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Wie sehr verändert ein Kind meine Persönlichkeit?

6. September 2023

Kommt ein Kind auf die Welt, wird alles anders. Auch die frischgebackenen Eltern sind plötzlich ganz andere Menschen – jedenfalls behaupten das viele. Die Forschung sagt allerdings etwas anderes.

Symbolbild Weniger Geburt in  Deutschland
Ein Kind stellt das Leben auf den Kopf. Aber wie sehr verändert es die Persönlichkeit der Eltern?Bild: Marcus Brandt/dpa/picture alliance

Ein Kind verändert das Leben drastisch: Es wird lauter, schlafloser und turbulenter. Die unvergleichliche Liebe für das Baby konkurriert mit dem extrem strapazierten Nervenkostüm um die Deutungshoheit dieses neuen Lebens.

"Die meisten Eltern sagen, dass die Geburt ihres ersten Kindes ihr Leben und sie selbst besonders stark verändert hat", bestätigt Eva Asselmann, Professorin für Psychologie an der Health and Medical University Potsdam. Asselmann forscht, wie sich Persönlichkeitsmerkmale im Laufe des Lebens durch bestimmte Ereignisse verändern. Das können Jobwechsel, Heirat, Scheidung oder die Geburt eines Kindes sein.

Die Forschung widerspricht dem Gefühl der Eltern allerdings: "Die Geburt eines Kindes geht Studien zufolge mit erstaunlich wenig Persönlichkeitsveränderungen einher", sagt Asselmann über den aktuellen Forschungsstand. Eine Erklärung für dieses Ergebnis könnte sein, dass sich Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen eher für die Elternschaft entscheiden.

Die Entscheidung für oder gegen Kinder kann von vielen Faktoren abhängen: Partnerschaft, Karriere, kulturellen Normen oder finanzieller Sicherheit. Sie ist aber auch eine Frage grundsätzlicher Persönlichkeitsmerkmale. Welche das sind, hat Steffen Peters vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock untersucht.

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Extrovertierte Männer bekommen eher Kinder

"Extrovertierte Männer haben eine größere Chance auf ein erstes Kind", sagt Peters. Es ist eines der Ergebnisse einer Studie basierend auf Daten aus Deutschland, die Peters Anfang 2023 veröffentlichte.

"Für Frauen ist Extrovertiertheit beziehungsweise Extraversion kein ausschlaggebendes Persönlichkeitsmerkmal, wenn es darum geht, eine Familie zu gründen", sagt Peters über eine weitere Erkenntnis seiner Untersuchung.

Peters Studienergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen, die Eva Asselmann als Persönlichkeitspsychologin gesammelt hat. Diese mögen zunächst widersprüchlich klingen: Menschen, die weniger offen für neue Erfahrungen und extrovertierter sind, gründen demnach eher eine Familie. Auch in ihrer Untersuchung war dieser Effekt bei Männern stärker als bei Frauen.

Sowohl Peters als auch Asselmann nutzten für ihre Untersuchungen die sogenannten Big Five, also fünf grundlegende Merkmale, mit denen sich ein großer Teil unserer Persönlichkeit beschreiben lässt: Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion - besser bekannt als Extrovertiertheit, Verträglichkeit und emotionale Stabilität.

"Menschen, die offen für neue Erfahrungen sind, zeigen sich vielseitig interessiert, reisen gerne, wollen neue Eindrücke sammeln oder andere Kulturen kennenlernen", sagt Eva Asselmann. Eventuell hätten diese Menschen einen weniger starken Drang, Eltern zu werden, weil sie die persönlichen Einschränkungen durch Kinder als zu gravierend empfinden.

Wer hingegen konservativer ist, wer Lust hat, sich niederzulassen sowie Routinen nicht verabscheut, den schreckt auch die Familiengründung nicht so sehr. 

Extraversion meint eher soziale Offenheit, erklärt Asselmann. Extrovertierte Menschen bekämen vielleicht deshalb eher Kinder, weil ihnen ein lautes und lebhaftes Familienleben eher entspricht, so die Psychologin. Gleichzeitig seien sie häufiger Teil eines größeren sozialen Netzwerkes, das Hilfe und Unterstützung biete – auch, wenn ein Kind da ist.

Wir bleiben wie wir sind, auch als Eltern

Die Persönlichkeitspsychologin Eva Asselmann interessiert sich nicht nur dafür, welche Persönlichkeitsmerkmale bestimmte Entscheidungen im Leben beeinflussen, sondern auch, wie diese Entscheidungen wiederum die Persönlichkeit verändern.

"Eine Hypothese lautet: Elternsein macht reifer, also gewissenhafter, verträglicher und emotional stabiler", sagt Asselmann. Das Ergebnis von Asselmanns Untersuchung mag manche Eltern allerdings überraschen: "Unterm Strich zeigen sich keine nennenswerten Veränderungen in diesen Persönlichkeitsmerkmalen."

Die Forschenden stellten zwar fest, dass die Offenheit für neue Erfahrung nach der Geburt eines Kindes im Schnitt abnahm – sehr groß waren diese Effekte jedoch nicht.

Erstaunlicher war für Asselmann und ihr Team jedoch, dass Menschen nach der Geburt eines Kindes im Schnitt nicht gewissenhafter wurden. 

Doch die Psychologin hat auch dafür eine Erklärung: Die Geburt eines Kindes verschiebe Prioritäten. Wer sich nach der Geburt hingebungsvoll und gewissenhaft um den Nachwuchs kümmert, muss dafür an anderer Stelle zurückstecken und kann beispielsweise im Haushalt oder Job nicht mehr so akribisch wie vorher sein.

Job verändert die Persönlichkeit am stärksten

Anders scheint das bei Menschen zu sein, die sehr früh Kinder bekommen – mit Anfang 20 oder noch früher. "In unseren Studien waren besonders junge Eltern im ersten Jahr nach der Geburt wesentlich gewissenhafter als zuvor", sagt Asselmann. "In den Jahren danach verpuffter dieser Effekte allerdings wieder." Bei älteren Eltern gab es ihn gar nicht.

Obwohl Kinder das Leben so nachhaltig auf den Kopf stellen, kratzen sie weniger am Kern unserer Persönlichkeit als beispielsweise ein beruflicher Umbruch. Das ist das Ergebnis einer weiteren aktuellen Meta-Analyse, die den Einfluss verschiedener Lebensereignisse auf die menschliche Persönlichkeit untersucht hat.

"Ein neuer Job kommt mit klaren Rollenanforderungen daher", erklärt Asselmann. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, müssen wir ganz bestimmte Dinge tun: Pünktlich und fleißig sein oder professionell auftreten. Die Rolle von Eltern sei dem gegenüber weniger klar definiert. "Wir alle haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine gute Mutter oder einen guten Vater genau ausmacht. Und wenn wir von dieser Vorstellung abweichen, sind da keine Vorgesetzten wie bei der Arbeit, die uns darauf hinweisen." Das könnte erklären, warum sich beim Übergang zur Elternschaft erstaunlich wenige Persönlichkeitsveränderungen finden lassen.

Julia Vergin Teamleiterin in der Wissenschaftsredaktion mit besonderem Interesse für Psychologie und Gesundheit.
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