 1940 verblieb, bis es von der Sowjetunion annektiert wurde. Daher sei das Thema der Wiedervereinigung mit Rumänien, so Curararu, seit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Moldaus im Jahr 1991 ein ständiges Thema in der Öffentlichkeit des Landes.
Die Mehrheit der Menschen in der Republik Moldau spricht Rumänisch. Curararu weist darauf hin, die Zustimmungswerte für eine Wiedervereinigung mit Rumänien würden abhängig vom politischen Kontext und militärischen Bedrohungen schwanken, aber nie unter 30 Prozent fallen. "Maia Sandus Aussage ist eine außenpolitische Botschaft, damit Moskau begreift, welches Szenario im Falle einer militärischen Invasion umgesetzt werden könnte", so der Experte.
"Erschöpfung, die an Burnout grenzt"
Curararus Einschätzungen bestätigen Umfragen von iData und IMAS, der beiden wichtigsten Meinungsforschungsinstitute des Landes, die im vergangenen Sommer durchgeführt wurden. Sie zeigen, dass etwa ein Drittel der befragten moldauischen Bürger eine Wiedervereinigung mit Rumänien befürwortet.
Der in Chisinau ansässige Politikwissenschaftler Vitalie Andrievschi merkt an, dass Maia Sandus Aussage formal sorgfältig und korrekt formuliert war, aber unerwartet für Aufsehen sorgte, was als ein politisches und psychologisches Signal gewertet werden könnte, das auf eine "Erschöpfung, die an Burnout grenzt", hindeuten könnte. Ihre Präsidentschaft sei, so der Experte, von eng aufeinanderfolgenden Krisen geprägt - von der Coronavirus-Pandemie und dem systematischen Druck Russlands bis hin zum umfassenden Krieg in der Ukraine.
Gleichzeitig lastet alle Verantwortung allein auf Sandu, die zugleich höchste Zustimmung im Land genießt. Mitglieder ihres Teams, so Andrievschi, hätten oft gemieden, Verantwortung zu übernehmen, hätten Vorgesetzte entscheiden lassen oder Aktivität vorgetäuscht, weshalb Maia Sandu oft selbst habe eingreifen müssen. "Wäre die russische Armee bis an die Grenzen Moldaus vorgedrungen, hätten über 70 Prozent der Moldauer aus reinem Überlebensinstinkt für eine Vereinigung mit Rumänien gestimmt. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob Bukarest dazu bereit ist", betont Andrievschi. Dies wird in der öffentlichen Diskussion nicht angesprochen, ist aber von zentraler Bedeutung, da dies soziale Lasten in Form von Renten, Gehältern und Investitionen, aber auch Krisenregionen wie Gagausien und Transnistrien betrifft.
Moldau hat heute laut Andrievschi schwache Institutionen, eine verwundbare Wirtschaft und zudem territoriale Probleme. Um für Ordnung zu sorgen, seien Reformen nötig, für die die Europäische Union wichtige Unterstützung leistet. Daher wertet er Maia Sandus Aussage nicht als Aufruf zu einer wirklichen Vereinigung mit Rumänien. Sie ist seiner Meinung nach vielmehr ein Warnsignal dafür, dass das staatliche System überlastet und die Führung des Landes, das sich viel zu lange in einem Überlebensmodus befindet, an ihre Grenzen kommt.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk