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Muslime in Deutschland - "Wie nach dem 11. September 2001"

14. Januar 2024

Nach dem brutalen Terrorangriff der militant-islamistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 in Israel beklagen Muslime hierzulande wachsende Übergriffe.

Rücken von drei Frauen mit Kopftuch, die auf einer Straße gehen. Eine hält eine Dose in der Hand, eine andere schiebt einen Kinderwagen.
Muslime berichten in den letzten Wochen von Beleidigungen und Übergriffen auf Frauen mit KopftuchBild: Monika Skolimowska/dpa/picture-alliance

"Ich habe die Wochen nach dem 11. September erlebt. Ich fühle mich in diese Zeit zurückversetzt", erinnert sich Suleman Malik, Muslim in Thüringen, an die Wochen nach den Terroranschlägen auf die USA vor mehr als 20 Jahren. Es komme ihm manchmal vor, als werde er "wie am Nasenring durch die Manege gezogen".

Aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands, sagt Malik, wisse er von neuen Anfeindungen, mit denen Muslime derzeit zu kämpfen hätten: Beschimpfungen von Frauen mit Kopftuch oder auch Hassbriefe an Gemeinden. "Es fehlen Menschen, die sagen: Ihr Muslime gehört zu uns, wir schützen euch."

Suleman Malik vor dem Neubau der Moschee in Erfurt, dem ersten Moschee-Neubau in der ehemaligen DDR Bild: Christoph Strack/DW

Der 35-jährige gebürtige Pakistaner ist – wie man so sagt - ein gut integrierter Muslim der Ahmadiyya-Gemeinschaft, einer Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Reformbewegung. Malik spricht fließend Deutsch, arbeitet als Personalberater, ist stellvertretender Ortsteilbürgermeister im Erfurter Stadtteil Rieth. Seit vielen Jahren kümmert er sich um den Bau einer kleinen Moschee in einem Gewerbegebiet am Rande der Stadt.

Muslime als Partner gegen Antisemitismus

Malik sagt der Deutschen Welle, Menschen, die Mitgefühl mit der unschuldig leidenden palästinensischen Zivilbevölkerung im Gazastreifen empfänden und das artikulierten, würden direkt "mit Antisemitismus in Verbindung gebracht. Aber auch nicht jeder jüdische Mensch findet das Handeln der israelischen Regierung gut". 

Dabei verurteilt Malik entschieden den Terror der Hamas gegen Israel. Er zitiert die Passage im Koran, welche Angriffe auf Religionsstätten anderer verbietet. Er betont, "dass es für Muslime eine Pflicht ist, jüdisches Leben zu schützen". Wer etwas anderes tue, habe die Lehren des Islam nicht verstanden. Die Gesellschaft solle Muslime als Partner gegen Antisemitismus ansehen. 

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04:26

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Malik äußert sich im Gespräch auch über die Situation in seinem Bundesland, in Thüringen, und die Alternative für Deutschland (AfD), die dort vom Verfassungsschutz als erwiesen rechtsextrem eingestuft wurde. "Wir haben eine Partei, die bei Umfragen schon fast ein Drittel der Stimmen und Islamfeindlichkeit zu ihrem Programm gemacht hat." Jede Woche, sagt er, protestierten Rechtsextremisten vor dem Moscheebau seiner Gemeinde.  

Studie bestätigt Muslimfeindlichkeit in Deutschland

Ende Juni 2023 stellten Fachleute nach mehrjähriger Arbeit die umfassende Studie "Muslimfeindlichkeit – eine deutsche Bilanz" vor. Den Auftrag dazu hatte die Bundesregierung dem Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) nach dem rassistischen Anschlag in Hanau erteilt. Dort hatte im Februar 2020 ein rechtsextremer Täter neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordet.

Die Studie verdeutlicht das Ausmaß einer feindlichen Haltung gegenüber Muslimen in der deutschen Gesellschaft. Aber vor allem zeigt sie, wie unzureichend das Wissen darüber ist. So wurden Straftaten lange gar nicht gesondert erfasst. Deutlich sei aber, "dass Muslimfeindlichkeit kein gesellschaftliches Randphänomen darstellt, sondern in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft verbreitet ist und sich seit vielen Jahren auf einem beständig hohen Niveau hält". 

Die Autorinnen und Autoren des Berichts zur Muslimfeindlichkeit mit Bundespräsident Frank-Walter SteinmeierBild: Britta Pedersen/dpa/picture alliance

Seit dem 7. Oktober 2023, dem blutigen Terror der Hamas gegen Israel, vor allem aber seit den diversen Demonstrationen auf deutschen Straßen, bei denen teilweise das Massaker gefeiert und Israels Existenzrecht in Abrede gestellt wurde, wird die Studie kaum mehr diskutiert. Schon auf der "Deutschen Islam Konferenz" der Bundesregierung, die im November im Innenministerium tagte, spielte sie nur noch eine nebensächliche Rolle. Die politische Themenlage hat sich neu sortiert.

Rassistisch motivierte Brandstiftung in Wächtersbach?

Dabei gab es in den Wochen nach der Tat aus diversen Regionen Deutschlands Meldungen über Übergriffe gegen Moscheen, Sachbeschädigungen und Drohbriefe. Der wohl spektakulärste Fall: Vor Weihnachten brannte es in einem Wohnhaus im hessischen Wächtersbach.

An mehreren Wänden des Gebäudes wurde danach der Schriftzug "Ausländer raus" entdeckt. Seitdem steht auch die Frage einer rassistisch motivierten Brandstiftung im Raum. Die Ermittlungen dauern an. In dem Haus lebte eine Familie aus Pakistan, die seit langem in Wächtersbach lebt und integriert ist. Menschen wie Malik. 

Die Feuerwehr löscht den Brand des Hauses einer muslimischen Familie in der hessischen Gemeinde Wächtersbach.Bild: Marc Webersinn/5vision.news/dpa/picture alliance

Malik ist frustriert, dass es zu wenig Statistiken, zu wenig gesicherte Fakten über antimuslimische Übergriffe in Deutschland gibt. Neuere Zahlen zu muslimfeindlichen Straftaten in den letzten Monaten des Jahres 2023 liegen noch nicht vor. Aber Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von einigen Beratungsstellen sprechen von einem spürbaren Anstieg.

"Es gibt eine breite muslimische Öffentlichkeit, die hier in Deutschland ohne Probleme lebt und die Werte der Gesellschaft teilt", sagt Süleyman Bag, ehemaliger Journalist in Berlin. "Der Blick auf diese Normalität geht verloren." Nun wirke es gelegentlich so, als ob stets die Muslime das gesellschaftliche Problem in Deutschland wären. Dabei zeigten Verfassungsschutzberichte, dass Rechts- und Linksextremismus gravierender seien als islamistische Vorfälle.

Ein Rassismus darf anderen Rassismus nicht ausblenden

Aber vielleicht spiegelt sich darin auch eine breite Verunsicherung wider. Eine Gesellschaft, die durch den barbarischen Terror und den Krieg im Nahen Osten verunsichert wird und zugleich selbst mit Radikalisierungstendenzen kämpft, schaut schärfer auf ihre Minderheiten.  

Für Eren Güvercin von der liberalen Alhambra-Gesellschaft, einer 2017 gegründeten  Gruppe jenseits der etablierten Verbandsstrukturen, reicht deshalb der Blick auf die eine Form von Rassismus, die Muslimfeindlichkeit, nicht. Natürlich sei sie derzeit ein "wichtiges Thema".

Eren Güvercin, ein Mitgründer der Alhambra-Gesellschaft, ist einer der größten Kritiker des politischen IslamBild: Meriem Marghich/DW

Aber es dürfe nicht zu einer "Opfer-Konkurrenz" werden, bei der der Blick auf den einen Rassismus den anderen Rassismus ausblende. Wenn die muslimische Gesellschaft nicht offen über Probleme in den eigenen Reihen spreche, über antisemitische Klischees und Hass auf Jüdinnen und Juden, komme sie auch mit ihren eigenen Ausgrenzungserfahrungen nicht weiter. 

Das gelte, so Güvercin, dann auch für das gesamte Land. "Politik und Gesellschaft müssen sich ernsthafter damit auseinandersetzen, welches Erstarken von Rassimus es gibt." Deshalb blieben der im Juni 2023 vorgestellte Bericht zur Muslimfeindlichkeit und dessen Handlungsempfehlungen an die Politik wichtig. Auch sie stehe stärker als bislang in der Verantwortung, das Themenfeld Rassismus ernster zu nehmen.

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