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Film

Dafoe: "Ich bin immer noch ehrgeizig"

Hans Christoph von Bock suc | Adrian Kennedy
2. März 2018

Willem Dafoe hat schon unzählige Charaktere verkörpert und ist jetzt für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert. Er habe eine ganz besondere Beziehung zu Deutschland, verriet er der DW.

Cinema Vanguard Award  Willem Defoe
Bild: picture-alliance/ZUMAPRESS.com

DW: Sie waren schon oft in Berlin. Wie nehmen Sie die Stadt wahr?

Willem Dafoe: Nun, die Geschichte der Stadt ist stark durch die Berliner Mauer geprägt. Zunächst trennte sie die Stadt, dann kam der Mauerfall und während der Wiedervereinigung erlebte Berlin einen richtigen Boom – ebenso wie die EU. Berlin steht für die Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mich persönlich hat immer sehr beeindruckt, wie stark man sich in Deutschland für kulturelle Belange einsetzt. Davon konnte ich selbst profitieren, als die "Wooster Group" (Anmerkung d. Red.: ein in New York ansässiges Experimentaltheater, zu dessen Gründern auch Dafoe gehörte) einen deutschen Produzenten hatte. Die Co-Produktionen und Tourneen hier waren sehr wichtig für uns und halfen uns zu überleben.

Ich habe in Deutschland Freunde gefunden, ich habe Theater gespielt und Filme gedreht und ich war bei der Berlinale. Insofern habe ich eine ganz persönliche Geschichte hier. Deutschland hat sich in all diesen Jahren sehr verändert, und ich bin ein Teil der Geschichte.Sie haben von Christus bis zum Antichristen schon die unterschiedlichsten Rollen gespielt, Hauptrollen, Nebenrollen, Cameo-Auftritte beim Theater waren auch dabei. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Rollen und Projekte aus?

Da gibt's keine Regeln, ich mache das rein intuitiv. Natürlich schaue ich mir das Drehbuch und die Rolle genau an, aber auch das Umfeld und wer den Film als Regisseur betreuen wird, ist wichtig. Ich schaue mir immer das große Ganze an, aber man weiß nie genau, was eine Rolle beinhaltet, bis man sie spielt.

Es heißt, Sie seien zunächst skeptisch gewesen, den Jesus in Martin Scorseses Film "Die letzte Versuchung Christi" zu spielen …

Willem Dafoe in "Die letzte Versuchung Christi" Bild: picture-alliance/dpa

Eigentlich nicht. Ich war nur überrascht, dass Martin Scorsese mich in der Rolle des Jesus wollte. Anfangs dachte ich, dieses Projekt passt gar nicht so recht zu ihm, obwohl ja eigentlich alle seine Filme auch eine tiefgründige, fast spirituelle Facette haben. Aber nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, waren alle Zweifel beseitigt. Es war trotzdem ein ganz besonderer Dreh, weil man so viele unterschiedliche Vorstellungen von Jesus hat. Ich musste mich ganz davon befreien und bei Null anfangen.

Ihre zweite Oscar-Nominierung bekamen Sie für die Rolle als Blutsauger in "Shadow of the Vampire", eine fiktive Geschichte über die Entstehung von Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm "Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens" im Jahr 1922: Was hat Sie an diesem Film gereizt?

Allein die Vorstellung, sich unter dem ganzen Make-up zu verwandeln und dann den Charakter des Max Schreck aus Nosferatu zu kopieren … natürlich war es kein reines Kopieren, aber das war der erste Schritt. Als Übung und als neuartiges Erlebnis war das ganz schön faszinierend. 

Einer meiner Lieblingsfilme von Ihnen ist Oliver Stones "Platoon", wo Sie die Rolle des Sergeant Elias spielen. Ihre Sterbeszene ist eine der beeindruckendsten in der ganzen Filmgeschichte. Was war Ihre Herangehensweise?

Das war einfach nur Action – nach dem Motto "Renn um dein Leben". Ich wusste, wo etwas explodieren würde. Alle Kameras waren entweder am Boden versteckt oder schwebten in der Luft, vom Filmteam war keiner in meiner Nähe. Ich stand mitten im Dschungel. An meinen Klamotten war ein Walkie Talkie angebracht, und als ich soweit war, rief ich: 'Okay, jetzt' und rannte los. Ich musste die Explosionen selbst auslösen und wusste daher, wo etwas hochgehen würde. Eigentlich war das nur simple Aktion, aber eine, auf die wir stolz sein können – 500 Männer jagen dich und schießen auf dich und du rennst um dein Leben.

Der Schauspieler 1986 als Sergeant Elias in Oliver Stones "Platoon" Bild: picture-alliance/Orion Pictures Corp/Courtesy Everett Collection

Jetzt haben Sie Ihre dritte Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller für Ihre Rolle als Motelmanager Bobby in "The Florida Project" beschrieben. Es ist eine Low Budget-Produktion mit Laien- und Kinderdarstellern. Was hat Sie an dem Film gereizt?

Genau so arbeitet der Regisseur Sean Baker. Er bringt gerne Profi-Schauspieler, Anfänger, Laiendarsteller und Kinder zusammen. Ich wusste, dass wir dort drehen würden, wo die Geschichte spielt und dass der Film die Geschichte von versteckter Obdachlosigkeit erzählen würde – von Menschen, die unweit von Disneyland in einem billigen Motel hausen müssen.Für mich war es eine Herausforderung, als Laiendarsteller durchzugehen: dass die Leute, die den Film angucken, also vergessen, dass ich eigentlich ein Schauspieler bin. Natürlich sollen sie das immer vergessen, aber in diesem Fall war es etwas ganz Besonderes.

Haben Sie sich den Bart für Ihre nächste Rolle wachsen lassen?

Reif für den Oscar mit "The Florida Project"?Bild: picture-alliance/AP Photo/A24

Ja, genau. Ich spiele einen Leuchtturmwärter und möchte möglichst alt aussehen. Außerdem spielt der Film im Jahr 1890, da passt der Bart in die Zeit.

Sie haben bei der Berlinale den Golden Ehrenbären für Ihr Lebenswerk bekommen, aber wie Sie selbst gerade gesagt haben, haben Sie ja noch einiges vor. Sind Sie noch ehrgeizig? Und was wollen Sie noch erreichen?

So einiges. Ich bin immer noch ehrgeizig, und ich bin immer noch neugierig. Als Schauspieler versucht man immer, den Punkt zu erreichen, an dem man mit dem Material verschmilzt und genau daraufhin möchte ich auch weiterarbeiten. Manchmal, wenn ich vor der Kamera stehe, fühle ich diese Momente. Mein Anspruch ist, sie alle zu verbinden.   

Das ist wirklich eine Lebensaufgabe, vielleicht komme ich nie ans Ziel, aber ich versuche es. Einfach diese Präsenz auszustrahlen, wenn man mit der Geschichte in jedem Moment eins wird.

Das Interview führten Adrian Kennedy und Hans Christoph von Bock während der Berlinale im Februar.

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