Wirtschaft der VAE: Am Abgrund oder auf Erholungskurs?
20. August 2026
Im Juli unterbreiteten die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ein Angebot, das für Schlagzeilen sorgte: Einwohner, die zwischen Juli und Oktober Besucher ins Land holten, würden Vergünstigungen im Wert von rund 800 US-Dollar erhalten. Damit reagierte die Regierung auf den Umstand, dass die meisten ausländischen Regierungen ihre Bürger wegen des Iran-Kriegs weiterhin vor Reisen in die VAE warnten.
Nachdem Israel und die USA Ende Februar mit Angriffen auf den Iran begonnen hatten, reagierte Teheran mit Attacken auf US-Verbündete in der Region, darunter die VAE. In der Folge brach die Hotelauslastung in Dubai drastisch ein: Die Zimmerbelegung sank von 80 auf rund 10 Prozent.
Seither haben einige Hotels wegen geplanter Renovierungen vorzeitig geschlossen. Andere Fünf-Sterne-Resorts lockten Einwohner mit 50 Prozent Rabatt zu einer "Staycation" - einem Urlaub im eigenen Land.
Auswirkungen auf ausländische Einwohner
Von den rund 11,8 Millionen Menschen in den VAE sind bis zu 10,4 Millionen keine Staatsangehörigen, sondern Ausländer. Die Gruppe reicht von Millionären bis zu Arbeitsmigranten, die ihren Lohn an Familien in der Heimat schicken.
Als iranische Raketen über sie hinwegflogen, verließen viele wohlhabendere Einwohner aus Sorge um ihre Sicherheit das Land. Damit sie nun zurückkehren, wollen die VAE die Regeln für den steuerlichen Wohnsitz flexibler handhaben: Die Einwohner können sich dann länger im Ausland aufhalten, ohne ihren steuerlichen Status in den VAE zu verlieren.
Die VAE schnürten zwar ein Hilfspaket von 680 Millionen US-Dollar (rund 587 Millionen Euro). Dennoch gibt es weitere besorgniserregende Indikatoren: Analysten erwarten einen Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen in den Golfstaaten sowie des Bruttoinlandsprodukts - erstmals seit Beginn der COVID-19-Pandemie. Die zur Economist-Mediengruppe gehördende 'Economist Intelligence Unit' warnte am 31. Juli, das Risiko eines erneuten regionalen Konflikts werde die Zurückhaltung der Investoren bis Jahresende bestimmen.
Arbeitgeber kündigten Stellenabbau und einen Einstellungsstopp an. Zugleich trieb der Inflationsdruck - unter anderem infolge der Blockade der Straße von Hormus - die Preise für Rohstoffe und Importgüter in die Höhe. Auch die Immobilienpreise gingen zurück.
Beschränkte Transparenz
Angesichts dieser Zahlen entsteht der Eindruck erheblicher wirtschaftlicher Probleme. Die autoritäre Regierung veröffentlicht allerdings keine regelmäßigen aktuellen Finanzdaten.
Wie unterschiedlich die Lage der VAE international infolgedessen bewertet wird, zeigte zuletzt der Antrag der Zentralbank der Emirate auf eine sogenannte Währungsswap-Fazilität mit den USA. Solche Fazilitäten ermöglichen den direkten Zugriff auf die Währung des jeweils anderen Vertragspartners unter Umgehung der Devisenmärkte.
US-Finanzminister Scott Bessent erklärte, die Gespräche hätten der Unterstützung der Wirtschaft der VAE bei der Bewältigung der Kriegsfolgen gedient. Kurz darauf widersprach der Botschafter der VAE in den USA, Yousef Al Otaiba: "Jede Behauptung, die VAE benötigten finanzielle Unterstützung von außen, verkennt die Tatsachen. Die VAE verfügen über eine der finanziell widerstandsfähigsten Volkswirtschaften der Welt", schrieb er auf Facebook.
Im Mai hatte Abdul Aziz al-Ghurair, Vorsitzender des Bankenverbands der VAE, erklärt, es gebe keinerlei Befürchtungen hinsichtlich eines Kapitalabflusses oder eines Dollarmangels. "Es geht darum, Vertrauen aufzubauen und zu signalisieren, dass wir zu den Volkswirtschaften mit dem weltweit größten Vertrauensvorschuss gehören", sagte eine namentlich nicht genannte Quelle der "Financial Times"
Die Gespräche über eine Währungsswap-Fazilität seien eher als "vorsorgliche Absicherung denn als Zeichen einer akuten Notlage" zu verstehen, beschwichtigt auch Experte Adam Holdstock der britischen Beratungsfirma 'Oxford Economics' im DW-Interview. Zwar sei die Geldbasis der VAE im März um 8 Prozent zurückgegangen. "Dennoch ist die grundlegende wirtschaftliche Lage der VAE stark, und der Rückgang der Geldbasis hat sich inzwischen stabilisiert."
Steffen Hertog von der 'London School of Economics' sagte Mitte Juli im Podcast "Money & Macro" ebenfalls, Marktreaktionen und Äußerungen von Unternehmen und Investoren vermittelten weiterhin den Eindruck, die Krise gehe vorüber. Die Erkenntnis einer "neuen Normalität" zwischen Krieg und Frieden, die sich lange hinzieht, habe sich noch nicht wirklich durchgesetzt. Zugleich verwies er auf die touristische Nebensaison im Hochsommer.
Uneinheitliche Auswirkungen
Steckt die Wirtschaft der VAE also in einer tiefen Krise oder ist sie auf dem Weg der Besserung? "Die Auswirkungen sind von Sektor zu Sektor unterschiedlich. Beide Einschätzungen treffen teilweise zu", sagt Adam Holdstock. "Der Großteil der Einbußen konzentriert sich auf den Einzelhandel, das Transport- und Lagerwesen sowie den Tourismus, da nicht damit gerechnet wird, dass die Zahl der internationalen Besucher vor 2028 wieder das Niveau von 2025 erreicht."
Weniger anfällige Bereiche wie Finanzdienstleistungen und staatsnahe Wirtschaftsaktivitäten federn die Verluste teilweise ab. Deshalb stelle sich das Gesamtbild "besser dar, als es die Daten aus dem Gastgewerbe allein vermuten ließen".
"Die VAE unternehmen große Anstrengungen, um die durch den Konflikt mit dem Iran verursachten Belastungen zu bewältigen. Doch da die Region in der Schwebe zwischen Konflikt und Stabilität verharrt, ist es schwierig, an mehreren Fronten wirtschaftliche Dynamik aufzubauen und aufrechtzuerhalten", sagt Robert Mogielnicki von dem in Washington beheimateten 'Arab Gulf States Institute' im DW-Interview. "Es ist noch zu früh, von einer echten Erholung zu sprechen, da ein dauerhaftes Ende der Feindseligkeiten noch nicht in Sicht ist."
Dennoch erwarten Mogielnicki und andere Analysten eine Erholung. "Unter der Annahme, dass der Krieg beigelegt wird, erwarten wir keine dauerhaften Schäden", sagt Holdstock. "Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten der VAE - darunter die unternehmensfreundlichen Rahmenbedingungen, die Position als globales Luftfahrtdrehkreuz sowie die Erfolgsbilanz bei der Anziehung von Kapital und Talenten - bleiben intakt."
Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.