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Delta-Variante breitet sich in Europa aus

28. Juni 2021

Der Sommer wird gut, hieß es vor einigen Wochen noch, und in einigen Ländern scheint sich das bisher zu bewahrheiten. Andernorts greift die Delta-Variante um sich. Ein Überblick.

Portugal Lissabon | Coronavirus | Straßenszene
In Lissabon weckt Delta schlimme Erinnerungen an die Alpha-Welle im WinterBild: Pedro Fiuza/NurPhoto/picture alliance

Es gibt in diesen Tagen zwei Gruppen von Ländern in Europa: Die einen haben bereits massiv mit der Delta-Variante des Coronavirus zu kämpfen, die sich rapide verbreitet und für viele schwere oder tödliche Krankheitsverläufe verantwortlich ist. In den übrigen Ländern sind die Zahlen - noch, muss man wohl leider sagen - niedrig. Dort genießen weite Teile der Bevölkerung die verdiente Atempause von der Pandemie, während Virologen, Politikerinnen und diverse Interessenvertreter längst über neue Schutzmaßnahmen grübeln.

Vereinigtes Königreich

Das Vereinigte Königreich gehört zur ersten Gruppe: Insbesondere in England ist Delta schon vor Monaten angekommen. Die hochansteckende Variante führt trotz beachtlicher Impfquote - bis zum Wochenende waren knapp zwei Drittel der Bevölkerung vollständig geimpft, 48 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten - zu einem deutlich beschleunigten Infektionsgeschehen. Zuletzt lag die Sieben-Tage-Inzidenz im Vereinigten Königreich bei 123,7, mit einem Zuwachs von fast 60 Prozent gegenüber der Vorwoche. Auch die Zahlen bei Krankenhauseinweisungen und Todesfällen klettern bereits nach oben.

Im Vereinigten Königreich werden schon immer besonders viele PCR-Tests sequenziert, das heißt das Erbgut der nachgewiesenen Viren wird detailliert untersucht. Dem aktuellsten Report zufolge macht Delta bis zum 23. Juni gut 93 Prozent aller sequenzierten Proben aus. Die im Winter als "britische Variante" bekannt gewordene Alpha-Variante, die sich seitdem europaweit durchgesetzt hatte, kommt nur noch auf sechs Prozent. Delta gilt gesichert als noch ansteckender als Alpha. Ob die Variante auch für schwerere Krankheitsverläufe verantwortlich ist, ist noch unklar.

Trotzdem hofft die Regierung von Premierminister Boris Johnson, die für den 19. Juli geplanten weiteren Lockerungen nicht noch weiter verschieben zu müssen. International sorgt eine womöglich auf Druck der UEFA zustandegekommene Entscheidung für Kritik, dass die Halbfinal- und Finalspielen der Fußball-Europameisterschaft im Londoner Wembley-Stadion vor bis zu 60.000 Zuschauern ausgetragen werden sollen. Mediziner und Virologen warnten ausländische Fans bereits eindringlich vor einer Teilnahme - eine fünf- bis zehntätige Einreisequarantäne dürfte kurzfristige Fußball-Reisepläne jedoch ohnehin durchkreuzen.

Die Finalspiele im Wembley-Stadion sollen trotz Delta-Welle vor Publikum stattfindenBild: Justin Tallis/AP Photo/picture alliance

Britischen Urlaubern droht Delta, ihre Pläne zu durchkreuzen: Spanien hat an diesem Montag eine PCR-Testpflicht bei Einreise für nicht vollständig geimpfte Reisende aus dem Vereinigten Königreich verhängt.

Portugal

Portugal war Mitte Mai das erste EU-Land, das britische Touristen wieder empfangen hat. Am Sonntag erst hat die Regierung die Praxis geändert und Quarantäne für aus Großbritannien Einreisende verhängt, die keinen vollständigen Impfschutz nachweisen können. Ob diese Verschärfung zum jetzigen Zeitpunkt noch viel bringt, ist jedoch fraglich: In Portugal ist Delta laut Gesundheitsbehörde DGS bereits für 50 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich, im Großraum Lissabon sogar für 70 Prozent. Um die Einschleppung in andere Landesteile auszubremsen, hat die Regierung den inländischen Reiseverkehr an Wochenenden größtenteils unterbunden: Dann darf die Hauptstadtregion, die etwas größer ist als das Saarland, nur in Ausnahmefällen betreten oder verlassen werden. Für manche Geschäfte und Restaurants in Lissabon gelten zudem kürzere Öffnungszeiten.

Wer in Lissabon ist, darf am Wochenende die Region in der Regel nicht verlassenBild: Armando Franca/AP/dpa/picture alliance

Wie schon im Winter die Alpha-Variante trifft nun auch Delta Portugal mit voller Wucht: Die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei 133 - das ist hinter denen von Großbritannien und Zypern der dritthöchste Wert in ganz Europa.

Zypern

In Zypern war für diesen Montag eine Krisensitzung mit Präsident Nicos Anastasiades anberaumt: Die Corona-Lage spitzt sich seit ein paar Tagen merklich zu. In den Datensätzen der Johns-Hopkins-Universität war die Inzidenz auf der Mittelmeerinsel am Samstag mit 186 angegeben. Nur eine Woche zuvor lag der Wert noch bei 76. Schuld daran ist aller Wahrscheinlichkeit auch hier die Delta-Variante. Laut Gesundheitsministerium betrifft jede dritte Neuinfektion die Altersklasse zwischen 16 und 18 Jahren. Gleichzeitig wurde mitgeteilt, diese Gruppe nun am Impfprogramm zu beteiligen: Mit einer Einverständniserklärung der Eltern sollen die 16- und 17-Jährigen nun die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer oder Moderna erhalten.

Russland

Während in allen bisher genannten Ländern die Impfquote bereits jenseits der 50 Prozent liegt, trifft die Delta-Variante ganz im Osten Europas auf eine wesentlich schwächer immunisierte Gesellschaft: In Russland haben bislang nur rund 15 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten. Besonders in den Metropolregionen Moskau und Sankt Petersburg grassiert die Delta-Variante, und die täglich gemeldeten Infektions- und Todeszahlen sind derzeit so hoch wie noch nie seit Pandemiebeginn: In der Hauptstadt wurden am Montag 124 neue Todesfälle bekanntgegeben, in Sankt Petersburg 110. Die Russland-weite Inzidenzzahl wurde zuletzt mit rund 130 angegeben.

Die täglichen Todeszahlen in Moskau übertreffen inzwischen jene vom Dezember 2020Bild: Alexander zemlianichenko/AP/picture alliance

Trotz der Zuspitzung soll am Freitag wie geplant das erste Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft in Sankt Petersburg ausgetragen werden; dazu werden rund 26.000 Zuschauer erwartet. Die Nachrichtenagentur AFP zitierte einen UEFA-Sprecher, für die Teams mache die Infektionslage "keinen Unterschied". Die lokalen Behörden beteuern seit Turnierbeginn, alle notwendigen Schutzmaßnahmen zu treffen. Dennoch wurden, etwa im nahen Finnland, zahlreiche Infektionsfälle gemeldet, die offenbar im Zusammenhang mit Reisen zu Fußballspielen stehen.

Ob FFP2- oder Eulen-Maske: Nicht alle finnischen Fans in Sankt Petersburg haben sie vor Ansteckung bewahrtBild: Peter Kovalev/TASS/picture alliance

Russland setzt in der Immunisierung der Bevölkerung auf eigene Impfstoffe: das bereits im August 2020 vorgestellte Sputnik V und zwei weitere Präparate namens EpiVacCorona und CoviVac. Allerdings geht dieser Sonderweg offenbar zulasten der Akzeptanz: Im März veröffentlichte das Lewada-Zentrum eine Umfrage, wonach 62 Prozent der Befragten die inländischen Impfstoffe ablehnten - häufig wegen der zu erwarteten Nebenwirkungen wie Fieber und Abgeschlagenheit. Inzwischen existiert regional für manche Berufsgruppen eine Impfpflicht. In Moskau gilt dies etwa für Lehrkräfte, Taxifahrerinnen und Verkäufer. Zudem sollen "COVID-freie" Bars, die nur Gäste mit Impfzertifikat bewirten, zur Impfung locken. Allerdings blüht laut Medienberichten der Handel mit gefälschten Zertifikaten: Die "Washington Post" berichtete, einem Lockvogel sei ein gefälschter Nachweis für umgerechnet 25 US-Dollar angeboten worden.

Deutschland

In Deutschland machte die Delta-Variante laut Stand vom vergangenen Mittwoch zuletzt gut 15 Prozent der Neuinfektionen aus. Seitdem könnte sich dieser Wert jedoch verdoppelt haben. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, sprach laut Teilnehmern einer Schalte mit den Gesundheitsministern von einem Anteil von mindestens 35 Prozent, er könnte jedoch sogar bereits bei 50 Prozent liegen. Die Infektionszahlen sind nach wie vor rückläufig, die Inzidenz ist zuletzt auf 5,6 gesunken. Ob sich solche Werte mit entsprechend höheren Delta-Anteilen halten lassen, ist jedoch unklar.

Die Liste der Virusvarianten- und Hochinzidenzgebiete, für die erweiterte Nachweis- oder sogar Quarantänepflichten bei Einreise gelten, wurde erweitert, so wurden zum Beispiel Portugal Russland neu als Virusvariantengebiet eingestuft. Neue Grenzkontrollen will die Bundesregierung derzeit nicht einführen, für Flüge aus Portugal sollen Sonderkontrollen statt der üblichen Stichproben bei Einreise eingerichtet werden.

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Der Virologe Christian Drosten sagte in der vergangenen Woche in einem Podcast des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, es sei denkbar, dass die Infektionszahlen trotz Delta im Sommer gering bleiben könnten - genauso sei aber auch eine raschere Zunahme der Infektionstätigkeit möglich. "Wir müssen einfach schnell impfen", sagte er. Für den vollwertigen Impfschutz vor der Delta-Variante spielt die Zweitimpfung eine größere Rolle. Bislang deuten die Daten von BioNTech und AstraZeneca darauf hin, dass die Impfungen in etwa gleich gut gegen Delta wirken wie gegen die zuvor vorherrschenden Varianten von Sars-CoV-2.

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