Führt der Iran-Krieg zu nuklearem Wettrüsten in Nahost?
8. April 2026
Kein Zweifel: Die nukleare Bedrohung im Nahen Osten hat im Zuge des aktuellen Konflikts zugenommen. Im Verlauf des Krieges, der Ende Februar mit Angriffen der USA und Israels auf den Iran begann, wurden Nuklearanlagen sowohl im Iran als auch in Israel angegriffen. Damit ist ein Bereich betroffen, der als besonders sensibel gilt.
US-Präsident Donald Trump hat mehrfach erklärt, es gehe darum, den Iran am Bau und Besitz von Atomwaffen zu hindern. Das iranische Atomprogramm wird nun Teil der Verhandlungen während der vereinbarten zweiwöchigen Waffenruhe sein.
Fachleute warnen jedoch, das Vorgehen der USA und Israels gegen das iranische Regime könne sich als kontraproduktiv erweisen und bestehende Abschreckungslogiken untergraben.
Atomwaffen gelten als Mittel der Abschreckung: Sie sollen Gegner davon abhalten, militärisch zu handeln. Häufig wird auf Nordkorea verwiesen, dessen Nukleararsenal nach Ansicht einiger Beobachter zur Stabilisierung des Regimes beiträgt, indem es äußere Interventionen unwahrscheinlicher macht. Das könnte trotz aller Dementis durchaus in Teherans Kalkül liegen.
Als ein anders gelagertes Beispiel gilt die Ukraine. 1994 gab sie das damals drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt auf gegen Sicherheitsgarantien Russlands, der USA und Großbritanniens. Heute wird von manchen Experten argumentiert, Russland hätte das Land ohne dessen vorherigen Atomwaffen-Verzicht nicht angegreifen können.
Der Iran befand sich zuletzt in einem Zustand sogenannter "nuklearer Latenz" - also der wohl vorhandenen Fähigkeit, eine Atombombe zu entwickeln, ohne jedoch diesen Schritt nach allen zugänglichen Informationen bereits tatsächlich nachvollzogen zu haben. Dies ließ - jedenfalls zunächst noch - politischen Spielraum, ohne die Schwelle zur offenen Konfrontation zu überschreiten.
"Strategische Ambiguität"
"Jahrelang setzte der Iran auf strategische Ambiguität und blieb bewusst unterhalb der nuklearen Schwelle, um Angriffe zu vermeiden", schrieb der Experte Rupal Mehta von der London School of Economics unlängst: "Die neue Führung steht nun vor einer düsteren Abwägung zwischen Risiko und Abschreckungslogik." Diese könnte noch gesteigert werden durch Trumps Drohung, den Iran zurück in die Steinzeit zu bomben.
Vergangene Woche erklärten iranische Politiker, das Land erwäge einen Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag von 1968, dem 191 Staaten angehören. Ein solcher Schritt würde das internationale Kontrollregime weiter schwächen.
Die durch den Krieg ausgelösten Verschiebungen in der regionalen Sicherheitsordnung könnten auch andere Staaten im Nahen Osten dazu bewegen, über eigene Atomprogramme nachzudenken oder bestehende Pläne zu beschleunigen.
"Mehrere Faktoren könnten die Länder am Golf näher an Atomwaffen heranführen", sagt Kelsey Davenport von der Arms Control Association mit Sitz in Washington. Die Staaten befänden sich zwischen den Machtansprüchen Irans und Israels und hätten teilweise das Vertrauen in die USA als Schutzmacht verloren.
Gleichzeitig seien die Hürden hoch; ein kurzfristiger Griff zur Bombe gilt als unwahrscheinlich. Technologische, institutionelle und politische Voraussetzungen müssten erst geschaffen werden. Die Golfstaaten würden vermutlich zudem zunächst den weiteren Verlauf des Konflikts abwarten. "Der Krieg wird die Debatte über die sicherheitspolitische Bedeutung von Atomwaffen jedoch deutlich verschärfen", so Expertin Davenport.
Streben Golfstaaten nach Atomwaffen?
Saudi-Arabien hat im vergangenen Jahr mit amerikanischer Unterstützung erste Schritte zumindest in Richtung nuklearer Eigenständigkeit unternommen. Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) hatte bereits zuvor erklärt, sein Land werde im Fall eines iranischen Atomwaffen-Erwerbs nachziehen.
Nach einem USA-Besuch im November soll MbS laut Medienberichten mit einem Abkommen zur nuklearen Zusammenarbeit zurückgekehrt sein, das Saudi-Arabien die Urananreicherung ermöglichen könnte. Ein solches Abkommen müsste jedoch noch vom US-Kongress gebilligt werden, meint Nour Eid, unabhängige Expertin für verschiedene Einrichtungen mit Sitz in Paris.
Üblicherweise enthalten solche Abkommen strenge Kontrollmechanismen der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA), die Transparenz und Überprüfbarkeit sichern sollen. Im saudischen Fall könnten diese möglicherweise geringer ausfallen, so die Befürchtung. Kritik kommt unter anderem von einem früheren IAEA-Direktor, Robert Kelley, der von einem Bruch mit der bisherigen Praxis spricht.
Allerdings dürfte es laut Eid noch zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis Saudi-Arabien über substantielle nukleare Kapazitäten verfüge. Zudem fehlten qualifizierte Fachkräfte und industrielle Grundlagen. Kurzfristig stehe bei den Saudis wohl tatsächlich die zivile Energiegewinnung im Vordergrund, so Eid.
Die Vereinigten Arabischen Emirate betreiben bereits ein Kernkraftwerk und verzichten bewusst auf Urananreicherung. Für sie stand bislang eher Prestige als militärisches Interesse im Vordergrund. Eine Vertragsklausel erlaubt jedoch Neuverhandlungen, falls andere Staaten flexiblere Bedingungen erhalten.
Auch Ägypten und Türkei haben Pläne
Ein Grund für die offenbar flexiblere US-Position gegenüber dem VAE-Nachbarn und -Konkurrenten Saudi-Arabien könnte im Wettbewerb der Amerikaner mit China und Russland liegen, die Nukleartechnologie häufig zu weniger strengen Bedingungen anbieten und damit geopolitischen Einfluss sichern, meint Eid.
Auch Ägypten und die Türkei könnten langfristig nukleare Fähigkeiten entwickeln, meinen Experten: Ägypten baut mit russischer Unterstützung einen Reaktor an der Mittelmeerküste, dürfte jedoch absehbar nicht in der Lage sein, ihn militärisch nutzen, glauben Experten. Die Türkei setze ebenfalls auf Kooperationen mit Russland und möglicherweise zukünftig auch China, so Nour Eid. Als NATO-Mitglied habe sie jedoch ohnehin einen atomaren Schutzschirm, der den Druck zur nuklearen Eigenbewaffnung mindere.
Wie lässt sich Weiterverbreitung stoppen?
Die amerkikanische Expertin Kelsey Davenport betont die globale Dimension: Weder China noch Russland hätten Interesse an einem Zusammenbruch des Nichtverbreitungssystems, auch aus eigenem sicherheitspolitischem Kalkül.
Zwar könnten beide Länder Technologien oder Materialien liefern - eine aktive Unterstützung beim Bau von Atomwaffen sei jedoch trotz der Konkurrenz zu den USA in der Zusammenarbeit beider Länder mit dem Iran unwahrscheinlich. Eher könnten Staaten geopolitische Spannungen nutzen, um die politischen Kosten eines nuklearen Schwellenstatus zu begrenzen und Spielräume auszuloten.
Entscheidend bleibe ein regionaler Sicherheitsdialog, der über kurzfristige Konfliktlogiken hinausgeht. Ein solcher Dialog werde "nach einem solchen Konflikt schwierig sein", meint Davenport. "Aber er ist die beste Chance, eine weitere nukleare Aufrüstung zu verhindern und langfristig Stabilität zu schaffen."
Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.