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Ein Grieche als Leiter der Euro-Gruppe?

10. Dezember 2025

Griechenlands Finanzminister Kyriakos Pierrakakis bewirbt sich um das Amt des Euro-Gruppen-Chefs. Seine Chancen stehen gut, da er nur einen Mitbewerber hat. Am Donnerstag kommt es zur Kampfabstimmung in Brüssel.

Ein Mann mit gelockten schwarzen Haaren und einer dunklen Hornbrille blickt seitlich von der Kamera weg
Griechenlands Finanzminister Kyriakos Pierrakakis hat innerhalb weniger Jahre eine steile politische Karriere in Griechenland hingelegt. Nun bewirbt er sich auf einen wichtigen Posten in EuropaBild: Aris Oikonomou/SOOC/AFP/Getty Images

Wenn die Euro-Gruppe einen neuen Chef sucht, gehört es wohl zum guten Ton in Brüssel, dass Deutschland, Frankreich und Italien keinen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Anscheinend wollen die Schwergewichte Europas nicht den Eindruck erwecken, dass sie kleineren Ländern ihren Willen und ihre eigene Haushaltspolitik mit diesem Gremium aufzwingen, das die Wirtschafts- und Finanzpolitik aller EU-Länder mit dem Euro als Währung koordiniert. Oder sie gehen davon aus, dass die wahre Macht woanders sitzt - etwa bei der Europäischen Zentralbank (ΕΖΒ) in Frankfurt.

Mit Jean-Claude Juncker wurde 2004 ein Luxemburger zum ersten Vorsitzenden der Euro-Finanzminister ernannt. Auf ihn folgten der Niederländer Jeroen Dijsselbloem, der Portugiese Mário Centeno sowie Paschal Donohoe aus Irland. Nun könnte erstmals ein Grieche das Zepter übernehmen: Kyriakos Pierrakakis - Computerwissenschaftler und enger Vertrauter des konservativen griechischen Regierungschefs Kyriakos Mitsotakis. Um den Posten bewirbt sich auch der Belgier Vincent van Peteghem, immerhin einer der dienstältesten Finanzminister in der Euro-Gruppe. 

Vom Sorgenkind zum Musterschüler

Noch vor zehn Jahren wäre es wohl unvorstellbar gewesen, dass ein Grieche die Leitung der Euro-Gruppe übernimmt. Schließlich war Griechenland noch 2015 zahlungsunfähig. Doch seitdem hat sich einiges getan: Das durchschnittliche jährliche Wachstum in Hellas beträgt mittlerweile zwei Prozent. Bis 2030 will das einstige Sorgenkind Europas seine Gläubiger "positiv überraschen", wie es in Athen heißt, und die Schuldenquote auf 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) drücken.

Die Schuldenquote zeigt, wie hoch die Staatsschulden im Vergleich zur gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes sind. Vereinfacht gesagt gilt: Je höher der Wert, desto wahrscheinlicher gilt ein Land als wirtschaftlich instabil. 2020 lag die Schuldenquote Griechenlands beispielsweise bei knapp 250 Prozent

Wegen der Finanzkrise kam es 2011 zu zahlreichen Entlassungen und harten Sparpaketen. Demonstranten reagierten auf den extremen Sparkurs teils mit Wut, wie hier bei Ausschreitungen in Athen im Oktober 2011Bild: dapd

"Heute sind wir ein Land, das einen ausgeglichenen Haushalt und sogar Überschüsse im Haushalt vorweist", erklärte Pierrakakis im Interview mit der DW Ende November in Berlin. Die Wachstumsrate sei deutlich höher als der EU-Durchschnitt, zudem habe die Arbeitslosigkeit in Griechenland wieder das Niveau von vor der Finanzkrise erreicht, meint der 43-Jährige. Sein Fazit: "Wir sind auf gutem Wege, aber es gibt immer noch einige Herausforderungen zu meistern."

Ein Wunderkind der Athener Politik

Pierrakakis gilt als einer der "jungen Wilden" in der konservativen Regierungspartei, auf die Premier Mitsotakis besonders gerne setzt. Nach seinem Informatikstudium in Athen absolvierte er ein Masterstudium in Harvard und sammelte zudem Berufserfahrung als Wirtschaftsforscher beim renommierten Athener Thinktank Dianeosis.

Bei der vorgezogenen Parlamentswahl 2019 konnten die Konservativen einen Erdrutschsieg verbuchen und die absolute Mehrheit erobern. Premier Mitsotakis setzte auf eine Mischung aus Alt und Jung. Eine Chance gab er auch Quereinsteigern und neuen Kräften. Keiner von ihnen brachte es innerhalb kurzer Zeit so weit wie Pierrakakis.

Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis nach seinem Sieg bei der letzten Parlamentswahl im Juni 2023. Mitsotakis Partei Nea Dimokratia erreichte damals die absolute Mehrheit, Pierrakakis wurde BildungsministerBild: Louiza Vradi/REUTERS

Dabei ließ sich der Hoffnungsträger aus dem Peloponnes, einer Halbinsel im Süden Griechenlands, nirgendwo lange aufhalten: Ab 2019 führte er das neue Digitalministerium und koordinierte die digitale Transformation der Verwaltung während der Pandemie. 2023 wurde er überraschend Bildungsminister. Nach einer umfassenden Regierungsumbildung im März 2025 übernahm Pierrakakis das Wirtschafts- und Finanzministerium. Seitdem sorgt er für eine Fortsetzung der Haushaltskonsolidierung in Athen.

Eine Agenda für Brüssel          

Sollte der Sprung nach Brüssel gelingen, hätte Pierrakakis auch dort einiges vor. "Die Spar- und Investitionsunion ist das wichtigste EU-Projekt unserer Generation", sagte er im DW-Interview. Diese EU-Initiative hat das Ziel, in Europa angesparte Bankeinlagen in produktivere Investitionen fließen zu lassen. Dadurch würde die Wettbewerbsfähigkeit der EU gestärkt, sagte Pierrakakis.

Pierrakakis spricht sich deutlich für EU-Initiativen wie die Spar- und Investitionsunion ausBild: Martin Bertrand/IMAGO

Ein gemeinsamer, offener Wirtschaftsraum in Europa, in dem Unternehmen frei investieren können, wird in Sonntagsreden immer wieder beschworen. Doch viele Politiker zögern, wenn es zur Sache geht - etwa, wenn die Börse oder eine systemrelevante Bank im eigenen Land von einem anderen europäischen Unternehmen übernommen werden könnte.

Übernahme der Athener Börse

Pierrakakis sieht das offenbar anders. Und er geht mit gutem Beispiel voran: In Griechenland wird derzeit über eine Übernahme der Athener Börse durch die Mehrländerbörse Euronext verhandelt. Laut Presseberichten würden griechische Investoren dadurch einem Netzwerk mit einem Wert von über sechs Billionen Euro beitreten. Dieser Zusammenschluss sei ein Vertrauensbeweis für die griechische Wirtschaft, erklärte Pierrakakis in einer Pressemitteilung.

Die Athener Börse wurde während der griechischen Staatsschuldenkrise vorübergehend geschlossenBild: Milos Bicanski/Getty Images

Auch die Beteiligung der italienischen Großbank UniCredit an der griechischen Alpha Bank wird vom Athener Finanzministerium wohlwollend betrachtet. Ende Oktober erhöhten die Italiener ihren Anteil auf 29,5 Prozent. Von einer Fusion ist (noch) nicht die Rede, auch wenn Alpha Bank als attraktiver Übernahmekandidat gilt: Das drittgrößte Geldhaus Griechenlands steigert in diesem Jahr seinen Gewinn auf 703 Millionen Euro und investiert verstärkt auf Zypern.

Pierrakakis befürwortet die wachsende Rolle von Unicredit bei der Alpha Bank. Ebenfalls begeistert zeigt sich UniCredit-Chef Andrea Orcel: In Griechenland "wurden wir von allen willkommen geheißen", berichtete er in einem Interview mit dem Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz. Mehr noch: Griechenland sei das einzige Land, das "die EU-Regeln wirklich akzeptiert", fügte der Italiener hinzu.

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