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Wird Südafrika Sexarbeit entkriminalisieren?

Solimar Thurn
16. Oktober 2025

Südafrika könnte als erstes afrikanisches Land Sexarbeit entkriminalisieren - ein Schritt, der marginalisierte Gruppen vor Gewalt und Gesundheitsrisiken schützen könnte. Doch der Fall stößt auf Widerstand.

Südafrika Kapstadt 2025 | SWEAT-Aktivisten demonstrieren f¸r Entkriminalisierung von Sexarbeit | Nahaufnahme
Aktivistinnen und Aktivisten versammeln sich Anfang September in Kapstadt, um die Verfassungsklage für eine Entkriminalisierung von Sexarbeit zu unterstützenBild: SWEAT

Connie Mathe betrachtete sich nie als Sexarbeiterin, bis eine neue Freundin sie darauf hinwies. Sie war 19 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, kämpfte ums finanzielle Überleben und hatte eine Beziehung mit einem verheirateten Mann, der ihr eine Wohnung in einem wohlhabenden Vorort von Kapstadt mietete. Die Freundin, selbst Sexarbeiterin, sagte zu Connie: "Das ist kein Freund, das ist Sexarbeit. Er kommt nur, um mit dir Sex zu haben, bringt dir Essen und zahlt die Miete."

Connie erzählt der DW, dass sie schon im Einzelhandel, in der Gastronomie und in einem Callcenter gearbeitet hatte, aber es reichte nie, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Damals dachte sie, dass sie nicht mehr finanziell von dem Mann abhängig wäre, wenn sie Vollzeit als Sexarbeiterin anfangen würde. Doch die Arbeit war gefährlich, geprägt von ständiger Polizeischikane und wöchentlichen Razzien. 

Jahre später wurde Connie wegen Betreibung eines Bordells verhaftet. Während der Festnahme, sagt sie, zwangen die Beamten sie, sich auszuziehen, und vergingen sich sexuell an ihr. Nach ihrer Freilassung stellte sie fest, dass ihre Ersparnisse gestohlen worden waren. Sie macht die Polizei verantwortlich, kann es aber nicht beweisen. 

Die Verhaftung brachte sie schließlich zur Sex Workers Education and Advocacy Taskforce (SWEAT), Südafrikas führender Organisation für die Rechte von Sexarbeitenden. Connie ist heute nationale Koordinatorin der Asijiki Coalition - ein Bündnis, das sich für die Entkriminalisierung von Sexarbeit in Südafrika einsetzt.

Warum entkriminalisieren?

Obwohl der Kauf und Verkauf von sexuellen Handlungen in Südafrika illegal ist, schätzt SWEAT, dass es etwa 150.000 Sexarbeitende im Land gibt. SWEAT-Vertreterin Megan Lessing beruft sich im DW-Gespräch auf eine Studie von 2013. Damals sei man zudem davon ausgegangen, dass 90 % der Sexarbeitenden Frauen seien. Lessing glaubt jedoch, dass diese Zahl heute eher bei 80 % liegt. 

Der Streit um Sexarbeit

12:34

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Wichtig ist: Sexarbeit bezieht sich laut dem Global Network of Sex Work Projects ausschließlich auf die einvernehmliche Erbringung sexueller Dienstleistungen zwischen Erwachsenen gegen Geld, Waren oder Gefälligkeiten. Befürworter der Entkriminalisierung verweisen auf Menschen wie Connie Mathe und argumentieren: "Sexarbeit ist Arbeit". Die Branche sei nicht von Natur aus gefährlich, sondern werde durch Kriminalisierung und Stigmatisierung gefährlich gemacht. Befürworter gehen auch davon aus, dass Entkriminalisierung den Menschenhandel verringern werde. 

2021 berichteten südafrikanische Forschende, dass etwa 70% der Sexarbeitenden in Südafrika körperliche Gewalt erfahren hätten. Fast 60% seien vergewaltigt worden, jede siebte von Polizisten. Die Studie ergab, dass diese Gewalttaten selten gemeldet würden - aus Angst vor Verhaftung oder Schikane.

Die Stigmatisierung von Sexarbeitenden hat ebenfalls dazu geführt, dass sie überproportional von HIV betroffen sind. Obwohl Südafrika große Fortschritte im Kampf gegen das Virus gemacht hat, hat das Land laut UNAIDSimmer noch die weltweit größte nationale HIV-Epidemie. Aktivisten und Gesundheitsfachkräfte sagen, dass Sexarbeitende, die medizinische Hilfe suchen, oft Spott und Verachtung erfahren. 

Was spricht gegen Entkriminalisierung?

Anfang September 2025 entschied ein Richter am Western Cape High Court, dass 16 NGOs den Fall der Entkriminalisierung argumentieren dürfen. Vierzehn befürworten die Entkriminalisierung. Zwei, darunter Cause for Justice (CFJ), sind dagegen. Das Gericht bereitet sich nun auf einen großen Prozess vor. 

Die CFJ steht für das, was sie als Familienwerte bezeichnet, und sagt, der Fall sei eine Frage der "fundamentalen menschlichen Würde". Die NGO bezeichnet Sexarbeit als Prostitution, die "die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers darstellt und Menschen auf kommerzielle Sexobjekte für die Befriedigung räuberischer Individuen reduziert". Als Gründe, dass Sexarbeit kriminalisiert bleiben müsse, nennt die CFJ: Sie erniedrige Frauen, fördere Menschenhandel, führe zu Kinderprostitution, erhöhe das Risiko sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) erheblich und stelle eine öffentliche Belästigung dar. 

Das Argument, dass Sexarbeit von Natur aus entmenschlichend sei, findet sich auch in manchen feministischen Debatten, wo sie als extreme Form geschlechtsspezifischer Gewalt und vollständige Ausbeutung weiblicher Körper betrachtet wird. Befürworterinnen der Entkriminalisierung hingegen sagen, diese Sichtweise untergrabe ihre körperliche Selbstbestimmung.

Duale Strategie der Aktivistinnen und Aktivisten

2022 veröffentlichte das Justizministerium einen Gesetzesentwurf, der Gesetze zur Kriminalisierung von Sexarbeit aufheben würde, doch der steckt im parlamentarischen Prozess fest - wegen vorgeschlagener Inhaltserweiterungen, Kritik von Gegnern und Regierungswechseln. SWEAT-Vertreterin Megan Lessing sagt, dass die Dringlichkeit und der politische Wille nachgelassen hätten. 

Während die Aktivistinnen von SWEAT weiterhin für den Entwurf kämpfen, verfolgen sie nun eine "duale Strategie", wie Lessing es nennt, bei der sie auch die Verfassungsmäßigkeit der Gesetze gegen Sexarbeitende anfechten. SWEATs Rechtsteam gibt an, die Kriminalisierung von Sexarbeit sei verfassungswidrig - im Hinblick auf das Recht auf Freiheit und Sicherheit, Zugang zur Justiz, faire Arbeitsbedingungen und Gesundheitsversorgung. Ein großer Erfolg war im August 2025 die landesweite Aussetzung der Strafverfolgung von Sexarbeitenden bis zum Prozessbeginn.

Weltweit gibt es zunehmend Bestrebungen, Sexarbeit zu entkriminalisieren, darunter auch in den Vereinigten StaatenBild: Erik McGregor/Pacific Press Agency/IMAGO

Ein globales Reizthema

Südafrika ist nicht das einzige Land, das mit der Gesetzgebung zur Sexarbeit ringt. Weltweit gibt es viele Modelle, und jedes ist umstritten. In Ländern wie Schweden, Norwegen, Kanada und Israel wird das sogenannte Nordische Modell angewendet. Strafmaßnahmen für den Verkauf von sexuellen Handlungen werden aufgehoben, aber der Kauf bleibt illegal. In anderen Ländern, darunter Deutschland, die Niederlande, Peru und Senegal, ist Sexarbeit legalisiert - das heißt, Regierungen erlassen spezifische Gesetze und Vorschriften. Dies erlaubt bestimmte Formen von Sexarbeit unter kontrollierten Bedingungen, und einige Länder verlangen eine Registrierung und verpflichtende Gesundheitschecks. 

Die vollständige Entkriminalisierung gibt es nur in Neuseeland und Belgien. Dabei werden alle Gesetze und Vorschriften aufgehoben, die einvernehmliche Sexarbeit zwischen Erwachsenen bestrafen. Sexarbeit wird wie jeder andere Beruf behandelt, um Stigmatisierung zu verringern, körperliche Selbstbestimmung zu wahren und Gesundheit und Sicherheit zu fördern. 

Global ist die Entkriminalisierung das rechtliche Modell, das von globalen, von Sexarbeitenden geführten Initiativen am meisten befürwortet wird. Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation, Amnesty International, Human Rights Watch und das Gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS haben ebenfalls die Entkriminalisierung von Sexarbeit gefordert.

"Kriminelle auf Lebenszeit"

Connie Mathe erklärt der DW, dass der Ausstieg aus der Sexindustrie schwierig sei, selbst wenn Sexarbeitende weitere Qualifikationen hätten: "Obwohl ich ein Diplom in Rechtswissenschaften habe, habe ich Angst, außerhalb von SWEAT nach einem Job zu fragen. Wenn man in Südafrika ein Vorstrafenregister hat, stellt einen niemand ein. Selbst Menschen, die aussteigen wollen, können es nicht", sagt sie. Das Vorstrafenregister Sexarbeitender könne erst zehn Jahre nach der letzten Verhaftung gelöscht werden - was viele effektiv zu "Kriminellen auf Lebenszeit" mache. 

Prostitution und Nigerias Mafia in Italien

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Wichtiger Prozess steht bevor

Connie Mathe bleibt hoffnungsvoll, dass das Western Cape High Court im Mai 2026 zu ihren Gunsten entscheiden wird, wenn der Fall vor Gericht kommt. Dies würde den Weg ebnen, damit Sexarbeitende Zugang zu denselben grundlegenden Rechten und Dienstleistungen erhalten wie alle anderen. 

SWEAT-Vertreterin Megan Lessing erkennt an: "Wir wissen, dass die Entkriminalisierung nicht alle Probleme lösen wird. Aber sie ist der erste Schritt, um das breite Spektrum der Probleme im Zusammenhang mit Sexarbeit anzugehen."

Bearbeitet von Cai Nebe, übersetzt aus dem Englischen von Silja Fröhlich