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KonflikteIrak

Wird der Irak in den Iran-Krieg hineingezogen?

Cathrin Schaer
3. April 2026

Teherans "Achse des Widerstands" ist auch im Irak aktiv. Milizen greifen Ölfelder, Hotels sowie militärische US-Einrichtungen im Land an. Die USA bomben zurück. Einblicke in Bagdads Sicherheitsdilemma.

Iran Chorramschahr 2026 | Eine Autokolonne mit Männern, die iranische Flaggen schwenken, rollt auf einer Straße entlang
"Humanitäre Mission"? Am vergangenen Wochenende passierten Mitglieder der mit dem Iran verbündeten Milizen in einem Autokonvoi die Grenze zwischen Irak und Iran. Über ihre Ziele herrscht UnklarheitBild: Haidar Mohammed Ali/Anadolu/picture alliance

Vor einigen Tagen überquerten Lastwagen und PKW-Kolonnen die Grenze zwischen Irak und Iran. Der Konvoi sollte angeblich "eine humanitäre Mission" erfüllen.

Es gibt jedoch den begründeten Verdacht, dass die Kolonne in Wirklichkeit Mitglieder einer mit dem Iran verbündeten irakischen Miliz befördert haben könnte. Bedeutet dies, dass der Irak in den Iran-Krieg mit hineingezogen wird?

"Iran braucht keine Soldaten aus dem Irak"

Unwahrscheinlich, sagen Experten der DW. "Selbst wenn mit dem Konvoi Kämpfer transportiert wurden, dürfte dies in einem Krieg, der von Luftangriffen, Raketen und übergeordneten regionalen militärischen Kalkülen geprägt ist, kaum einen nennenswerten Unterschied bringen", meint Hayder al-Shakeri, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim britischen Think Tank Chatham House.

Omar al-Nidawi, Direktor für Programme und Forschung bei der US-amerikanischen Organisation "Enabling Peace in Iraq" (EPIC), stimmt zu. Der Iran brauche keine Fußsoldaten aus dem benachbarten Irak, sagt er.

Politische Prozession: Unterstützer der Volksmobilisierungskräfte im Irak nehmen an der Beisetzung eines ihrer Mitglieder in der irakischen Stadt Najaf teil. Die Miliz gehört zu den Verbündeten Teherans im Irak.Bild: Anmar Khalil/AP Photo/picture alliance

"Ich glaube, es geht eher darum, Angst vor einer Ausweitung des Krieges zu schüren", erklärt al-Nidawi der DW. Teheran wolle damit drohen, Leid und Chaos für die USA und ihre Verbündeten zu vergrößern und auf diese Weise demonstrieren, dass man auch außerhalb der Landesgrenzen Kräfte mobilisieren könne.

Kräfte, "die auch in Kuwait oder Syrien zuschlagen könnten, wie einige pro-iranische Milizkommandeure es diese Woche angedeutet haben. Das Bild dieses Konvois ist eher als Machtdemonstration in diesem Sinne zu verstehen", so al-Nidawi.

"Achse des Widerstands" im Irak

Laut Experten dürfte allerdings die aktuelle Lage im Irak in Wirklichkeit wesentlich problematischer sein. Denn die an dem Konvoi beteiligten paramilitärischen Kräfte gehören zu den sogenannten Volksmobilisierungskräften (PMF).

Diese etwa 238.000 Mann starke Truppe wurde 2014 gegründet, um gegen die als "Islamischer Staat" bekannte extremistische Gruppe zu kämpfen. Seitdem wurden die PMF offiziell in die irakischen Streitkräfte integriert, ihre Mitgliederwerden von der Regierung bezahlt. Sie verfügen zudem über eine bedeutende politische Vertretung und Macht im irakischen Parlament.

Innerhalb der PMF gibt es Fraktionen, die der iranischen Regierung näher zu stehen scheinen als ihrer eigenen. Diese Fraktionen gelten als Teil der sogenannten "Achse des Widerstands", einer Gruppe von Milizen im Nahen Osten, die als Stellvertreter des Iran agieren. Dazu zählen auch die Hisbollah im Libanon, die Hamas im Gazastreifen und die Huthi-Rebellengruppe im Jemen.

Angriffe auf Ölfelder und Hotels

Im Irak reagierten die Milizen der "Achse des Widerstands" umgehend nach dem Angriff von USA und Israel auf den Iran Ende Februar. Sie griffen Ziele an, die ihrer Aussage nach mit den USA oder Israel in Verbindung stehen.

Dazu gehören diplomatische und militärische Einrichtungen der USA und Europas sowie zivile Infrastruktur, darunter Ölfelder und Hotels. Außerdem feuerten sie Raketen über die irakischen Grenzen hinweg ab.

Wie al-Shakeri betont: "Selbst eine relativ kleine Anzahl von Gruppierungen kann mit ihren Aktionen enorme Auswirkungen erreichen." Ihre Vergeltungsmaßnahmen könnten das ganze Land den Folgen eines Konflikts aussetzen, den die meisten Iraker nicht wollen."

Attacke im Irak: Nach einer Drohnenattacke am 1. April auf ein Öllager bei Erbil steigen schwarze Rauchwolken auf. In der Region sind nach wie vor US-Truppen stationiertBild: Gailan Haji/Middle East Images/picture alliance

Bagdads Sicherheitsdilemma

Und der Konflikt innerhalb des Iraks schwelt bereits. Die USA haben Hochburgen der PMF bombardiert – als Reaktion auf die verschiedenen Angriffe der Milizen auf Ziele, die mit den USA in Verbindung stehen. Die irakische Regierung ordnete unterdessen in einer Sondersitzung an, dass jeder, der irakische Sicherheitsinstitutionen, zivile Einrichtungen oder diplomatische Vertretungen angreift, festgenommen werden solle.

Gleichzeitig erteilte Bagdad während derselben Sondersitzung allen Militäreinheiten, einschließlich der PMF Milizen, weitreichendere Befugnisse, um auf Angriffe gegen sie "in Notwehr" zu reagieren – eine Maßnahme, die das Sicherheitsdilemma Bagdads offenbart.

Die Entscheidung sei umstritten, da sie "den Irak faktisch zu einem Kriegsteilnehmer macht und damit die Regierung in Bagdad für Handlungen verantwortlich macht, die von den PMF-Fraktionen unter dem Vorwand der Selbstverteidigung durchgeführt werden", erklärt Mohammed Salih, leitender Mitarbeiter beim US-amerikanischen Think Tank Foreign Policy Research Institute, in einer Analyse .

Ein weiteres Beispiel für das irakische Sicherheitsdilemma ist die Entführung der US-amerikanischen Journalistin Shelley Kittleson in Bagdad. Die Korrespondentin des US-amerikanischen Medienunternehmens Al Monitor, wurde am 1. April im Zentrum der irakischen Hauptstadt entführt.

Medienberichten zufolge handelte es sich bei den Entführern wahrscheinlich um Mitglieder einer PMF-Fraktion: der Kataib Hisbollah. Die Gruppe hatte Kittlesons Namen offenbar auf einer Liste von Zielen stehen. Anonyme Quellen teilten der New York Timesmit, die Gruppe habe angeboten, über Kittlesons Freilassung zu verhandeln.

Die mit dem Iran verbündete Milizen im Irak haben zudem offizielle Sicherheitsorganisationen ihres eigenen Landes angegriffen, darunter den irakischen Geheimdienst in Bagdad und den irakischen Dienst zur Terrorismusbekämpfung.

"Verdeckte Rivalitäten im Sicherheitsapparat" 

Die Angreifer behaupten, die beiden Organisationen stünden in Verbindung mit den USA. So ist beispielsweise bekannt, dass irakische Beamte gemeinsam mit amerikanischen Offizieren in der Terrorismusbekämpfung ausgebildet wurden.

"Dass Milizen, die der PMF angehören oder mit ihr verbunden sind, begonnen haben, offizielle staatliche Institutionen direkt anzugreifen, deutet darauf hin, dass eine seit langem bestehende, weitgehend verdeckte Rivalität nun eine weitaus gefährlichere Schwelle erreicht hat", legt Sercan Caliskan, Irak-Experte beim türkischen Think Tank Center for Middle Eastern Studies, in einem Briefing dar. 

Die PMF habe eine gefährliche Doppelrolle innerhalb des irakischen Staates. "Einerseits", so Caliskan, "ist sie formal eine Sicherheitseinheit. Andererseits sind einige Teile von ihr in der Lage, andere offizielle staatliche Institutionen anzugreifen." Das Land stehe nun vor einem Szenario, in dem verschiedene Elemente seines Sicherheitsapparats effektiv gegeneinander ausgespielt würden.

Politische Einschüchterung: Der irakische Ministerpräsident al-Sudani (Mitte rechts) besichtigt das Hauptquartier des irakischen Geheimdienstes nach einem Drohnenangriff, der von einer mit dem Iran verbündeten Miliz verübt wurdeBild: Iraqi Prime Minister's Press Office/Handout/Anadolu/picture alliance

Das Problem ist nicht neu. "Der Krieg im Iran verschärft ein Problem, das schon vor Jahren hätte gelöst werden müssen", ist Analyst al-Shakeri überzeugt. "Es gibt ernsthafte Sorgen über die Zersplitterung sowohl der politschen Landschaft im Irak als auch innerhalb des irakischen Sicherheitssystems", erklärt er.

Schwacher Staat, starke Milizen

Al-Nidawi von der EPIC bestätigt die Entwicklung. "Diese Vereinnahmung des Staates gleicht einem Zugunglück, das sich seit 20 Jahren angebahnt hat, und nun sehen wir zu, wie die Trümmer in alle Richtungen geschleudert werden."

Um den Schaden rückgängig zu machen, müsse der Iran weniger Einfluss auf den Irak ausüben können, merkt er an. Doch das scheine unrealistisch. Eine andere Möglichkeit sei, dass gemäßigtere PMF-Fraktionen Druck auf die militanteren Fraktionen ausüben, sagt er. 

Al-Shakeri von Chatham House sieht dies ähnlich. Er verweist auf die schwierige Situation, dass  Irak nach den Wahlen im vergangenen November noch immer keine neue Regierung gebildet hat. "Zunächst besteht die Priorität für Bagdad darin, den Schaden zu begrenzen, eine Eskalation zu verhindern und auf die Bildung einer Regierung hinzuwirken", analysiert er. 

"Erst danach wird es eine Chance geben, auf echte Reformen hinzuarbeiten."

Adaption aus dem Englischen: Astrid Prange.

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